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Zentralblatt für Sammler, Liebhaber und Kunstfreunde.
Herausgeber: Norbert Ehrlich.
12. Jahrgang. Wien, 1. April 1920. Nr. 7.
Die Sammlung Dr. Paul Wangemann.
Die Sammlung des Zahnarztes Dr. Paul Wange
mann in Aachen, die bei Lempertz in Köln zur Ver
steigerung kommt, gchöit zu den letzten Ausläufern
der bekannten rheinischen Sammlungen des 19. Jahr
hunderts. Die günstige Lage des rheinischen Sammlers,
der den großen Kunstmäikten stets nahe ist und der
zugleich Gelegenheit hat, aus seiner Umgebung, aus
den nächsten Kreisen die Bestände seiner Sammlung
zu meinen, verstand Dr. Wangemann, wie ihm Dozent
Dr. Lüthgen in dem Vorwort zum Katalog naefnühmt,
geschickt auszunützen.
Wurzelt aber auch die Sammlung Wangemann im
Gebiete des Aachener Kunstkreises, so blitb die mittel
alterliche Kunst oder die Kunst der Renaissance keines
wegs unberücksichtigt: Glanzstücke der mittelalter
lichen Kunst sind die für die rheinische Kunstgeschichte
so bedeutsame Hansaschüssel, die Kisa schon 1905 in
der Zeitschrift für christliche Kunst veröffentlichte und
eine romanisch; Kupferschüssel des 12. Jah hunderts,
die mit ihren gravierten Gestalten und Ornamenten
der Innenseite eins einzigartige Vorstellung von der
linearen Ausdruckskraft der romanischen Stilgesinnung
übermittelt. Neben diesem Stücke werden in der Samm
lung 'Wangemann noch ein gotischer Turnierpreis für
die Ritter des goldenen Vlieses und der sogenannte
Luther-Becher für hervorragendste Erzeugnisse des
Kunstgewer bes angesehen. Der Turnier preis bot zwar
stets der Deutung Schwierigkeiten. Man hat dies Stück
für eine Agraffe halten wollen, wie sie die Johanniter
bei kirchlichen Feiern auf dem Rauchmantel trugen;
doch spricht gegen diese Auffassung die reichverzierte
Rückseite, die keinerlei Krampen.-,puren aufweist.
Der geschlossenste und reichste Teil der Sammlung
ist der der Edelmetalle. Die getriebenen, ziselierten,
zum Teil vergoldeten Silberarbeiten, wie Schüsseln,
Pokale, Becher, Kannen, Platten, Leuchter, zeigen die
Entwicklung vom ausgehenden 15. bis zum 18. Jahr
hundert, wobei das späte 18. Jah hundert am reich
haltigsten vertreten scheint. Neben Arbeiten von
Aachener und Kölner Goldschmieden finden sich Stücke
aus den besten Werkstätten von Augsburg und Nürn
berg, unter denen eine silbergetriebene Prunkschüssel
der Renaissance von 43 cm Durchmesser mit ihren ein
fach edlen Schmuckformen hervorgehoben zu werden
verdient.
Die Bronze- und Kupferarbeiten umfassen in gleicher
Weise Gefäße und Geräte des kirchlichen und häus
lichen Gebrauches. Wenn auch den Durchschnitt über
ragende Einzelstücke, wie sie die Hansaschüssel dar
stellt, fehlen, so ist das Mittelgut noch in reicher Man
nigfaltigkeit durch Reliquiare, Ziborien, Rauchfässer,
Altarfeuchter, Kronleuchter, Mörser, Kessel und Hen
kelkörbe Vertreten, dagegen enthalten die getriebenen
und geschmiedeten Eisenarbeiten manche einzig
artige Stücke. Gerade auf diesem Gebiete hatte sich
der Eifer und die Sachkenntnis Dr. Wangemanns schon
früher darin erwiesen, daß er eine bedeutende Sonder
sammlung in Eisen zusammcnbrachte, die das South-
Kensington-Museum in London erwarb. Unter diesen
Eisenar beiten sind vor allem die Prachtstücke der Gotik
zu erwähnen, hinter denen allerdings die Meisterwerke
der Renaissance nicht zurückstehen, wie sie in den
wuchtigen Schlössern und Bändern, den Zierstücken
der Kleinkunst vorliegen, oder in den Schlüsseln, unter
denen ein Kölner Kammerherr Schlüssel der bemerkens
werteste ist.
Weniger 'umfangreich und abgeschlossen ist die
Sammlung von Glasgemälden, die in ihren besten
Stücken auf Kölner A-beiten beschränkt bleiben.
Immerhin ist das Kölner Wappenfenster mit dem
Doppelwappcn des Ratsherrn Phtlgcm aus dem Jahre
1663 eine treffliche Leistung des 17. Jahrhunderts und
die Kölner Rundscheibe mit der Darstellung der An
betung der Könige in den charakteristischen gelben und
braunen Tönen und der bemer kenswerten Neigung nach
architektonischer Weiträumigkeit in der Palastarchi-
tektur des Hintergrundes erweitert die Vorstellung von
der kölnischen Glasmalerei der Barockzeit.
N.ben den Werken der Goldschmiede kunst bean
spruchen die Möbel und Holzschnitzereien die
gr ößte Beachtung. Da auf diesem Gebiete der Aachener
Sammler sich folgerichtig den besten Werken der hei
mischen Kunst zuwandte, sind die geschmeidig-an
mutigen, zierlichen Werke des Aachener und Lütticher
Rokokos der Mittelpunkt der Sammlung. Eines der
besten Werke dieser meister haft gestaltenden Zeit der
zweiten Hälfte des 18. Jah hunderts ist der Rokoko-
Glasschrank, den Karl Theodor an Freiherm von
Haiberg schenkte. Die Glas- und Kleiderschränke, die
Kommoden, Betten, Uhren erlauben ein fast abschließen
des Urteil über den künstlerischen Wert des Aachener
Rokokos. Und da zudem auch, einige: Stollenschränke
und Truhen der Gotik, Kastenmöbel und Sessel der
Renaissance und des Barock in guten Beispielen vor
handen sind, da durch Füllungen und Möbelteile reichlich
alle Stufen der Entwicklung vertreten sind, und endlich
bemerkenswerte Stücke vom Ende des 18. und aus dem
Beginn des 19, Jahrhunderts in bester Erhaltung vor-