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Internationale Sammler-Zeitung
Nr. 1
mit 3500 Pfd. Sterling (!) bezahlt. Prächtig war auch Duveens
Spezialsammlung der Schweiz, die u. a. einen ungebrauchten
„Sechserblock" der „Doppelgenf' und einen schönen „Fünf
zehnerblock" des Basler Täubchens enthielt.
(Marken aus deutschen Generalstabskarten.) Die
Papiernot der letzten Jahre hat schon viele interessante Er
scheinungen zutage gefördert. Eine der neuesten bilden die
Briefmarken, herausgegeben mit einem ganz neuen Marken
bilde der Republik Estland. Diese Marken sind in Ermangelung
anderer Papiersorten aus deutschen Generalstabskarten an
gefertigt. Auch gewöhnliche deutsche Kommandoblocks haben
übrigens für dieselben Zwecke Verwendung gefunden.
Waffen.
(Die Sammlung Pr. R. Forrer.) Man berichtet uns aus
.Zürich: Dank dem Entgegenkommen des Staates und der
Munifizenz eiriger Kunstfreunde konnte das Historische
Museum in Bern die Waffensammlung des Dr. R. Forrer
in Straßburg erwerben. Dr. Forrer, ein gebürtiger Schweizer,
wandte ein Menschenalter an die Sammlung, die wohl die
größte im Privatbesitze befindliche schweizerische Waffen
sammlung war.
Verschiedenes.
(Eine Mosaiktischtafel von Max Slevogt.) Max
Slevogt hat für einen Breslauer Kunstfreund eine an alt
römische Bacchusszenen erinnernde, sehr lebende Mosaik
tischtafel (runder Tisch) entworfen, die die Firma Heiners-
doiff, Berlin, aus vielen Tausenden bunter Steine ausführte.
Die Platte ist zurzeit in der Kunsthandlung Gurlitt in Berlin
ausgestellt.
(Münchener Glaspalast - Ausstellung.) Aus
München wird uns berichtet: Die Münchener Künstlerge
nossenschaft und die Sezession weiden als Ausstellungsleitung
im Einvernehmen mit dem Künstlerrat eine Münchener Kunst
ausstellung im Glaspalast veranstalten. Die linke Hälfte, der
Mitteltrakt und ein Teil der rechten Hälfte des Ausstellungs
gebäudes werden von den beiden Künstleigesellschaften unter
Beiziehung der anderen Künstlet Vereinigungen Luitpoldgruppe,
Bayern und Bund des Kunstgewerbes eingerichtet werden.
Die Ausstellung des Künstlerrates im rechten Flügel des Glas
palastes wird juryfrei sein.
(Rückwanderung französischer Kunstschätze:)
Abgeordnete der französischen Regierung sind im Departe
ment du Nord in Gegenwart deutscher Beamter mit der In
ventarisierung der alten Einrichtungs- und Kunstgegenstände,
die aus Deutschland zurückkommen, beschäftigt. Zehn Wag
gons lagern bereits in Valenciennes. Unter den Kunstwerken,
die der Stadt Cambrai gehören, befinden sich auch die schönen
Medaillons aus der Kirche Saint-Gery, die Skulpturen von
Martin und die Jaquemarers vom Rathaus. Sehr schöne Möbel,
die dem Fürsten von Monaco, dem Grafen von Havrin court
und Privatsammlungen der nördlichen Provinzen angehören,
wurden ebenfalls festgestellt.
(Ganz wie bei uns!) In England ist das Ausfuhrverbot
füi Kunstwerke aller Art aufgehoben worden.
(Eine Fichte-Büste von Artur Kampf.) Im
Zusammenhang mit einer vom Diakonus Hugo Freytag in
Apolda in die Wege geleiteten Stiftung einer Fichte-Büste
für die Universität Jena hatte sich Professor Arthur Kampf
bereit erklärt, eine von ihm in Gips angefertigte Fichte-Büste
in Bronzeguß der Universität am Saalestrande geschenkweise
zu verehren. Um aber auf die Freigabe der Bronze nicht länger
Warten zu müssen, hat Professor Kampf die Fichte-Büste
nunmehr in grauem Marmor ausgehauen. Sie soll im Mai und
Juni in Berlin ausgestellt und dann sofort ihrer Bestimmung
in Jena überwiesen werden. Hier wird sie einen Platz neben
dem Eingang zum Prorektorzimmer auf dem Wandelgang
des ersten Stockwerks des Jenaer Universitätsgebäudes erhalten.
(Wie sah Leonardo aus?) Diese Frage sollte wohl
eigentlich keine sein, da die mächtigen und charaktervollen
Züge des Meisters durch die herrliche Zeichnung seines Selbst
bildnisses, die die Ambrosiana in Turin zu ihren Schätzen zählt,
jedem Kunstfreunde bekannt sein dürfte. Nun ist aber nach
der Untersuchung von Luce Beltrami diese in Leonardos
65. Lebensjahr zu setzende Zeichnung auch das einzige
durchaus zuverlässige Selbstbildnis des Meisters, das wir be
sitzen, und er hat von diesem ausgehend versucht, weitere
Selbstporträts Leonardos zu ermitteln. Solche glaubt er in zwei
Studien der Akademie in Venedig gefunden zu haben, von
denen die eine den Meister als bartlosen Jüngling, die andere
als etwa fünfzigjährigen Mann zeigt. Doch ist die Annahme
Beltramis nicht unbestritten geblieben. Nach einem Bericht
in der „Neuen Züricher Zeitung" hat der Kunsthistoriker
Thovez die Annahme Beltramis bezüglich des Jugendbildnisses
Leonardos bestritten. Er sieht vielmehr in diesem Blatte
höchst überraschender Weise, eine Skizze des Condottieren
Colleoni, die Leonardo nach ihm als Schüler Verrocchios,
des Schöpfers des Cclleoni-Denkmals, eneworfen haben soll.
Dagegen stellt er die Vermutung auf, daß der berühmte jugend
liche David des Verrocchio nach dem jugendlichenLeonardo
als Modell gearbeitet worden sei, und er beruft sich zum Beweise
dafür auf das Lächeln dieses David, das ein Leonardo-Lächeln
sei und. den Zügen des Meisters selbst eigentümlich gewesen
sein solle.
(In die Sammlung James Simon in Berlin) ge
langten, wie uns von dort gemeldet wird, ein Greco und zwei
Bildnisse von Hans von Marees.
(„Lex Pacca".) Aus Berlin wird gemeldet: Die Kunst
requisitionen der Entente treiben immer tollere Blüten. Jetzt
treten die Italiener, lange schon auf die Forderungen der
Franzosen eifersüchtig, nach ihrem Angriff auf Wien auch mic
Anschlägen auf Deutschland hervor. Herr Ettore Modigiani,
der Direktor der Mailänder Brera, hat im „Corriere della Sera“
vom 14. Jänner zuerst einen Gedanken ausgesprochen, den
rach und nach die gesamte Öffentlichkeit Italiens aufgegriffen
hat, und den sich jetzt auch die Regierung zu eigen zu machen
scheint: den Gedanken einer Ausmusterung der Sammlungen
der Zentralmächte nach den Grundsätzen der Lex Pacca.
Durch dies Gesetz ist seit Jahrzehnten die Ausführung von
Kunstwerken aus Italien verboten. Tatsächlich aber ist in dieser
Zeit eine große Menge wertvoller Dinge trotzdem ausgeführt
worden. Zahlreiche Handlet haben teils mit, teils ohne Per-
messo — dergleichen offiziell zugelassene Ausnahmen gab
es — nach allen Richtungen der Windrose kostbare Werke
fortgeschafft. Die Sachen gingen von Hand zu Hand und vieles
endete in deutschen Museen durch regelrechten und ehrlichen
Kauf. Auch unser Kaiser F ried rieh -Museum hat so manches
erworben. Nach diesen Kunstwerken will man jetzt fahnden —
natürlich nicht bei den politischen Freunden Italiens, aber in
Deutschland und Österreich! Jahrzehntelang hat sich kein
Mensch darum gekümmert; jetzt rückt man plötzlich mit
dem unglaublichen Anspruch heraus.
Museen.
(Das Museum der bildenden Künste in Leipzig)
erwarb von dem Leipziger Medailleur und Bildhauer Bruno
Eyermann eine Kleinplastik „Stehende weibliche Gewand-
figur und die Bildnisplakette des Oberbürgermeisters Doktor
Rothe.