Nr. 7
Internationale Sammler-Zeitung
Seite 51
Das Bild Johann Schwerdtners als Sammler wäre
kein vollständiges, wenn wir nicht auch auf seine zahl
reichen anderen Liebhabereien hinweisen würden.
Schwerdtner sammelte Bücher, insbesondere auf Wien
bezügliche, Bilder, Stiche, Wachsbossierungen, Glas-
und Metallarbeiten und Münzen. Vieles schenkte er
schon vor Jahren dem Benediktinerstift Herzogen-
burg, anderes wurde im Dorotheum versteigert oder in
den letzten Jahren freihändig verkauft. So manches
wertvolle Stück wird sich aber noch in seinem Nach
laß finden, darunter auch die Sammlung von Siegel-
abdrückcn, die einen Platz in einem Museum ver
dienen würde. Es wäre sehr bedauerlich, wenn ihr
das Schicksal der Sammlung Böss zuteil würde.
Zur Geschichte des Wiener Kunsthandels.
Von Gabriel Posonyi (Wien).
Herr Gabriel Posonyi hat
unsere Notiz zu seinem 77. Ge
burtstag mit einem längeren
Schreiben beantwortet, das sich
als sehr interessanter Beitrag
zur Geschichte des Wiener
Kunsthandels darstellt und das
wir deshalb nachstehend im Aus
zuge wiedergeben;
Meine Eltern waren von Sorgen zu sehr gedrückt,
um sich mit Kunst befassen zu können, ihre vier Söhne
aber hatten direkt oder indirekt mit Kunst zu tun,
alle aber wurden durch Alexander Kunstliebhabei, so;
1. Dr. Edmund. Posonyi, gewesener Hof- und
Gerichtsadvokat, welcher hervorragende alte Meister
sammelte, einen J. Ruysdael, Murillo, H. J. Beham
und. andere besaß und durch viele Jahre die sogenannten
Kleinmeister (Schule Dürer) kultivierte, und zwar nur
in prächtigen Abdrücken, fast bis zur Komplettheit
nachfolgende Künstler: Aldegrever, H. S. Beham,
B. Beham, G. Penz, de Biy, V. Solis usw.
2. Josef Posonyi, E ster Sekretär der österreichi
schen Sparkassa, sammelte fast zeitlebens nur Stiche,
Zeichnungen, sogenannte Viennensien. Seine reich
haltige Austriaca-Sammlung enthielt kostbare Stücke,
wie von Suttinger zwei Totalansichten von Wien,
köstlich mit der Feder auf Pergament gezeichnet, dann
von H. S. Beh am eine größere Zeichnung in Sepia,
Wiens erste Türkenbelagerung (ich glaube den Suttinger
erwarb seinerzeit das städtische Museum, die Beham-
Zeichnung der regierende Fürst Johann Liechten
stein), und unter den illustrierten zahlreichen Werken
befand sich das seltene Werk „Der Heilthumsstuhl“
genannt.
3. Alexander Posonyi, der machmalige Kunst
händler, Auktionator und Verleger von periodisch aus-
gegebenen Preislagcrkatalogen über . herrliche Stich
blätter, ging als Jüngling nach Leipzig und genoß seine
Ausbildung Jahre hindurch bei der großen Firma
R. und J. Weigel. 1857 kehrte er nach Wien zurück
und etablierte sich neben der alten Staatsdruckerei in
der Singerstraße. Vom Jahre 1858 an war ich stets
sein Mitarbeiter auch bei allen Auktionen und sein
Vertreter während seiner unzähligen Reisen. Alexander
brachte das ganze Auktionswesen in neue Bahnen,
gab würdige Kataloge heraus mit dem nötigen Texte
und versah die Hauptpiccen einer jeweiligen Auktions-
kollcktion mit Abbildungen, teils in Photographie,
Xylographie, w r as damals kostspielig und zeitraubend
war. Er veranstaltete im ganzen 53 Kunstauktionen,
teils im Künstlerhaus, teils im Grabenhofsaale, in der
Gartenbaugcsellschaft oder in Privatwohnungen, die
sich reger Kauflust erfreuten und vom Kaiser Franz
Josef, den Erzherzogen Karl Ludwig, Ludwig
Viktor, Prinz Eugen, Erzherzogin Maria Theresia,
Fürst Metternich, den Rothschilds usw. besucht
waren. Die Sammlungen Adamberg, Münzdirektor
Böhm (ein Mantegna, eine Studie zur Ehebrecherin
von Titian und zwei hervorragende altburgundische
vollrunde Statuetten, Mann oder Frau, trefflich in
Buchs geschnitten, waren darin enthalten), dann die
Kollektionen Polizeirat Krocker, Chemiker W. Koller
(prächtige alte Stiche, einzige Rem brandt-Blätter),
die reiche Antiquitätensammlung des Escamoteurs Pro
fessor Compars Herrmann und Beer gingen alle
durch unsere Hände.
Am Kärntnerring 8, jetzt Cafe Kremser, war
im nobel hergerichteten Lokale mit reicher Beleuchtung,
auch der vielen großen Schaufenster, stets großes
Lager trefflicher Gemälde in- und ausländischer Künstler
und waren daselbst zu sehen Werke von Troyon, Roybet,
Rosa Bonheur, Courbet, Diaz, Fromentin, Calame,
Daubigny, Dupre, Pradilla, Galofi e, Detaille, fünf bis
acht prächtige Mcissonier, dabei das große Bild, der
Künstler selbst und sein Sohn reitend bei den Foiti-
fikationen in Antibes, welches von uns dem Künstler
hause auf einen Monat zur Ausstellung im Stiftersaale
unter Glas geliehen wurde, Defregger, Max Grützner,
Hugo Kaufmann usw.
Diese Ausstellungen wurden vom Hofe, Prinzen
Arenberg, R. v. Schüller, Baron Licbig, Baron Königs-
wartcr, Hofrat Pfeiffer, Fürst Kinsky, Graf Meran,
Graf Wilczek, F. J. Gsell, Heckscher, Direktor Herbeck,
Klinkosch, Dr. Max Strauß, Oberbaurat Förstl, Dumba,
Sonnenthal, Wolter, Krastel, Bignio usw. häufig be
sucht, so auch von hiesigen Künstlern, denn es gab
auch sehr viel österreichische Kunst zu sehen: wie viele
prächtige Waldmüller, dabei die Hochzeit in Peters
dorf (jetzt in der Staatsgalerie), Gauermann, R. Alt,
Pettenhofen, Amerling, J. E. Schindler, Fendi, Treml,
Agricola, Raffalt, Schmitson usw. sind zu naiven Preisen
gegen jetzt verkäuflich gewesen.
Außerdem unternahm Alexander unzählige Reisen
nach Frankreich, Italien, England, Deutschland, Hol
land, um Erwerbungen zu machen oder großen Kupfer
stich-, Bilder- oder Antiquitätenauktionen beizuwohnen.
Er war bei den großen Kupferstich- oder später bei
Autographenauktionen ein gefürchteter Rivale, denn
er kaufte, wie auch Brentano in Frankfurt, die besten
Sachen zu enormen Preisen. Auf vielen Reisen, auch
in der Schweiz, war ich dabei.
Alexander war weniger Geschäftsmann, als enragier-
ter, tüchtig ausgebildeter Kunstforscher und Sammler.
Er hat dadurch die unvergleichlich das teilende Albr cch t
Dürer-Sammlung geschaffen, er hatte sämtliche Stiche
und Holzschnitte in allen drei Ausgaben komplett
vereint, und zwar in uniken Drucken und Er
haltung. Wenn er wo ein noch schönes Exemplar
witterte, scheute er nicht die Kosten einer weiten
Reise, um das Blatt zu bekommen. Außerdem besaß
er zirka 60 Original-Handzeichnungen, Silber
stiftzeichnungen, Federzeichnungen und Aquarelle von
Dürer. Diese sind durch H. Miethke und Wawra