Internationale
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Zentralblatt für Sammler, Liebhaber und Kunstfreunde.
Herausgeber: Norbert Ehrlich.
12. Jahrgang.
Wien, 1. Juni 1920.
Nr. 11.
Die Bibelbibliothek.
In der Londoner Queen Victoria Street, einer be
lebten Geschäftsstraße, erhebt sich ein palastartiges
Gebäude, dem der Ruhm zukommt, die seltsamste
Büchersammlung der Welt zu beherbergen. Es ist das
Haus der berühmten „Britischen und ausländischen
Bibelgesellschaft“. In ihrer Bibliothek ist zwar nur ein
Buch vertreten, eben die Bibel selbst, aber sie umfaßt
dennoch 15.000 Bände in 500 verschiedenen Sprachen
und Dialekten. Von der englischen Bibel allein sind nicht
weniger als 1500 Exemplare vorhanden.
Unter den Schätzen der Bibelbibliothek befinden
sich viele Kuriositäten von hervorragendem Wert.
Da ist zum Beispiel die sogenannte „sündige Bibel“
aus dem Jahre 1631. Sie führt ihr seltsames Attribut
darum, weil in ihrem Text der zehn Gebote das negative
Wort im siebenten Gebot fehlt. Noch eigenartiger ist
vielleicht das Neue Testament für die Massachusetts-
indianei, das John Eliot im Jahre 1661 übersetzt
hat. Es gibt.nämlich keinen einzigen Menschen mehr,
der dieses Buch zu lesen vermag. Jener Indianerstamm
ist schon längst vollkommen ausgestorben, und mit
ihm ist auch die Kenntnis seiner Sprache von der Erde
verschwunden.
Wer die Säle der Bibliothek durchwandert und die
aufgeschlagenen Bibelausgaben aller Herren Länder
betrachtet, wird eine unerhörte Mannigfaltigkeit der
Sprachen bewundern, die unter den Menschen ge
sprochen werden. In einem Zimmer sind zum Beispiel
die folgenden Sprachen vertreten: Amoy, Arabisch,
Chuana, Fanti, Fuchan, Ganda, Haida, Haussa, Per
sisch, Kabjd, Karanga, Mandingo, Masaba, Mongo,
Mafai, Otshi, Pasht, Tibetanisch, Tagalog und Tukudh!
Die meisten dieser Sprachen werden von Millionen
Menschen gesprochen. Karanga ist das Tdiom des großen
Mashomalandes und Tagalog ist die Hauptsprache der
Philippinen. Der Übersetzer der Bibel in diese Sprache
war ein eingeborener Journalist, der im Jahre 1896
während des Aufstandes der Spanier gefangengenommen
wurde. Die unfreiwillige Muße des Exils benutzte er
dazu, das Neue Testament in seine Heimatsprache zu
übertragen. Die erste Ausgabe der Bibel in der Chuana-
Sprache wurde von Livingstone in den dunklen
Weltteil mitgenommen. Das Mongo spricht das zehn
Millionen Köpfe starkeVolk der Balolo, das zwischen dem
Äquator und dem Kongo lebt. Von der Arbeit , die eine
Übersetzung der Bibel in eine dieser exotischen Spra
chen erfordert, kann sich der Laie nur schwer eine deut
liche Vorstellung machen. Henry Nott, der das Neue
Testament in die Tahitisprache übertragen hat, brauchte
20 Jahre, um diese Mundart gründlich zu erlernen,
und weitere 20 Jahre seines Lebens hat er für die Her
stellung der Übersetzung selbst geopfert. Die Ausgabe
in der Lacsprache (Siam) mußte bei den schwierigen
Lettern ihrer Schrift zunächst von A bis Z von einem
einheimischen Sshreiber gemalt werden. Dann wurde
das Manuskript nach London gesandt, wo man danach
die Matrizen herstellte. Eine besondere Abteilung der
Bibliothek bilden all die Gegenstände, mit denen man
in verschiedenen Teilen der Welt Bibeln — bezahlt.
Es finden sich da mongolische Ziegenkäse, Schild
krötenschalen, Perlmutter, Seide, geschliffene Hunde
zähne und Tonpfeifen.
Die in den redaktionellen Abteilungen des Hauses
aushängenden Tabellen orientieren über die Verbrei
tung der Bibel in allen Weltteilen. Die Gesellschaft
hat im ganzen etwa 250,000.000 Exemplare der Bibel
und einzelner Teile von ihr versandt. Die jährlichen
Ausgaben der Bibelgesellschaft belaufen sich auf fünf
Millionen Mark, von denen nur zwei Millionen durch
den Verkauf der Bibel wieder eingebracht werden.
Der Rest wird durch freiwillige Subskriptionen, durch
Schenkungen und Sammlungen aller Art gedeckt.
Zum Vertrieb der Bibeln beschäftigt die Gesellschaft
unter anderem 170 chinesische, 100 koreanische, 350 in
dische und 225 europäische Agenten. Diese Händler
arbeiten unter den Pilgern in Jerusalem so gut wie an
der Grotte von Lourdes, an den Wallfahrtsplätzen auf
Ceylon, in den Einöden Sibiriens und auf den Bananen
plantagen Guatemalas, in den Diamantengruben Kim-
berleys, auf den Reisfeldern Bengalens und in den
Urwäldern am oberen Amazonenstrom. So leitet die
Londoner Zentralstelle der Bibelgesellschaft eine Rie
senorganisation, wie sie in ihrer Art kaum ein Seiten
stück finden dürfte, und sie wirkt an einer Aufgabe, die
der Sprachwissenschaft mindestens die gleiche För
derung bringt wie der eigentlichen Mission.
Nach dem Muster der britischen entstanden
übrigens auch Bibelgesellschaften in den meisten
anderen christlichen Staaten, doch hat keine bisher
die Bedeutung ihres Vorbildes zu erreichen vermocht.