Internationale
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Zentralblatt für Sammler, Liebhaber und Kunstfreunde.
Herausgeber: Norbert Ehrlich.
12. Jahrgang. Wien, 1. Jänner 1920. Nr. 1.
Peruanische Altertümer.
Von Dr. med. und phil. Walter Lehmann,
Privatdozent an der
Wunderbar ist die Sicherheit, die Ornament- und
Formenfülle, welche das alte Peru im Schoße der
Erde birgt. Das trockene Küstenklima bewahrt, ähnlich,
wie Ägypten, in vollkommener Erhaltung herrliche
Gefäße, reich ausgestattete Mumien, Grabbeigaben
aller Art, phantastische Federmosaiken, Zierate aus
Edelmetall, Muschelschalen, Holz aller Art und
Knochen. Vom Standpunkte des Archäologen sind
alle diese Dinge von hohem Interesse, da eine Sammlung
der verschiedenen Stile einen Überblick sowohl über die
zahlreichen nebeneinander bestehenden Lokalkulturen
gestattet als auch, die Möglichkeit darbietet, die einzelnen
Stilarten in ihrem Entwicklungsgänge zu studieren.
Bisher kann man nur in ganz großen Zügen die
aufeinanderfolgenden Perioden des peruanischen
Kulturkreises gliedern. Es ergibt sich namentlich an
der Küste das Vorhandensein uralter Kultur punkte,
die von einer gewissen . Zeit an in Berührung treten
mit dem sehr alten und großartigen Kulturbrenn
punkt Tiahuanacos. Einer jüngeren Zeit gehören
die namentlich durch Plastik ausgezeichneten Schöpfun
gen des andinen Inkastiles an, der eine weite Verbreitung
gemäß, der wachsenden politischen Macht des Inka
reiches gefunden hat.
Die zeitliche Aufeinanderfolge der verschiedenen
Kulturgeschichten, zu denen auch noch eigenartige
geritzte Tonscherben aus Muschelhaufen der Küste
gehören, kann noch keineswegs mit Sicherheit wissen
schaftlich gegeben werden. Namentlich das Verhältnis
der altertümlichen Küstenstile zum Hochlandstil von
Tiahuanaco ist eine der schwierigsten Fragen der
südamerikanischen Archäologie. Jedenfalls handelt es
sich hier wohl um Zeiträume von sehr beträchtlichem
Umfang, wovon geschichtlich, die einander ablösenden
Dynastien bei Blas Valera eine nur schwache Vor
stellung zu geben vermögen. Zweifellos sehen wir lange
vor dem Auftreten der Inkadynastie blühende Kulturen,
deren künstlerische Erzeugnisse uns in Erstaunen
setzen.
Es ist mit Freude zu begrüßen, altperuanische
Kunstgegenstände aus den wichtigsten Fundplätzen
Perus den Münchner Kunstliebhabern im freien Handel
zugänglich gemacht zu sehen. Herr Dr. Weizinger
hat eine bedeutende altperuanische Sammlung er-
worbeir und davon einen, ausgewählten Teil in seiner
Filiale in der Ludwigstraße 5 ausgestellt. Die herrliche
Sammlung peruanischer Altertümer des Münchner
Universität München.
Museums ist zur Zeit in Neuaufstellung begriffen,
da während des Krieges ihre Räume zu medizinischen
Zwecken gebraucht werden mußten. Diese große Samm
lung birgt wahre Schätze und wurde glücklicherweise
noch, im Frieden zu äußerst günstigen Bedingungen
erworben. Die Firma Dr. Weizinger & Co. hat in außer
ordentlich dankenswertem Entgegenkommen einige
Stücke, die kunstgeschichtliche Lücken der Münchner
Staatssammlung ausfüllen, dem Museum geschenk-
weise überlassen. Dafür gebührt ihr viel Anerkennung
und wärmster Dank. München als Kunststadt darf
stolz darauf sein, solche Dinge, die bisher ein exklusives
Dasein in den Museen führten, nun auch ebenbürtig,
als Gegenstände des Kunsthandels neben ostasiatisch.en,
antiken und mittelalterlichen, weiteren kauflustigen
Kreisen näher gerückt zu haben.
Hier jst künstlerisches Neuland. Niemand kann
verhehlen, daß unser Kunstgeschmaek im großen und
ganzen einseitig und begrenzt war. Die Begeisterung
für ostasiätisch.e und persische Kunst, die seit den
letzten Jahrzehnten um sich griff, wird das Verständnis
und den Formensinn auch für das bisher weniger be
kannte Amerika vorbereitet haben. Es hat einen eigenen
Zauber, plötzlich vor einer fremden, aber in sich ein
heitlich geschlossenen Kunstwelt zu stehen. Die Stil-
losigkeit unserer eigenen westeuropäischen Kultur
tritt angesichts solch fester Stiltradition, wie sie der
peruanische Kultur kreis bekundet, mit elementarer
Wucht in das Bewußtsein.
Entzückt nimmt man die polychromen, bemalten
Tongefäße aus N-asca in Augenschein. Vögel, Fische
und andere Tiere, sonderbare mythologische Gestalten
fesseln die Aufmerksamkeit. Wunderbar ist, wie hier
strengster archaischer Stil sich mit naivem Naturalismus
paart. Dabei ein Farbensinn, der bereits so hoch ent
wickelt ist, daß er eher an das Ende als an den Anfang
der alten Küstenkulturen zu. passen scheint. Freilich
zeigt ein genaueres Studium, daß auch der Nascastil
seine lange Entwicklungsgeschichte .hat.
Ganz andere Bilder entrollt die plastische Keramik
einer späteren Zeit, die teils in schwarzen Gefäßen
köstliche Tier- und Menschenfiguren neben geometri
schen Mustern aufweist, teils in überraschend lebens
wahren beinahe porträtähnlichen Gestalten zu uns
spricht. Hier ist namentlich C.hicama hervorragend
vertreten. Ethnographisch hervorzuheben ist eine
gefäßplastisc.h.e Gruppe in Form, einer weiblichen