Seite 66
Internationale Sammler-Zeitung
Nr. 9
Italiens neue Kunstforderungen.
Den Italienern ist mit dem Essen der Appetit ge
kommen. Nachdem sie, wie unsere Leser wissen, eine
Reihe von Kunstschätzen aus der Wiener Hofbibliothek,
der Gemäldegalerie im kunsthistorischen Museum und
der Galerie der Akademie der bildenden Künste einfach
requiriert haben, erheben sie jetzt als Kriegsentschädi
gung neue Forderungen auf Kunstschätze, deren Wert
den der im Kriege in Italien zerstörten Kunstwerke um
mehr als das Hundertfache übersteigt, ganz abgesehen
davon, daß es doch höchst unbillig ist-, zujverlangen, daß
Deutschösterreich allein für den von der gemeinsamen
Armee angerichteten Schaden aufkommen soll. Der
materielle Wert der beanspruchten Kunstschätze be
trägt hunderte von Millionen, der ideelle Wert ist über
haupt nicht abzuschätzen.
So verlangen die Italiener aus der Gemäldegalerie
im kunsthistorischen Museum fast alle Werke der
italienischen Abteilung. Es sind dies nach dem Katalog
geordnet die folgenden Werke: Nr. 12, Aloise Vivarini,
„Maria mit dem Kinde und zwei musizierende Engel“;
Nr. 16, Giorgione, „Die drei morgenländischen
Weisen“; Nr. 22, Lorenzo Lotto, „Männliches Bildnis“,
ein Hauptwerk aus der früheren Zeit des Künstlers;
Nr. 29, Raffael, „Die Madonna im Grünen“; Nr. 59,
Correggio, „Ganymed“; Nr. 64, Correggio, „Jupiter
und Jo“; Nr. 81, Andrea Mantegna, „Der heilige
Sebastian“; Nr. 90, Cosines Tura, „Der Leichnam
Christi“; Nr. 163, Tizian, „Isabclla d’Este“; Nr. 176,
Tizian, „Die Zigeunermadonna“; Nr. 177, Tizian,
„Der Geschichtsschreiber Varcht“; Nr. 180, Tizian,
„Die Kirschenmadonna“; Nr. 182, Tizian, „Der kaiser
liche Antiquar Strada“; Nr. 215, Lorenzo Lotto, „Der
Mann der Tierpranke", eines der allerschönsten Werke
aus der späteren Zeit des Künstlers; Nr. 218, Moretto,
„Die heilige Justina“; Nr. 221, Bernardino Licinio,
„Bildnis des Brimani"; Nr. 235, Tintoretto, „Bildnis
eines alten Mannes und eines Knaben; Nr. 236, Tin
toretto, „Sebastiano Veniero, der Sieger von Lepanto“;
Nr. 239, „Susanna und die beiden Alten“; Nr. 257,
Domenigo Tintoretto, „Der Doge Prijoli“; Nr. 1274,
Das große Selbstbildnis von Rembrandt, eines der
schönsten Werke des Künstlers, und sechs Bilder von
Bassano.
Mit diesen 27 Gemälden ist die Liste aber noch lange
nicht erschöpft. Die Italiener möchten noch vieles
andere aus dem kunsthistorischen Museum. So fordern
sie: Einen Tisch aus Elfenbein, darstellend die Passion
Christi, der aus dem kaiserlichen Schatz von Byzanz
stammt, eine Elfenbeinschachtel aus dem zwölften
Jahi'hundert, einen Reliquienschrein in Silber aus dem
vierten Jahrhundert, ein Kreuz aus Silber aus gotischem
Stil, ein Fläschchen mit Email dekoriert aus der Zeit der
Invasion der Barbaren, die Büste der Beatrice von
Aragon, ein Werk von Lau vranne aus dem fünfzehnten
Jahrhundert, die berühmten und einzig dastehenden
Bronzen von Bertoldo di Giovanni, welcher der Lehrer
von Michelangelo gewesen, weiters das berühmteste
Werk der alten Goldschmiedekunst, das Salzfaß, das bei
Benvenutto Cellini für Franz I., König von Frank
reich, geschaffen und als Hochzeitsgeschenk von Karl
IX. dem Herzog Ferdinand von Tirol gegeben wurde.
Endlich 39 Rüstungen, Meisterwerke der Schmiede
kunst, die sämtlich seit 300 Jahren Eigentum des
Hauses Habsburg gewesen sind.
Bezüglich der sogenannten Estensischen Samm
lung, einer im 18. Jahrhundert entstandenen Kollek
tion von ägyptischen, griechischen, römischen Alter
tümern, Bildern, Werken in. Marmor und Bronze,
Gobelins, Manuskripten, Porzellanen und Musikinstru
menten, haben sich die Italiener es noch einfacher ge
macht; unter Hinweis darauf, daß dies einmal alles
Besitz der Herzoge von Modena gewesen, beanspruchen
sie die Sammlung in Bausch und Bogen. So fundiert
sind auch die übrigen Forderungen. Die deutschen
Reichsinsignien, Krone und Schwert Karls des Großen,
Reichszepter und Reichsapfel fordern sie, weil es Klein
odien des heiligen römischen Reiches deutscher Nation
gewesen sind; nach dem Schmuck des Hauses Lothringen
strecken sie die Hände aus, weil er im 12. Jahrhundert
in Sizilien angefertigt wurde.
Aus der Hofbibliothek verlangen die Italiener:
200 Handschriften aus der. Sammlung des Dogen Fos-
carini aus Venedig, die 1802 angekauft wurde, die
Kopialbücher des Kardinals Herkules Gonzaga, die
1718 als Geschenk eines Mailänder Senators an den da
maligen Kaiser gelangten, eine Reihe von architektoni
schen Handschriften aus dem Atlas vonStosch, einer
sehr wertvollen und gegen 10.000 Zeichnungen um
fassenden Sammlung hauptsächlich für Archäologie, die
zum Teile in Italien angekauft, zum Teile in Italien
von beauftragten Künstlern aufgenommen wurde.
Weiters fordern die Italiener neun Handschriften, die
zum Teile aus dem Stifte Hall in Tirol, aus der Bibliothek
des Prinzen Eugen, aus der Hohendorfschen Sammlung,
vom Leibarzt Sambucos und aus der Jesuitenbibliothek
in Wiener-Neustadt an die Hof bibliothek gekommen
sind. Diese Forderung begründen sie damit, daß diese
Handschriften seinerzeit, im fünfzehnten und sech
zehnten Jahrhundert, von italienischen Künstlern an
gefertigt wurden. Endlich verlangen sie Handschriften
aus dem Besitz eines Dominikanermönches namens
Thomas Alfani, die aus dem Privatbesitze 1721 durch
ein Geschenk des Mönches an den Kaiser nach Wien ge
kommen sind und fünf Handschriften aus dem Besitze
des Kardinals Feripando von Neapel. Die Behauptung,
daß alle Handschriften aus dem erwähnten Besitze
stammen, ist übrigens unrichtig, da einzelne darunter
schon 150 Jahre vor dem Kardinal Feripando in den Be
sitz der Hofbibliothek gelangt sind.
Aber nicht nur die ehemals kaiserlichen Sammlungen
sind von der Begehrlichkeit Italiens bedroht, auch die
Staatsgalcrie, die Kunstakademie, das Heeresmuseum in
Wien, das Museum und die Archive von Innsbruck
sowie die Kathedrale von Graz sollen manches von ihren
Kunstschätzen hergeben.
Vorläufig sind die Italiener so nett, die geforderten
Kunstschätze noch an Ort und Stelle zu belassen; sie
haben ihre Ansprüche aber bei der Friedenskonferenz in
Paris angemeldet und erwarten zuversichtlich, daß sie*
von dieser anerkannt werden.