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Internationale Sammler -Zeitung
Nr.
St. Lukas-Versteigerungen in Wien.
Die Galerie St. Lukas in Wien trifft Vorbereitungen
zu ihrer ersten Versteigerung, die Anfang des Monates März
im Altdeutschen Saale des Künstlerhauses, I., Bö-
sendorfergasse 6, früher Giselastraße, vor sich gehen soll.
Wie nicht anders zu erwarten, debütiert die Galerie
St. Lukas, die gut beraten ist, auf dem Kunstmarkte mit
einer Reihe von Gemälden und Kunstgegenständen, die dar
nach angetan sind, die Aufmerksamkeit der ausländischen
Kunstfreunde und Sammler auf diese Auktionen zu lenken.
Was zunächst die Gemälde alter Meister anbclangt,
so bringt die Galerie St. Lukas in ihrer ersten Versteigerung
ein herrliches Christusbild von Benvenuto Garofalo, der zu
den Hauptmeistern der ferraresischen Schule im Anfänge des
sechzehnten Jahrhunderts gehört. Viele seiner Werke erinnern
so sehr an Raffael, daß man versucht ist, sic dem großen Ur-
binaten zuzuschreiben. In einzelnen Fällen ist es bekanntlich
auch geschehen, und es wogte lange unentschieden die Frage,
ob Garofalo oder Raffael der Urheber des Werkes sei. Isaak
van Ostade ist mit einem seiner besten Werke vertreten,
der ,,Scheune", die durch die Radierung zu größter Populari
tät gelangt ist. Eine Madonna, die von Engeln umgeben ist,
gemahnt an den Meister von Flemalle, der die van Eycksche
Feinmalerei zu neuer Blüte erweckt hat. Die charakteristische
Art Roland Roghmams zeigt eine Landschaft von wunder
samen Stimmungsreiz. Lucas Cranach der Ältere erscheint
mit einem Bildnisse des Kurfürsten Johann des Beständigen
von Sachsen, der mächtig in die durch Luther entfachte Re
formationsbewegung eingegriffen hat und darum auch auf dem
Lutherdenkmal in Worms verewigt ist. Sebastian Vranx
ist durch eine seiner gesuchten Gefechtssezenen repräsentiert,
in denen Roß und Reiter in lebendige Handlungen versetzt
sind.
Unter den Werken der neueren Zeit ragt das Porträt
einer jungen Dame von Waldmüller hervor, das dem Künstler
den Weg in die Wiener Gesellschaft gebahnt hat. In dasselbe
Milieu gehört auch das Doppelporträt zweier einst gefeierten
Schwestern, die Makarts farbenfroher Pinsel auf die Lein
wand gezaubert hat.
Die Gemäldeabteilung, die mit diesen Proben natürlich
noch lange nicht erschöpft ist, wird durch einige Handzeich
nungen erster Meister ergänzt, von denen wir Boucher und
Falkenberger nennen.
Unter den Kunstgegenständen, welche die Galerie St. Lukas
zur Versteigerung bringt, befinden sich zwei gotische Altar
flügel mit Darstellungen aus der Legende des heiligen Wenzel
sowie hervorragende Holzskulpturen der Renaissancezeit.
Der Katalog, der von Künstlerhand entworfen wurde,
gelangt Mitte Februar an Interessenten zur Versendung.
Chronik.
AUTOQRAPHEN.
(Ein Originalbrief Galileis.) In der Dokumenten
sammlung Darmstaedter der preußischen Staatsbibliothek
befindet sich ein eigenhändig geschriebener Brief Galileis.
Dieses ehrwürdige Dokument schrieb der‘siebzigjährige Ge
lehrte in seiner Villa Arcetri bei Florenz, in die er sich zurück
ziehen durfte, nachdem er 1633 die Kopernikanische Lehre
öffentlich und feierlich abgeschworen hatte. In dem Briefe
ist vornehmlich von der Inquisition, die diesem Gelehrten
das Leben verbitterte, die Rede. Es heißt unter anderem darin:
„Diejenigen Leute, die immer für die Weisen gelten wollen,
haben nach einer Methode gesucht, das, was ich gefunden
und publiziert habe, zu unterdrücken und ebenso zu verhindern,
was ich noch an das Licht zu ziehen beabsichtige. Sie haben
in Verfolg dieser Methode das höchste Tribunal der Inquisition
veranlaßt, nichts von meinen Werken mehr zii erlauben, eine
Order, die, wie ich sage, ganz allgemein ist und die alles, was
ich herausgegeben habe und alles, was ich noch herauszugeben
beabsichtige, umfaßt. Ich hin dessen von* Venedig aus von
einem Freund versichert worden, der zum dortigen Inquisitor
gegangen war, um den Wiederdruck einer kleinen Broschüre,
die ich vor zwanzig Jahren verfaßt habe, zu gestatten, eine
Erlaubnis, die von dem Orden verweigert worden ist."
BIBLIOPHILIE.
(Geschriebene Bücher.) Nicht so gar selten bekommt
man jetzt geschriebene Bücher zu sehen. Es ist die Not
der Zeit, die hier ihren Tribut fordert. Denn nicht um Romane
und Detektivgeschichten handelt es sich selbstverständlich
bei solchem Notbehelf, für die sich etwa ein Druck zu teuer
und nicht lohnend gestalten würde, sondern um wissen
schaftliche Werke. Schon vor einiger Zeit konnte man zu
weilen Werke wissenschaftlichen Charakters sehen, deren
Druck dem Autor und dem Verleger zu große Opfer zugemutet
hätte und die deshalb mit der Schreibmaschine verviel
fältigt waren. Und bei den letzten Neuzugängen der Bayerischen
Staatsbibliothek befand sich sogar ein vom Verfasser mit
der Hand geschriebenes Buch, das dann auf mechanische
Art vervielfältigt worden war. Es w ; ar das eine über fünf
hundert Seiten starke, an Hand von gehaltenen Vorlesungen
bearbeitete Geschichte der Medizin: „3000 Jahre Medizin“
von Dr, med. et phi.l. Hübottc, die in der geschilderten
Weise bei. Rothacker in Berlin erschienen ist. Der Preis des
Buches beträgt etwa M 90" —. Derartige Handschriften hat
man vor nicht zu langer Zeit noch als besondere bibliophile
Seltenheit und Kostbarkeit hergestellt; jetzt zwingt die Not
lage der Wissenschaft dazu. Das Buch ist gut leserlich ge
schrieben. Man sieht aber doch beim Durchblättem, wie schwor
es dem an Drucksatz gewöhnten Auge fällt, rasche und über
sichtliche Einstellung auf das geschriebene Manuskript zu
gewinnen.
BILDER.
(Verkauf eines Hauptwerkes Bellinis undTizians.)
Der englische Kunstbesitz hat jetzt eines seiner wesentlichsten
und dabei fast unbekannten Stücke an Amerika abgeben
müssen: das „Bacchanal“ des Giovanni Bellini, das von
Tizian vollendet wurde, kam aus Alnwick Castle nach New'
York in die Sammlung von Carl W. Hamilton und dieser
hat es jetzt für einige Zeit dem Metropolitan-Museum zur
Ausstellung überlassen. Dies letzte Meisterwerk des großen
Venezianers, das in seiner englischen Verborgenheit den
Forschern und Kunstfreunden meist unbekannt blieb und daher
auch in keiner Kunstgeschichte und Bellini-Monographie
abgcbildet ist, trägt die Inschrift des Bellini und das Datum
1509. Es entstand für das berühmte Kabinett des Herzogs
Alfonso von Ferrara, aber der Meister habe es nicht voll
enden können und deshalb Tizian den Abschluß übernommen.
In der Tat zeigt die leuchtende Landschaft die Hand des
jüngeren Meisters. Aus Ferrara kam das Bild später nach
England. Das Bild'zeigt in der scharfen Zeichnung der Ge-
w'änder, daß der alte Bellini die Art Dürers nachahmen wollte,
der eben 1507 in Venedig selbst den Altar von S. Bartolomeo
gemalt hatte. Und Dürer erzählt ja in seinen venezianischen
Briefen, wie die Maler dort ihm alles abgucken wollten, und