1 ut er nationale Sammler - Zeitung
Seite 45
Nr. - 6
Chronik
Bibliophilie.
(Die große Weimarer Goethe-Ausgabe abge
schlossen.) Ein bedeutendes literarhistorisches Ereignis im all
gemeinen und der gewaltigen Goethe-Literatur im besonderen ist.
msoferr.e zu registrieren, • als soeben mit der Herausgabe des
letzten der drei Registerbände zu Goethes Tagebüchern das vor
lunfunddieißig Jahren begonnene Riesenwerk dgr Großherzogin-
Sophien-Ausgabe; von Goethes sämtlichen Werken .nunmehr
abgeschlossen vorliegt. Der Bearbeiter der drei, Registeibände,
der. Goethe-Forscher und Assistent. am Goethe- und Schiller
Archiv zu Weimar. Professor Dr. Hans Gerhard Graf, hat mit
dieser schwieligen Gelehrtenarbeit den Schlußstein in das
Gebäude gesetzt. Nicht weniger als 133 musterhaft von dem
Weimarer Verlag Hermann Böhla.us Nachfolger ausgestattete
Bände liegen in 143 Buchbinderbänden nunmehr vor.
Bilder.
(Renaissancezeichnungen;) Lord Rosebery hat der
Bibliothek cles Britischen Museums ein Ski.zzenbuch von
Nicola us Berghem und einen Band italienischer Zeichnungen
des Quattrocento auf Pergament, die beide aus. der Sammlung
seines Schwiegervaters, Baron Meyer de Rothschild in Ment-
more, stammen, als Geschenk überwiesen. Das italienische
Buch, das früher Mantegna zugesehrieben wurde, war schon
1893 im Britischen Museum einige Wochen au: gestellt und
wurde damals von. der kunstwissenschaftlichen Kritik sehr
beachtet. Seither aber, war es so gut wie unzugänglich. Sein
Inhalt ist zwar 1795 von Francesco Növelli in Italien pu
bliziert worden, aber die damaligen Reproduktiönsmittel
waren' durchaus unzulänglich. Novelli berichtet, daß es 1765
in Padua aufgefunden wurde, .ine Aufzeichnung in dem Buch
selber gibt als früheren Besitzer einen Matteo Macigni' an,
einen in Venedig eingebürgerten Florentiner, der 1488 in Padua
starb. Die späteren Schicksale des Buches sind unbekannt,
man weiß auch nicht, wie es in die Mentmore-Bibliothek'ge
kommen ist. Das Buch enthält auf 30 Blättern, 28 große Zeich
mmgen, deren Vorwurf meist der Mythologie oder, der antiken
Geschichte entnommen ist. Besondere. Beachtung verdient
eine Darstellung des „Todes des Orpheus", die von der Dürer
Gesellschaft mit dem Hamburger Stich, der das nämliche
Thema. behandelt, als Vorstufe zu einer Zeichnung Dürers
veröffentlicht worden ist. Auf der Rückseite der Blätter sind
kleinere, meist allegorische Zeichnungen. Vermutlich stammt
das ganze Buch von einem einzigen Künstler, obwohl in einer
„Madonna" gewisse stilistische Abweichungen von den übrigen
Zeichnungen fcstgestellt werden. Der Name des Meisters aber,
der dem Kreise Mantegnas nahestehen muß, bleibt noch zu
ermitteln.
Numismatik.
(Notgeld.) Die Stadt Wien hat die aiten 20-Heller-
Scheine durch neue ersetzt, die bis 30. Juni im Umlauf sein
werden. Die Scheine zeigen auf der Vorderseite einen violetten
Untergrund, der das Wappen der Stadt Wien trägt und von
dem sich ein Rokokorahmen abhebt. In den Ecken, die der
ovale Rahmen freiläßt, wiederholt sich viermal die Ziffer 20
in weißen Lettern auf schwarzer Rosette. Die Kassenscheine
tragen c’ie Unterschrift des Bürgermeistern Reumann, des
Vizebürgermeisters Hoß und des Stadtrates Breitner. Auf der
Rückseite enthalten die Scheine die Mitteilung, daß sie bis
zum 30. Juni d. J. in Zahlung genommen werden. —• Die Ge
meinde Losenstein an der Enns hat bei der Graphischen
Anstalt Prietzel in Steyr sehr nette Scheine zu 10, 20 und
50 Hellern unfertigen lassen, die die Ruine Losenstein zeigen.
—.Das Notgeld der Stadt Linz ist durch 50 Heller-Gutscheine
bereichert worden, die aus besserem Papier hergestellt und in
bläulich-grünlichen Farben gehalten sind.
(Die .Münzamtspreise für Silber- und Gold
münzen.) Das Wiener Münzamt hat voi wenigen Tagen
die neuen Preise veröffentlicht, die für Gold und Silber gezahlt
werden: für das Kilogramm Feingold K 120.000, für das Kilo
gramm Feinsilber 5500 Papiorkronen. Das Münzamt hat diese
Preise festgesetzt, um die Konkurrenz mit dem Gold- und Silber
schleichhandel aufnehmen zu können. Ebenso wurden die
Preise bekanntgegeben, die das Münzamt für Gold- und Silber-
münzen bezahlt. Die Silber kröne wiegt fünf Gramm, hat einen
Feingehalt von 835 und wird mit 23 Papierkronen eingelöst.
Weiter erhält man für ein Zweikronenstück K 46• —, ein Ein-
guldenstiick K 61 •—, ein Zweiguldenstück K 122 —, ein Fünf
kronenstück K 119, ein Zehnkronenstück in Gold R 360, ein
Zwanzigkronenstück K 720, ein Hundertkronenstück K 3600.
Philatelie.
(Kriegsgefangenen--Briefmarken.) Zugunsten des
Fonds für die Heimbeförderung der Kriegsgefangenen Werden
in Ungarn .seit 10. März Kriegsgefangenen-Briefmarken
ausgegeben. Diese Briefmarken, die in beschränkter Anzahl
hergestellt wurden und einzelne ergreifende Momente aus dem
Leben der Kriegsgefangenen in künstlerischer Ausführung dar
stellen, sind außer dem postalischen Nominalwert von 40,
60 und 100 Hellern mit einer Kriegsgefangenen Unt erstützung
von 1, ?, beziehungsweise 5 Kronen belastet, das heißt, sie
gelangen zum Preise von K 1:40, 2-60, beziehungsweise K 6-—
— die aus drei Briefmarken bestehende Serie zu K 10 : — —
zum Verkauf. Die Verkaufsstellen sind in Budapest die Haupt
abteilung des Ungarischen Landesschutz Vereins, IV., Waitzner
gasse 38, die Sektion B für Kriegsgefangene des Kriegsmini
steriums, TI., Szalaggasse 15, und sämtliche staatliche Post
ämter.
(,,Sarre‘‘-Überdrucke.) Aus Saarbrücken wird ge
meldet: Gegen den von General Wirbel befohlenen Überdruck
der Deutschen Reichs-Marken ist von der deutschen Regierung
Einspruch erhoben worden. Die Marken sämtlicher Werte
werden jedoch nach wie vor mit „Särre“ überdruckt, und
: sit dem 31. Jänner, soweit das Überdruckverfahren dem An
sturm der Sammler- und Händlerkreise nachkommt, ausge
geben. Auch die bayerischen Marken werden, für die Zwecke,
der dem Saarbecken eingegliedeiten Westpfalz, jetzt dem
gleichen Verfahren unterzogen.
Verschiedenes.
(Gabriel Posonyi.) In erfreulicher körperlicher und
geistiger Frische beging am 12. März Gabriel Posonyi seinen
77. Geburtstag. Der Name hat in der Sammlerweit besten
Klang, speziell die ältere Wiener Sammlergeneiation erinneit
sich mit Vergnügen des Kunsthändlers auf dem Kärntnerring,
von dem die Sage ging, er besitze eine Wünschelrute, die ihm
die interessantesten Kunstobjekte in das Atelier zaubere.
Posonyi war allen anderen immer um eine Idee, um etwas
Neues, Apartes voraus. Einmal war es ein Waldmüller, den
er sozusagen aus der Taufe hob, ein anderesmal ein hervor
ragender alter Meister, den er mit kundigem. Blick irgendwo
aus dem Dunkel gezogen hatte. Kein Wunder, daß seine
Kunstversteigerungen die größte Anziehungskraft auf das
kunstliebende Publikum übten. Sein herzliches Verhältnis
zu den großen Sammlern hat sich im Laufe der Jahrzehnte
nicht gewandelt: Der alte Herr ist heute noch, wie ehedem,
ihr Vertrauensmann in allen Kunstfragen, auf dessen erprobtes
Urteil sie höfen Und den sie bei ihren Ankäufen nie zu Rate