MAK
Seite 28 
Internationale Sammler -Zeitung 
Nr. 
St. Lukas-Versteigerungen in Wien. 
Die Galerie St. Lukas in Wien trifft Vorbereitungen 
zu ihrer ersten Versteigerung, die Anfang des Monates März 
im Altdeutschen Saale des Künstlerhauses, I., Bö- 
sendorfergasse 6, früher Giselastraße, vor sich gehen soll. 
Wie nicht anders zu erwarten, debütiert die Galerie 
St. Lukas, die gut beraten ist, auf dem Kunstmarkte mit 
einer Reihe von Gemälden und Kunstgegenständen, die dar 
nach angetan sind, die Aufmerksamkeit der ausländischen 
Kunstfreunde und Sammler auf diese Auktionen zu lenken. 
Was zunächst die Gemälde alter Meister anbclangt, 
so bringt die Galerie St. Lukas in ihrer ersten Versteigerung 
ein herrliches Christusbild von Benvenuto Garofalo, der zu 
den Hauptmeistern der ferraresischen Schule im Anfänge des 
sechzehnten Jahrhunderts gehört. Viele seiner Werke erinnern 
so sehr an Raffael, daß man versucht ist, sic dem großen Ur- 
binaten zuzuschreiben. In einzelnen Fällen ist es bekanntlich 
auch geschehen, und es wogte lange unentschieden die Frage, 
ob Garofalo oder Raffael der Urheber des Werkes sei. Isaak 
van Ostade ist mit einem seiner besten Werke vertreten, 
der ,,Scheune", die durch die Radierung zu größter Populari 
tät gelangt ist. Eine Madonna, die von Engeln umgeben ist, 
gemahnt an den Meister von Flemalle, der die van Eycksche 
Feinmalerei zu neuer Blüte erweckt hat. Die charakteristische 
Art Roland Roghmams zeigt eine Landschaft von wunder 
samen Stimmungsreiz. Lucas Cranach der Ältere erscheint 
mit einem Bildnisse des Kurfürsten Johann des Beständigen 
von Sachsen, der mächtig in die durch Luther entfachte Re 
formationsbewegung eingegriffen hat und darum auch auf dem 
Lutherdenkmal in Worms verewigt ist. Sebastian Vranx 
ist durch eine seiner gesuchten Gefechtssezenen repräsentiert, 
in denen Roß und Reiter in lebendige Handlungen versetzt 
sind. 
Unter den Werken der neueren Zeit ragt das Porträt 
einer jungen Dame von Waldmüller hervor, das dem Künstler 
den Weg in die Wiener Gesellschaft gebahnt hat. In dasselbe 
Milieu gehört auch das Doppelporträt zweier einst gefeierten 
Schwestern, die Makarts farbenfroher Pinsel auf die Lein 
wand gezaubert hat. 
Die Gemäldeabteilung, die mit diesen Proben natürlich 
noch lange nicht erschöpft ist, wird durch einige Handzeich 
nungen erster Meister ergänzt, von denen wir Boucher und 
Falkenberger nennen. 
Unter den Kunstgegenständen, welche die Galerie St. Lukas 
zur Versteigerung bringt, befinden sich zwei gotische Altar 
flügel mit Darstellungen aus der Legende des heiligen Wenzel 
sowie hervorragende Holzskulpturen der Renaissancezeit. 
Der Katalog, der von Künstlerhand entworfen wurde, 
gelangt Mitte Februar an Interessenten zur Versendung. 
Chronik. 
AUTOQRAPHEN. 
(Ein Originalbrief Galileis.) In der Dokumenten 
sammlung Darmstaedter der preußischen Staatsbibliothek 
befindet sich ein eigenhändig geschriebener Brief Galileis. 
Dieses ehrwürdige Dokument schrieb der‘siebzigjährige Ge 
lehrte in seiner Villa Arcetri bei Florenz, in die er sich zurück 
ziehen durfte, nachdem er 1633 die Kopernikanische Lehre 
öffentlich und feierlich abgeschworen hatte. In dem Briefe 
ist vornehmlich von der Inquisition, die diesem Gelehrten 
das Leben verbitterte, die Rede. Es heißt unter anderem darin: 
„Diejenigen Leute, die immer für die Weisen gelten wollen, 
haben nach einer Methode gesucht, das, was ich gefunden 
und publiziert habe, zu unterdrücken und ebenso zu verhindern, 
was ich noch an das Licht zu ziehen beabsichtige. Sie haben 
in Verfolg dieser Methode das höchste Tribunal der Inquisition 
veranlaßt, nichts von meinen Werken mehr zii erlauben, eine 
Order, die, wie ich sage, ganz allgemein ist und die alles, was 
ich herausgegeben habe und alles, was ich noch herauszugeben 
beabsichtige, umfaßt. Ich hin dessen von* Venedig aus von 
einem Freund versichert worden, der zum dortigen Inquisitor 
gegangen war, um den Wiederdruck einer kleinen Broschüre, 
die ich vor zwanzig Jahren verfaßt habe, zu gestatten, eine 
Erlaubnis, die von dem Orden verweigert worden ist." 
BIBLIOPHILIE. 
(Geschriebene Bücher.) Nicht so gar selten bekommt 
man jetzt geschriebene Bücher zu sehen. Es ist die Not 
der Zeit, die hier ihren Tribut fordert. Denn nicht um Romane 
und Detektivgeschichten handelt es sich selbstverständlich 
bei solchem Notbehelf, für die sich etwa ein Druck zu teuer 
und nicht lohnend gestalten würde, sondern um wissen 
schaftliche Werke. Schon vor einiger Zeit konnte man zu 
weilen Werke wissenschaftlichen Charakters sehen, deren 
Druck dem Autor und dem Verleger zu große Opfer zugemutet 
hätte und die deshalb mit der Schreibmaschine verviel 
fältigt waren. Und bei den letzten Neuzugängen der Bayerischen 
Staatsbibliothek befand sich sogar ein vom Verfasser mit 
der Hand geschriebenes Buch, das dann auf mechanische 
Art vervielfältigt worden war. Es w ; ar das eine über fünf 
hundert Seiten starke, an Hand von gehaltenen Vorlesungen 
bearbeitete Geschichte der Medizin: „3000 Jahre Medizin“ 
von Dr, med. et phi.l. Hübottc, die in der geschilderten 
Weise bei. Rothacker in Berlin erschienen ist. Der Preis des 
Buches beträgt etwa M 90" —. Derartige Handschriften hat 
man vor nicht zu langer Zeit noch als besondere bibliophile 
Seltenheit und Kostbarkeit hergestellt; jetzt zwingt die Not 
lage der Wissenschaft dazu. Das Buch ist gut leserlich ge 
schrieben. Man sieht aber doch beim Durchblättem, wie schwor 
es dem an Drucksatz gewöhnten Auge fällt, rasche und über 
sichtliche Einstellung auf das geschriebene Manuskript zu 
gewinnen. 
BILDER. 
(Verkauf eines Hauptwerkes Bellinis undTizians.) 
Der englische Kunstbesitz hat jetzt eines seiner wesentlichsten 
und dabei fast unbekannten Stücke an Amerika abgeben 
müssen: das „Bacchanal“ des Giovanni Bellini, das von 
Tizian vollendet wurde, kam aus Alnwick Castle nach New' 
York in die Sammlung von Carl W. Hamilton und dieser 
hat es jetzt für einige Zeit dem Metropolitan-Museum zur 
Ausstellung überlassen. Dies letzte Meisterwerk des großen 
Venezianers, das in seiner englischen Verborgenheit den 
Forschern und Kunstfreunden meist unbekannt blieb und daher 
auch in keiner Kunstgeschichte und Bellini-Monographie 
abgcbildet ist, trägt die Inschrift des Bellini und das Datum 
1509. Es entstand für das berühmte Kabinett des Herzogs 
Alfonso von Ferrara, aber der Meister habe es nicht voll 
enden können und deshalb Tizian den Abschluß übernommen. 
In der Tat zeigt die leuchtende Landschaft die Hand des 
jüngeren Meisters. Aus Ferrara kam das Bild später nach 
England. Das Bild'zeigt in der scharfen Zeichnung der Ge- 
w'änder, daß der alte Bellini die Art Dürers nachahmen wollte, 
der eben 1507 in Venedig selbst den Altar von S. Bartolomeo 
gemalt hatte. Und Dürer erzählt ja in seinen venezianischen 
Briefen, wie die Maler dort ihm alles abgucken wollten, und
	        
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