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Internationale Sammler-Zeitung
Nr. 14
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Autographen.
Das Berliner Antiquariat von Leo L i e p m a n n s s o h n
hat in einem Katalog die Bestände an Autographen
zusammengestellt, die es zurzeit besitzt.
Am reichhaltigsten ist die Abteilung der historischen
Personen. Wir finden da ein außerordentlich interes
santes Schriftstück von Ludwig I., das ein charakteri
stisches Dokument für seine künstlerischen Anschauun
gen bildet. Der bekannte Zeichner und Dichter Graf
Franz Pocci hatte den König um Stellungnahme zu
der von ihm ins Leben gerufenen berühmten Münchener
Eisengießerei mit einem Brunnen an der vorbereiteten
Industrieausstellung gebeten. In treffsicheren Worten
äußert sich der König über die in Frage kommenden
Stile, für die er um Entwürfe ersucht. Als geeignetsten
Künstler für die antike Art („nur die schönste“) hält
er Klenze. „Ein Brunnen im Spitzbogenstil würde in
Nürnberg, nicht aber in München an seiner Stelle sein.
Eines bemerke ich noch, daß keine unbekleidete oder
dieser sich nähernden Gestalten angebracht werden
möchten. Nicht mit Künstlers Augen'sieht das Volk."
Ein Stück von hervorragendem historischen Werte
ist der Operatiönsplan Radetzkys für den Aufmarsch
der oberrheinischen Armee unter Schwarzenberg,
dessen Generalstabschef Radetzky bekanntlich war.
Er beginnt: „Wenn der Feind am 22 ten (Juni ?) gegen
die Nordarmee seine Operation beendet hat, so kann
er seinen Marche beiläufig folgend dirigieren“ (es folgen
die voraussichtlichen feindlichen Marschrouten, nach
Tagen angegeben). Sodann heißt es weiter: „Unsere
Armeen haben dreyerlci Art zur Vereinigung sämt
licher Kräfte (folgt die Aufzählung der verschiedenen
Marschkolonnen und Korps mit ihren Marschrouten).
Es handelt sich also um nicht weniger als um den
Schlachtplan des Endkampfes gegen Napoleon l.
Bismarck ist mit einem 3V2 Seiten langen Schreiben
an den Pächter seines Gutes Schönhausen, den Amtmann
Frick in Jerichow, vertreten, in dem er ihn unter
eingehender Darlegung seiner eigenen notwendigen
Bedürfnisse auffordert, eine wiederholt eingemahnte
Schuldsumme zurückzuzahlen. „Ich kenne den Geld-
verkehr genug, um zu wissen, daß es Ew. Wohlg. in
keinem Augenblick unmöglich ist, 200 oder gar nur
70 Rth. anzuschaffen, ohne deshalb durch Lieferungs
geschäfte oder hohe Zinsen diejenigen Opfer zu bringen,
Welche ich in meinem früheren landwirtschaftlichen
Geschäft sehr häufig habe bringen müssen, um Ver
pflichtungen einzuhalten. Ich möchte Ew. Wohlgeborcn
aufs Gewissen fragen, ob Ihnen schon ein ernstlicher
Versuch, sich eine solche Summe zu verschaffen, fehl-
geschlagen ist...“
In der Abteilung finden wir weiters Autographen
Von Alexander I. von Rußland, Bebel, Blücher, Groß
herzog Karl August von Sachsen-Weimar, Dalberg,
Friedrich dem Großen, Kaspar Hauser, Katharina II.,
Lassalle, Kaiserin Maria Theresia, Mazarin, Louise
Michel, Karl Schurz, König Stanislaus II. von Polen,
den Kaisern Wilhelm I. und Wilhelm II., Zieten und
anderen.
In der Schriftstellerabteilung begegnen wir zunächst
dem immer frohgemuten Wilhelm Busch, der mit
einem dreistrophigen Gedicht vertreten ist. Die erste
Strophe sei hierher gesetzt.
Ums Paradies ging eine Mauer
Hübsch hoch vom besten Marmelstein,
Der Kain, als ein Bub, ein schlauer,
Denkt sisb: „Ich komme doch hineinI“
Und da wir bei der lustigen Busch-Manier sind,
sei gleich eines humoristischen Glückwunsches erwähnt,
den Heinrich Seidel, der Autor von „Leberecht Hühn
chen", Busch zu dessen siebzigstem Geburtstag gesandt
hat. Der Wunsch, ganz im Stile des Jubilars gehalten,
beginnt:
„Laß sie jubeln, laß sie Schrein,
Denen einst Hans Huckebein
Hold versüßte ihre Jugend,
Denen Vorbild aller Jugend
Max und Moritz sind gewesen,
Und die Schnurrdibur gelesen ..."
Von Heine finden wir ein interessantes Bruch
stück aus der „Lutezia" Teil II, Anhang „Musikalische
Saison von 1844“, mit vielen Varianten in der Lesart
gegenüber der Buchausgabe. Das Manuskript enthält
ferner mancherlei unedierte Stellen, die nicht nur im
Drucke der Lutezia, sondern auch in der ihr zugrunde
liegenden Korrespondenz der „Augsburger Allg. Zeitung“
fehlen. Theodor Körner ist neben hübschen Briefen
von seiner Reise ins Riesengebirge durch das Manu
skript seines Singspiels „Der vierjährige Posten“ re
präsentiert. Erwähnenswert ist, daß zahlreiche Stellen
von dem gedruckten Text abweichen. Eine Bemerkung,
die sich auf dem Titelblatt findet, im Drucke aber
fortgelassen wurde, weist auf die zeitgeschichtliche
Bedeutung der Singspiels hin. Es heißt nämlich da:
„Die Zeit der Handlung fällt ins Jahr 1809, der Schau
platz ist ein österreichisches Dorf.“
Von Scheffel ist ein für sein trauriges Eheleben
bezeichnender Brief an Frau Mohl da. „Nachdem
Frau Scheffel im Jahre 1871 vier Briefe, welche ihr über
Viktors Befinden Auskunft gaben, samt den Inlagen
des Hausarztes Dr. Schuberg unerÖffnet und unbe
antwortet hieher zurückgelangen lassen, so daß sie ihr
amtlich dur ch den Notar insinuiert werden mußten,
wird es passender sein, wenn Sie die Güte haben, mir
mitzuteilen, wie und wo sich eigentlich diese Dame
befindet, als daß Ihre Domestiken sich nach meines
Sohnes Befinden zu einer Zeit erkundigen, wo er schon
schläft.“
Wir müssen uns auf diese Beispiele beschränken,
fügen aber bei, daß unter andern noch folgende Namen
vertreten sind; Richard Dehmel, Alexander Dumas
Vater, Fontane, Gust. Freytag, Gaudy, Grabbc, Grill
parzer, Hebbel,Herder,E.Th. A.Hoffmann, Lamartine,
Lavater, Thomas Mann, Maeterlinck, Maupa sant,
Prudhomme, Wilh. Raabe, Jean Paul, Turgenjew,
Voltaire, Wedekind, Zola und andere.
Den Schriftstellern schließen sich die bildenden
Künstler an. Aus dieser Abteilung möchten wir einen
Brief von Chodowiecki an einen „hochedelgebohrenen
Herrn“ (Steitz ?) hervorheben, dem er eine eigenhändige,
ausführliche Preisliste seiner „radierten Arbeiten, in so
fern ich sie noch vorräthig habe oder von andern be
kommenkann“, übersendet. Einen Teil der Blätter hat
er mit den Unterschriften aufgeführt, den andern nur
nummerweise nach den Meuselschen Miszellanen. Von
seiner Gewissenhaftigkeit zeugen die Zusätze: „schlech
ter Abdruck, sehr schlechter Abdruck".
Eine kleine Abteilung faßt „Stammbücher“ zusam
men, die dem 16.,17.,18 und 19. Jahrhundert angehören.
Das interessanteste mag das des Anton Grund aus
Prag sein, das unter den 100 Eintragungen 60 mit musi
kalischen Themen aufweist. An erster Stelle steht
Richard Wagner; es folgen Berlioz, Robert und