Internationale
Rammler-Reifung
Zentralblatt für Sammler, Liebhaber und Kunstfreunde.
Herausgeber: Norbert Ehrlich.
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12. Jahrgang. Wien, 15. Juli 1920. Nr. 14.
Max Klinger.
Max Klinger ist nicht mehr. Einem Fürsten im
Reiche der Kunst hallt das dumpfe .Requiescat!' nach.
Ist es in erster Linie der Bildhauer, der Schöpfer des
,,Beethoven“, des „Drama“, der Denkmäler Richard
Wagners und Brahms, dem die Mitwelt bewundernd
ihre Kränze flocht, so ist auch dem Radierer und
Maler die gebührende Anerkennung nicht versagt ge
blieben. Den unbestrittenen Großmeister der Graphik
nennt ihn neidlos Hermann Struck, und ein Kunst-
gelehrter wie Karl Woermann sagt, Klingers Radi er -
- werk gehört zu den größten Taten der deutschen
Kunst des neunzehnten Jahrhunderts. Den Folgen, wie
„Amor und Psyche“, die „Ovidischen Opfer“, die
„Rettungen ovidischer Opfer“, die „Intermezzi", die
„Dramen“, „Ein Leben“, „Eine Liebe", „Die Brahms-
Phantasie“ und die tiefsinnigen Betrachtungen „Vom
Tode“, habe kein Volk etwas an die Seite zu setzen.
Sie werden der spätesten Nachwelt die Kunde von dem
alles umfassenden Gedanken- und Gefühlsleben der
Kunst unserer Tage übermitteln.
Von der Wirkung dieser Blätter auf die Kunst
genossen gibt uns Ludwig Hevesi Kunde, der in seinem
Buche „Acht Jahre Sezession“ von der Ausstellung
von Klingers „Amor und Psyche* in Wien, wie folgt,
berichtet: „Da ist in der Sezession eine Folge von Zeich
nungen zu „Amor und Psyche", Rand Zeichnungen,
wie er sie versteht, seine „persönlichen Bemerkungen
zu den Vorgängen“. Gegenstände der Natur und Kunst,
Menschen, Statuen, Tiere und dazu alle ihre Schau
plätze : das Meer mit seiner Bewegung, der Himmel
mit seinen Lüften, der Wald mit aufsprießendem
Wachstum und niederschießenden Wassern — das alles
als Randbemerkung hingekritzelt wie aus dem Steg
reif des Einfalls, unmittelbar aus dem Handgelenk.
Die vielgewandten Zeichner der Sezession standen
dabei, mit doppelt gefaßten Kneifern, und vergrößerten
sich die friesartigen Kopfbilder, die von Spinnen aus
ihren zartesten Fäden geklöppelt zu sein scheinen:
und sie fragten sich: Wie macht er das? Womit ist
das gezeichnet ? Da sind Blättei, die aussehen, als hätte
der Künstler ein Blatt gedruckten Text mitten in ein
großartig komponiertes Bild hineingeklebt. In was
für ein Bild! Unten unendliches Meer voll Götterlust,
die sich tummelt, in den Lüften Kinderwesen, geflügelte,
gotterblütige, die sich im ewigen Spiel überschlagen,
im Nichts durcheinanderkollern: oben Firmament,
das sich soffittenartig schließt, sich giebelt, als festes
Ornament etwas krönt, absehließt: Veluten herum,
Figuren darauf, Allegorien, Symbole. Und man denke
sich ein solches Gemälde bloß als Rahmen benützt
für ein bedrucktes Blatt. Was der Druck bedeckt,
soll aus der Welt verschwinden; was an den Rändern
zufällig unbedeckt bleibt, mag als Zierleiste stehen
bleiben. Ein Abbild der ganzen Götternatur verschwen
det er als Arabeske . . .
Wie als Radierer, war Klinger auch als Maler
ein Meister eigener Art, der eine individuelle Formen -
spräche mit sattkühlcr Eigenfärbung und, wo es ihm
gefiel, sogar mit französischem Freilicht zu verbinden
wußte. Von den großen, reifen Gemälden Klingers
besitzt die Dresdener Galerie die ergreifende „Pieta“
von 1890 und die reizende „Quelle" von 1892, das
Leipziger Museum die von Beleuchtungswirkungen
beseelte „Blaue Stunde“, die Moderne Galerie in Wien
die beiden Riesengemälde, von denen das „Parisurteil"
die griechische Sage in köstlicher Landschaft mit
neuem Leben erfüllt, der gestaltenreiche „Christus im
Olymp“ (1897), aber eine tiefsinnige, wichtige,
beziehungsreiche Darstellung des Sieges der
geistigen Macht des Christentums über nie
körperliche Schönheit des hellenischen Heidentums
bietet. Klingers packende „Kreuzigung“ (1891 ent
standen) gehört Herrn Hummel in Triest. Sein großes,
1909 vollendetes Wandgemälde der Leipziger Uni
versität aber feiert mit allen Reizmitteln und manchen
Schwächen der Klingerschen Großmalcrei die welt
bezwingende Allmacht der altgriechischen Schönheits
offenbarung.
Max Klinger, der zu Plagwitz bei Leipzig geboren
wurde, ist 63 Jahre alt geworden. Er begann im
Jahre 1874 seine Studien an der Kunstschule in
Karlsruhe, wo er sich an Gu-sow anschloß, und gieng
mit diesem 1875 nach Berlin, wo er seine Studien auf
der Kunstakademie fortsetzte und sich nebnbei auf
eigene Hand als Radierer ambild'te. 1878 debütierte
er auf der akademischen Kunstausstellung mit einem
Ölgemälde „Spaziergänger“ und in einem Radi: rmanier
ausgeführten Zyklus von acht Federzeichnungen unter
dem Titel „Ratschläge zu ein r Könkurr nz über das
Thema Christus“, die später für die N tionalgalerie
angekauft wurden.
Klinger lebte in den letzten .Jahren abwechselnd
in Leipzig und auf seinem G; t/-' Groß-Jena bei Naum
burg, In Groß-Jena hat er seinen letzten Wunsche
entsprechend auch seine letzte Ruhestätte gefunden.
Das Grab liegt auf einem Hügel, der eine weite Um
schau ins Thüringer Land bietet.