Internationale
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Zentralblatt für Sammler, Liebhaber und Kunstfreunde.
Herausgeber: Norbert Ehrlich.
Wien, 1. Oktober 1921. Nr. 19.
13. Jahrgang.
Die Fayencesammlung des
Die achte Kleßheim-Auktion, die vom 24. bis
27. Oktober im Dorotheum stattfindet, bringt die
Fayencesammlung des Erzherzogs Ludwig Viktor.
Der verstorbene Erzherzog war ein leidenschaft
licher Sammler von ,,Delft“; er füllte den herrlichen
Palast in Kleßheim, den er.bewohnfe, ganz mit blau
weißen Fayencen, die .er für Delft hielt. Alles im
Schlosse war dem Charakter seiner Passion angepaßt;
er ging in seiner Vorliebe für Blauweiß so weit, daß
selbst seine Gäste als Knopflochschmuck Kornblumen
und weiße Nelken erhielten. Waren Fremde darunter,
die diese Eigenart noch nicht kannten, pflegte er
gewöhnlich zu bemerken, man dürfe ja nicht glauben,
daß er kein guter Österreicher sei. Er sei ganz schwarz
gelb, aber die Kornblume stimme am besten zu dem
Fayenceschmuck des Saales, zu den Delfter Vasen,
den Delfter Servicen usw., und darum bevorzuge er sie.
Im Verlaufe seiner mehrere Jahrzehnte umspannenden.
Sammeltätigkeit hat der Erzherzog ungeheure Quan i-
täten von blauweißen Fayencen erworben. Nach Aus
scheidung der zahlreichen modernen Delfter Arbeiten
ergab sich noch ein Rest von einem halben Tausend
älterer Fayencen mit Blaumalerei, denen sich noch
eine stattliche Anzahl bunter Fayencen mit Scharf
feuer- und Muffelmalerei anschloß. Bei genauerer
Durchsicht der blauweißen Fayencen zeigte sich,
daß weitaus der kleinere Prozentsatz aus den Delfter
Töpfereien stammte, während die überwiegende Masse
sich als deutsche Fayencen feststellen ließ, und zwar
aus der interessantesten Epoche derselben, nämlich
aus dem letzten Viertel des 17. und dem Anfang des
18. Jahrhunderts. Das ist wohl so zu erklären, daß der
Kunstmarkt vor zwei bis drei Jahrzehnten, als der
Erzherzog intensiv sammelte, dessen Nachfrage nach
Delft nicht nachkommen konnte und die Händler dem
•fürstlichen Sammler anonyme und nicht erkannte
deutsche Fayencen brachten, die damals außerdem
sehr billig waren. Heute ist das Verhältnis vollkommen
zugunsten der deutschen Fayencen verschoben, und
so kann das Dorotheum eine Sammlung von Fayencen
aus mittel- und süddeutschen, aber auch aus nord
deutschen Fabriken vorlegen, wie sie in dieser Im-
portanz und Vielseitigkeit auf dem Kunstmarkte bisher
selten erschienen sind.
Die Sammlung wurde vom Direktor des Troppauer
Museums, Herrn Dr. Eduard Braun, einem bekannten
Fachmann auf diesem Gebiete, unter Beihilfe des
wissenschaftlichen Assistenten an der Kunstabteilung
des Dorotheums, Herrn Dr. Leopold Ruprecht,
expertisiert: das Ergebnis liegt in einem Katalog vor,
Erzherzogs Ludwig Viktor.
dem wissenschaftliche Bedeutung zukommt. Er bietet
nicht nur eine Bereicherung des bisher bekannten
Markenmaterials, sondern auch wertvolle Aufklärungen
über die künstlerischen Produktionsweisen derselben.
Der größte Teil der Kleßheittrer Fayencen verteilt
sich, wie der Katalog ausführt, auf die drei wichtigsten
und führenden frühen Fabriken, auf Frankfurt am
Main, Hanau pnd Nürnberg. Am stärksten ist Hanau
vertreten, das so ziemlich alle Typen aufweist, die aus
dieser Manufaktur hervorgegangen sind. Wir finden
da einen hochinteressanten Enghalskrug mit der Dar
stellung einer Frau, die ihren Mann mit dem Koch
löffel bearbeitet, in Scharffarben mit Inschrift, den
man der Hanauer Malerstube zuschreiben darf, trotz
dem der Zinndeckel das Zeichen eines Nürnberger
Meisters trägt, ferner die für Hanau besonders charak
teristischen Krüge mit Wappen von Adeligen, Pa
triziern und Zunfthandwerkern in Blaumalerei, die
Enghalskrüge mit geflochtenen Zopfhenkeln und glatter
oder gerippter Wandung, die entweder in Blaumalerei
allein oder in derselben mit Manganvorzeichnung
allerlei figürliche Darstellungen in Landschaften, zu
meist religiöse Szenen aus dem Alten Testament
tragen usw.
Die lange Reihe der Nürnberger Fayencen er
öffnen zwei Krüge, die aus der Frankfurter Fabrik
stammen, aber von Nürnberger Hausmalern dekoriert
worden sind. Besonders der zweite mit einer vortreff
lich gemalten Ruinenlandschaft in Schwarzrot, die
von einem eisenroten Lorbeerkranz eingefaßt ist,
erscheint bemerkenswert und wertvoll, weil er die
Signatur des bedeutendsten, 1670 verstorbenen Nürn
berger Hausmalers Johann Schapper trägt. Die übrigen
Nürnberger Fayencen sind durchgehends in Blaumalerei
ausgeführt und repräsentieren viele der Typen, welche
in der dortigen Malerstube beliebt waren. Hauptsäch
lich sind es Schüsseln, Teller und Krüge mit dem be
kannten ornamentalen Blumendekor, mit Früchten
auf Schalen, Papageien usw.
Aus der Ansbacher Fabrik finden wir einige
Deckelvasen mit kaltem Lackdekor und Relief,
Chinoiserien, wie sie in verschiedenen Sätzen im Äns-
bacher Schloß stehen. An Bayreuther Fayencen
nennen wir eine Anzahl mit ornamentaler Blaumalerei,
mit figuralen Chinoiserien, Früchtkörben mit Papagei
und einem Teller mit dem Allianzwappen von Branden
burg, Bayreuth und Ostfriesland, aus einem Service, das
im Jahre 1734 bei der Vermählung der-Prinzessin Sophie
Wilhelmine von Bayreuth mit dem letzten Regenten
von. Ostfriesland für dieses- Paar angefertigt wurde.