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MAK

Full text : Jahrgang 12 (1920) (8)

Seite  62

Internationale  Sammler-Zeitung

Nr.  8

Handschriften.
(Handschriften  von  Diderot.)  Diderots  Handschriften ­
  sind  so  zahlreich  und  so  in  der  ganzen  Welt  zerstreut
worden,  daß  bisher  noch  keine  Gesamtausgabe  der  Werke
dieses  berühmten  französischen  Philosophen  der  Aufklärungsepoche
  existiert,  die  auf  Vollständigkeit  Anspiuch  machen
könnte.  Unter  diesen  Umständen  werden  der  wissenschaftlichen
Welt  neue  Mitteilungen  wertvoll  sein,  die  der  ehemalige  Rektor
des  Seminars  von  Langres,  der  Geburtsstadt  Diderots,  in  einer
soeben  erschienenen  Studie  über  den  Abbe  Diderot,  den  Bruder
des  Enzyklopädisten,  gemacht  hat.  Nach  dessen  Ausführungen
hat  der  letzte  Erbe  von  Diderots  Tochter  einem  gewissen
Gautier,  der  an  der  Front  gefallen  ist,  ein  umfangreiches
Paket  übergeben,  das  zahlreiche  Handschriften  enthielt,  die
nach  einer  Prüfung  auf  ihre  Bedeutung  für  die  Jetztzeit  veröffentlicht ­
  werden  sollen.  Die  Manuskripte,  die  sorgfältig
geordnet  und  registriert  waren,  stellten  das  gesamte  Archiv
der  Familie  Diderot  dar  und  waren  bis  zum  heutigen  Tage
vor  den  Augen  aller  Fremden  eifersüchtig  versteckt  worden.
Einige  dieser  wertvollen  Handschriften  aus  der  Feder  Diderots
werden  schon  jetzt  veröffentlicht,  der  größte  Teil  allerdings
ist  seinem  Inhalt  nach  völlig  unbekannt  geblieben.  Nach  der
Schätzung  Gautiers  selbst  ist  die  Zahl  der  unveröffentlichten
Manuskripte  so  groß,  daß  man  den  bisher  bekannten  Werken
Diderots  mindestens  acht  bis  neun  neue  Bände  von  je  etwa
600  Seiten  hinzufügen  wird  müssen.  Außer  einigen  vollständig
abgeschlossenen  Werken,  Skizzen  und  Plänen  befindet  sich
unter  diesen  neuaufgefundenen  Manuskripten  auch  der  gesamte ­
  Briefwechsel  mit  Sophie  Volland,  mit  der  Diderot
bis  zu  deren  Lebensende  zusammengelebt  hat,  sowie  zahlreiche
an  verschiedene  Persönlichkeiten  gerichtete  Briefe,  die  sicherlich
dazu  beitragen  werden,  die  nicht  wenigen  unaufgeklärten
Punkte  im  Leben  des  Philosophen  aufzuhellen.

Numismatik.
(Notgeld.)  Es  wird  jetzt  bald  keine  Gemeinde  in  Österreich ­
  geben,  die  nicht  ihr  Notgeld  hat.  Neuestens  melden  wieder
die  Ausgabe  voir  10-,  20-  und  50-Heller-Scheinen  Amstetten,
Langenlois  und  Pöggstall  in  Niederösterreich,  Attnäng-Puchheim,
  Eferding  und  Ried  in  Oberösterreich.  In  Budapest ­
  haben  die  Zeitungen  zum  sogenannten  „Zeitungsgeld“
Zuflucht  genommen,  das  ist  in  den  Zeitungsdruckereien  hergestelltes ­
  Notgeld,  das  nach  einer  stillschweigenden  Übereinkunft ­
  von  allen  Zeitungsverkäufern  an  Geldes  statt  akzeptiert
wird.  Wie  übrigens  der  ungarische  Finanzminister  kürzlich
in  der  Nationalversammlung  mitteilte,  wird  die  Regierung  in
den  nächsten  Tagen  Kleingeld  in  den  Verkehr  bringen.  —
Aus  Paris  wird  gemeldet:  Die  Pariser  Handelskammer  erhielt
vom  Handelsminister  die  Erlaubnis  zur  Ausgabe  von  Papierkleingeld, ­
  um  der  herrschenden  Kleingeldnot  abzuhelfen.
Der  Druck  dieser  Kleingeldscheine  wird  sogleich  begonnen
werden,  so  daß  in  ungefähr  drei  Wochen  die  Ausgabe  von
I-Francs-  und  50-Centimes-Scheinen  erfolgen  kann.

Philatelie.
(Neue  österreichische  Briefmarken.)  Wie  wir  erfahren, ­
  wird  die  Ausgabe  einer  80  Hellermarke  vorbereitet.
Auch  wird  eine  neue  Emission  geplant,  doch  sind  die  Beratungen ­
  darüber  noch  nicht  abgeschlossen.
(Das  Ende  der  bayerischen  Marken.)  Infolge  des
Überganges  des  bayerischen  Postwesens  an  das  Deutsche  Reich
wurden  mit  1.  April  die  Reichspostwertzeichen  in  Bayern
eingeführt.  Die  bayerischen  Marken  blieben  nur  bis  0.  April
in  Verwendung,  doch  werden  auch  bis  Ende  Mai  Briefe  mit
solchen  Wertzeichen  ohne  Nachtaxe  abgesandt  werden.  Unverwendet
  bleibende  bayerische  Postwertzeichen  können  bis
Ende  Mai  bei  allen  bayerischen  Postanstalten  gegen  Reichspostwertzeichen ­

  umgetauscht  oder  bar  eingelöst  werden.  Den
öffentlichen  Stellen  und  Behörden  werden  für  die  einzuliefemden
  bayerischen  Dienstwertzeichen  solche  mit  dem  Überdruck
„Deutsches  Reich“  verabfolgt,  so  daß  nun  das  Fazit  ist,
daß  eine  neue  baverische  Uberdruckmarke  entsteht,  auf  die
Sammler  eifrigst  jagd  machen  werden.
(Eine  klassische  Markensammlung.)  Demnächst
wird  in  Paris  der  Verkauf  der  berühmten  Markensammlung
Ferrary  erfolgen.  Die  Sammlung,  die  1867  von  dem  Baron
Philippe  von  Ferrary  angelegt  worden  ist,  war  bei  seinem  l’od
im  Jahre  1917  durch  letzwillige  Verfügung  des  Besitzers  dem
Berliner  Postmuseum  vermacht  worden.  Die  französische  Regierung ­
  hatte  natürlich  daraufhin  die  Sammlung  als  Eigentum,
feindlicher  Ausländer  beschlagnahmt.  Die  Ferrary-Sammlung,
die  die  berühmten  Sammlungen  von  Sir  Daniel  Cooper,  Judge
Philbriek  und  Baron  Rothschild  umfaßt,  soll  nunmehr  von  der
französischen  Regierung  öffentlich  versteigert  werden.  Dabei
erwartet  man  einen  Erlös  von  mindestens  25  Millionen  Franken.
Unter  den  Tausenden  wertvoller  Marken,  die  die  Sammlung
enthält,  befindet  sich  eine  Ausgabe,  eine  Britisch-Guyana
von  1856,  die  als  die  seltenste  Marke  der  Welt  gilt  und  deren
Wert  heute  auf  45.000  bis  65.000  Franken  geschätzt  wird.
Der  verstorbene  Baron  Ferrary  pflegte  ständig  alle  pliilatclistischen
  Märkte  der  Welt  zu  besuchen,  um  seltene  Stücke  aufzutreiben
  und  alle  Markenhändler  in  der  alten  und  neuen  Welt
standen  als  Agenten  in  seinen  Diensten.
(Philatelistentag  in  Karlsbad.)  Am  27.,  28.  und
20.  Juni  wird  in  Karlsbad  ein  Philatelistentag  abgehalten
werden.  Bei  genügendem  Interesse  dürfte  die  Gründung  des
deutschen  Philatelistenverbamdes  der  Tschechoslowakei  erfolgen. ­
  Anmeldungen  und  Zuschriften  sind  an  den  Obmann
des  vorbereitenden  Ausschusses  Dr.  Karl  D.  Becher  in  Karlsbad ­
  zu  richten.

Verschiedenes.
(Zwei  unbekannte  Werke  Berninis  entdeckt.)
In  den  Lagerräumen  der  Akademie  der  schönen  Künste  zu
Siena  hat,  wie  die  „Kunstchronik“  meldet,  Professor  Arturu
Biligiardi  einige  bisher  unbekannte  Arbeiten  Berninis
aufgefunden.  Es  sind  zwei  Tonmodelle  des  großen  Barockmeisters, ­
  von  denen  das  eine  sich  auf  das  Grabdenkmal  Alexander ­
  VII.  in  der  Peterskirche  bezieht,  während  das  andere
für  einen  Engel  auf  dem  Ponte  S.  Angelo  bestimmt  war.  Die
Modelle  zeigen  so  unverkennbar  das  Gepräge  der  künstlerischen
Eigenart  Berninis,  daß  Zweifel  an  ihrer  Echtheit  ausgeschlossen
sind.
(Tschechische  Volkskunst.)  Im  Frühjahr  soll  im
Pariser  Louvre  eine  Ausstellung  tschechischer  Volkskunst
gezeigt  werden,  zu  der  die  tschechischen  Museen  und  Sammler
ihre  wertvollsten  Objekte  entsenden  wollen.  Präsident  des
vorbereitenden  Komitees  ist  der  Franzose  Pelle,  Generalstabschef ­
  der  tschechischen  Armee.  Die  Ausstellung  verfolgt  insbesondere ­
  die  Tendenz,  dem  Auslände  die  Einheitlichkeit  der
tschechischen  und  der  slowakischen  Kultur  ad  oculos  zu  demonstrieren. ­


Museen.
(Das  Liebig-Museum  in  Gießen.)  Am  26.  März  fand
in  Gießen  die  feieiliche  Eröffnung  des  in  dem  alten  Liebigschen
Laboratorium  eingerichteten  Liebig-Museums  statt.  Der
Reiz  des  Museums  liegt  in  erster  Linie  in  der  möglichst  getreuen
Wiederherstellung  der  einfachen  und  doch  weltberühmt  gewordenen ­
  Arbeitsräume  und  Arbeitsmittel  des  großen  Chemikers, ­
  sodann  aber  auch  in  den  reichen  Erinnerungen,  die  Freunde
und  Gönner  des  Museums  gestiftet  haben,  darunter  etwa
90  Briefe  Liebigs  an  A.  W.  Hof  mann  und  andere,  die  die  Witwe
Hofmans  dem  Museum  überlassen  hat.
            
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