Internationale
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Zentralblatt für Sammler, Liebhaber und Kunstfreunde.
Herausgeber: Norbert Ehrlich.
13. Jahrgang. Wien, 1. Juli 1921. Nr. 13.
Altes Kinderspielzeug.
Von Hof rat Pachinger (Linz a. d. Donau).
Im Anfänge war — das Spielzeug. Mit Recht
könnte man das Bibelwort variieren, denn es wird
keine Epoche der menschlichen Kulturstufen gegeben
haben, in der das Kind ohne Spielzeug gewesen ist.
Die Geschichte des Kinderspielzeuges -hieße also
eine Geschichte der Menschheit schreiben. Mag in
dem Dämmer der fernsten Steinzeit das Kind unter
einer überhängenden Kalksteinklippc oder in einer
Höhle, die ihm und seiner Sippe als Wohnstätte diente,
mit einem bunten Stein oder Blume, einem Hirsch
geweihstück, einem kleinen Vogel oder sonstigem
Lebewesen sich beschäftigt haben — der Trieb zum
Spielen lag, wie auch noch heute, im kindlich-mensch
lichen Verlangen.
Früh finden wir auch tatsächlich schon in den
Begräbnisstätten von Kindern Klappersteine und Ras
seln aus Ton sowie menschliche Figürchen, von denen
es allerdings nicht sicher ist, ob es sich dabei um Spiel
zeug oder um ein Idol handelt.
Das Dreigestirn am Kinderhimmel mag vom An
fänge an Klapper, Ball und Puppe gewesen sein, zu
dem sich wohl früh schon der Kreisel, Pferdchen und
Wagen sowie das hölzerne Schwert und der Flitzbogen
gesellt haben.
Je primitiver ein Spielzeug ist, je mehr es die
Phantasie des Kindes beschäftigt, um so erwünschter
ist es dem kindlichen Gemüte. Ein Stiefelknecht in
buntem Wickel, ein kleiner Holzklotz mit alten Lappen
bekleidet, wird das Kind mehr erfreuen, wie die künst
lichste Mechanik, die dem Kindergemüt keine Möglich
keit zur eigenen Phantasieentfaltung bietet.
Fast immer wird das Mädchen eine Puppe, der
Knabe ein Steckenpferd als das heißersehnteste Ziel
seiner Wünsche bezeichnen.
Die schöngewandete, altägyptische Puppe, deren
Frisur kleine Glasperlen bilden, war aus Ton gefertigt
und hatte frühzeitig schon bewegliche Gliedmaßen.
Daneben gab es auch recht flache, aus Bein primitiv
geschnitzte Püppchen; bei diesen fehlte öfters der
Unterleib, denn sie waren als „Wickelpoppeln“ ge
dacht, die in einem Steckkissen verwahrt wurden.
Die langgestreckte, künstlich frisierte, altgriechische
Elfenbein- oder Tonpuppe läßt sich nebst Klapper
und Kreisel weit über das sechste vorchristliche Jahr
hundert hinaus nachweisen.
Nebenher mag es gar manches Spielzeug aus ver
gänglicherem Materiale gegeben haben, das der Zahn
der Zeit zerstörte, ehe es auf uns überkommen war.
Aber Hampelmänner aus Ton sind uns sowohl aus
altägyptischer wie auch aus frühgriechischer Zeit er
halten geblieben. Auf Vasenbildern sehen wir neben
dem Spiel mit Ball und Kreisel auch Kinder, die mit
Pfeil und Bogen nach einer Scheibe schießen oder
mit der Rassel spielen.
Der Kreisel, im Altertum aus Buchsbaumholz ge
fertigt, wurde mit einer Peitsche angetrieben. In
Österreich hat sich eine Art Kreisel eingebürgert,.
„Wolferl“ genannt, der aus Weichholz gedrechselt,
einen hohlen, ziemlich großen, runden Kopf auf einem
spannlangen Stiel hat, der in eine hölzerne, schrauben
schlüsselähnliche Handhabe gesteckt wird, und daraus
mit einer Schnur in rasche Drehung gebracht, heraus
springt, auf dem Stützholz balancierend, einen brum
menden Ton von sich gibt.
Auch Brettspiele, deren rechteckige oder runde
Steine aus Bein oder Ton gefertigt, sind aus Resten,
die sich in prähistorischen Abfallhaufen oder in der
Kulturschichte der Pfahlbauten finden, mit Sicherheit
festzustellen.
Bei den Griechen und Römern gab es schon ein
eigenes Gewerbe der Puppenmacher. Im Museum zu
Rouen werden römische Theaterfigürchen, aus Terra
kotta gefertigt, gezeigt, die auf eine fabriksmäßige
Erzeugung aus Modeln schließen lassen.
Der Papierdrache, dessen Heimat bekanntlich China
ist, wo der Drache als kaiserliches Symbol göttliche
Verehrung genießt, mag als Spielzeug auch auf ein
ehrwürdiges Alter zurückblicken.
J. Widmann erzählt, daß, wie bei Römern und
Griechen, so auch bei den Germanen es für Kinder
mancherlei Spielzeug gab. Der Töpfer spielte, wie
überhaupt in frühesten Zeiten, die erste Rolle beim
Anfertigen von Spielsachen. So erfreuten sich die
germanischen Kinder an Pfeifchen aus Ton; der Töpfer
hatte ihnen nicht selten Tierform gegeben. Der Töpfer
machte ihnen auch Rasseln, Puppen und andere Figuren,
von Tieren und Früchten und. in dem hohlen Innern
rasselten lustig Kügelchen. Pferdchen aus Holz
und Messing hatten sie auch; die altnordischen Sagas
erzählen davon und vom Hausbau der Kinder.
Um wieder auf das Glanzstück des Kinderspiel
zeuges zurückzukommen, so wäre von der Puppe,
die, im Mittelalter aus Ton gefertigt und mit einer
haarigen Perücke versehen war, zu berichten, daß es
dabei Männlein und Weiblein gab, alle aber an Leibes
form und im Anzuge als Erwachsene gedacht waren,
wie ja bis ins 19. Jahrhündert hinein noch vielfach
die kindliche Kleidung sich von jener der Erwachsenen