Nr. 1
Seite 7
Internationale Sammler-Zeitung
Verschiedenes.
(Neuentdeckte minoische Inschriften auf Kreta.)
Wie die Times melden, hat der Ephor der kretischen Altertümer
H adzidakis beim Dorfe Malis in der Nähe von Kandia
auf Kreta Überreste einer Stfdt aus minoischer Zeit mit goldgeschmückten
Säulenstrümpfen und Inschriften entdeckt.
Sir Arthur Evans, der zurzeit in Oxford weilende Erforscher
der kretischen Königspaläste, bemerkt dazu, daß es sich wahrscheinlich
nicht um Inschriften auf Architekturresten, wie
deren auf Kreta bisher noch nicht gefunden worden sind,
sondern wohl um Tontäfelchen mit Inschriften handle, wie
wir deren aus Knossos, Phaistos usw. tausende besitzen.
Der erste, der, ohne in der Gelehrtenwelt zunächst Glauben
zu finden, durch seine Ausgrabung von Troja das Vorkommen
von Schriftzeichen in homerischer Zeit festgestellt hat, war
Heinrich Schliemann. Aber während es sich in Troja, Mykenä,
Orchomenos, Menidi, Nauplia usw. meist nur um vereinzelte
Schriftzeichen handelte, ist auf Kreta eine ganze Literatur,
anscheinend auch von längeren Texten aus jener vorgriechischen
oder altgriechischen Zeit ans Tageslicht gekommen, die einige
als minoische, andere als mykenische und wieder andere als
ägäische bezeichnen. Leider sind ja gleich der hettitisehen Bilderschrift
aus Kleinasien so auch die Schriftsysteme Kretas, unter
denen Evans eine ältere Bilderschrift und eine jüngere mehr
lineare Form unterscheidet, noch imentziffert, so daß wir nicht
einmal wissen, ob sie einer alten Form des Griechischen oder
aber einer mit kleinasiatischen Idiomen verwandten Sprache
der Ureinwohner Kretas angehören. Da man aber eine den kretischen
Inschriften ähnelnde Silbenschrift von der Insel Zypern
entziffert hat, so besteht die Hoffnung, daß das über kurz oder
lang auch mit den Tontäfelchen von Kncssos, Phaistos usw.
gelingen könnte.
(Ausstellung alter Glasscheiben.) Jüngst wurde in
Paris eine Ausstellung alter Glasgemälde, die während des
Krieges in Sicherheit gebracht worden waren und nun wieder
an ihren alten Bestimmungsort zurückkehren, eröffnet. Es
handelt sich um Glasgemälde von hohem Wert, die aus den
Kirchen Saint-Henry, St. Severin, St. Gervais, Saint Germain
1‘Auxerrois und Saint Etienne du Mont stammen. Es sind
Überbleibsel aus einer an derartigen Kunstschätzen überreichen
Zeit. Der Nationalismus des achtzehnten Jahrhunderts war
der Gotik durchaus nicht hold, und die llluminaten gingen so
weit, die ,.gotischen Bizarroien“ im Verlaufe des achtzehnten
Jchrhunderts zu entfernen und sie. durch einfache Glasscheiben
in den Kirchen zu ersetzen. Man kann sich, wie Andre Michel
im ,, Journal des Debats“ richtig bemerkt, heute vom Glanze
der Kapellen des Hotels St. Paul, des College de Navarre und
der Chapelle des Celestines kaum mehr einen Begriff machen.
Paris besaß eine eigene Glasmalerschule, die im engsten Kontakt
mit den zeitgenössischen Malern, Bildhauern und Architekten
stand und Hand in Hand mit diesen arbeitete. Die Schule entstand
im vierzehnten Jahrhundert, entwickelte sich im fünfzehnten
und erreichte im sechzehnten eine erstaunliche Blute.
Sie stand in nichts hinter der Glasmalerkunst der Normandie,
der Champagne und Burgunds zurück. Ihr Ruhm drang weit
über die Grenzen des Landes hinaus. Papst J ulius II. ließ den
Pariser Meister Guileaume des Marcillat, dessen Scheiben
heute noch die Kathedrale von Arezzo schmücken und der
Vasari in Entzücken versetzte, nach Italien kommen. Von diesen
Meisterwerken sind aber verhältnismäßig wenige auf unsere
Zeit gekommen. Die ausgestellten Scheiben entstammen teilweise
dem fünfzehnten Jahrhundert, teilweise der zweiten
Hälfte und dem Ende des sechzehnten und dem beginnenden
siebzehnten Jahrhundert. Die Scheiben tragen die Namen der
Meister Cousin, Linaigrier, Henriet, Enguerrand, Leprince,
Michu, Desengines und Mounier. Die meisten beziehen sich auf
biblische Stoffe, andere auf die Heiligenlegcnde, die interessantesten
auf die Märtyrergeschichte.
Vom Kunstmarkt.
(Die Cliodowiecki-Au ktion bei C. G. Börner.)
Die Versteigerung der C.hodowiecki-Sammlung von i\l. Stecliow
(Berlin), die vom 10. bis 13. Dezember v. J. bei C. G. Boerner
in Leipzig stattfand, hat Beachtung in den weitesten Kreisen
gefunden. Als Käufer erschienen das Leipziger Museum der
bildenden Künste, das Kunstgewerbemuseum, das Stadtgeschichtliche
Museum, die Deutsche Bücherei, das Berliner
Kupferstichkabinett, Kunsthändler und zahlreiche Privatsammler.
Die Preise waren überaus hoch, Eine Miniatur auf
Elfenbein, Halbfigur einer sitzenden Dame, kam auf M 22.500,
die Elfenbeinminiatur Friedrichs des Großen auf M 9500, das
einzige Ölbild, Kaiserin Katharina! I. von Rußland, aufM 11.000.
Von Bleistiftzeichnungen erzielten „Vier Damen beim Kartenspiel“
M 6000, „Zwei Herren beim Kerzenlicht an einem Tisch“
M 6500, ein Aquarell, des Künstlers Tochter Susanne, M 10.000,
die Rötelzeichnung „Lotte, die Pistolen übergebend“, M 6000.
- - Von den Studien zu den Radierungen brachten „Die Zelte
im Berliner Tiergarten“ und „König Friedrich TI. Wachtparade“
M 20.600. Von den Radierungen erzielten unter anderen „Ankunft
der Franzosen in Deutschland“ M 3500, „Der große
L’Hombre-Tisch“ M 18.500, die „Vier Damen am Fenster“
M 4500, dasselbe Blatt, getuscht. M 5300. Zwei Bände
Kopien nachCh. stiegen auf M4800. Als Kuriosum sei erwähnt,
daß auch die Kastenmappen, in denen ciie Kunstblätter aufbewahrt
wurden, sehr hoch im Preise standen.
(8. Weizinger-Versteigerung.) Die am 15. Dezembe
abgehaltene 8. Kunstauktion der Firma Dr. F. X. Weizinger
& Co. in München fand unter lebhafter Beteiligung von
Münchener und auswärtigen Käufern statt. Porzellane, Teppiche
und Stilmöbel erzielten hervorragende Resultate. Besonders
zu erwähnen sind hierunter folgende Nummern:
Nr. 98, 2 Delfter Dessertschalen, 17. Jh., M 1000; Nr. 131,
Knabe und Mädchen in Zopftracht, Höchst-Damm, M 900;
Nr. 178, Venus, Frankenthal, um 1760 bis 1770, M 10.600;
Nr. 179, Jüngling, Frankenthal, um 1765 bis 1775, M 6900;
Nr. 787, Stehender Knabe, Wien, um 1760 bis 1780, M 1700;
Nr. 789, Gärtnerjunge, Höchst, Modell Melchior, M 2400;
Nr. 308, Italienischer Salon, Florentiner Spätrenaissance,
M 16.000; Nr. 313, Augsburger Barockschrank. M 5200; Nr. 319,
Wiener Kommodenschrank mit Aufsatz, M 4600; Nr. 399,
Ovales Tischchen, Louis XVI., M 2000; Xr. 353, Waschschränkchen
mit Wasserbehälter, Spätrenaissance, M 4200; Nr. 387,
Don Quichotte. Buch mit 31 Kupferstichen. Lüttich 1776,
M 820; Nr. 356, Spiegel mit reichgeschmückten vergoldeten
Barockrahmen, M 620; Nr. 358, Ovaler Rahmen, Lindenholz,
reich geschmückt, M 770; Nr. 424, Morgenstern, Meeresbrandung,
M 2450; Nr. 433, K. Rottmann, 1856, Golf von Neapel,
M 10.000; Nr. 498, Aubissontcppich, 520X450, M 19.000;
Nr. 509, Schlangenteppich (Bescliir), 380X 175, M 10.200;
Nr. 514, Beloutschistan, 280X205, M 7600; Nr. 520, Gürtel,
unteritalienisch, M 400; Nr. 550, Spiegel, etruskisch, M 800;
Nr. 657, Halsamphora, chalkidiscb, M 1425.
(Auktion bei Lepke.) Die am 25. und 26. November
bei Rudolph Lepke in Berlin durchgeführte Auktion (alte
Gemälde und Antiquitäten aus einem schlesischen Schloß,
Porzellansammlung Dr. Heinrich Rose (Wiesbaden) und
94 Glaspokalen aus Berliner Privatbesitz) hatte einen ausgezeichneten
Erfolg. Es notierten:
Gemälde alter Meister.
Nr. 3, J. Lingelbach, Hafenpartie, M 3500; Nr. 4, Ders.,
Hirten mit ihrem Vieh am Meeresufer, M 3300; Nr. 6, D.
Vosmaer, Landschaft, IM 8000; Nr. 9, Raibolini-Francia,
Bartloser junger Mann mit schwarzem Barett, M 18.500;
Nr. 10, Brouwer, Chirurgische Operation, M 4600; Nr. 12
Jan de Wet, Christus am Seeufer, in einem Kahne stehend
dem Volke predigend, M 4200; Nr. 14, Th. Mattenheimer,
Blumen und Fruchtstück mit Stieglitz als Staffage, M 10.200;
Nr. 15, Desgl., M 10.200; Nr. 16, Pietro Liberi, Delila im Be-