Internationale
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Zentralblatt für Sammler, Liebhaber und Kunstfreunde.
Herausgeber: Norbert Ehrlich.
13. Jahrgang. Wien, 15. April 1921. Nr 8.
Der Nachlaß M.
Ein mehr als sieben Jahrzehnte fürsorglich gehütetes
Kunstgut schleppt die Not des Tages aus
seiner Verborgenheit hervor und zwingt den Besitzer,
sich von ihm endgültig zu trennen. Es ist der Nachlaß
M. M. Daffingers, der am 22. und 23. April d. J.
durch C. J. Wawra in Wien zur Versteigerung gelangt.
Dokumente einer selten schöpferischen Künstlerhand
werden uns aufgetan. Vor unseren Augen breitet
sich gleichsam ein reich illustriertes Tagebuch Daffingerischen
Ruhmes aus. Wir finden in ihm manchen
Hinweis auf die Anfänge seiner Wirksamkeit und
nehmen gleichzeitig Einblick in den überaus fesselnden
Werdeprozeß eines Künstlerdaseins, welchem ein
gütiges Geschick den Aufstieg zu stolzer und sicherer
Höhe rasch und fast mühelos ermöglicht hat. Eine
Anzahl von Ölbildern und Aquarellen, Bleistiftzeichnungen
und Radierungen, vollausgereiften, halbvollendeten
oder auch nur hauchartig angedeuteten
Werken bringt uns wieder einmal die Persönlichkeit
des Mannes in Erinnerung, welcher einer der gefeiertsten
Bildnismaler seiner Zeit gewesen, eines Künstlers
von durchaus wienerischem Einschlag, der nie müde
ward, die Sinnenfreude und die heitere Anmut seiner
Vaterstadt zu feiern, der den holden Liebreiz und den
kecken Schwung der Wiener Frauen und Mädchen,
wie kaum ein zweiter, erkannt und zu schildern gewußt,
der sie begehrenswert und schön gemalt hatte,
wie es die Wirklichkeit gebot, bisweilen aber auch
mit dem Ausdruck jener typisierenden Lieblichkeit
und süßlichen Grazie, die selbst einem älteren oder
minder hübschen Antlitz den erwünschten und
sicheren Beistand lieh.
Dr. Leo Grünstein, dessen das Wesen Daffingers
so ganz erfassenden Vorwort wir hier folgen,
1 enkt zunächst unsere Aufmerksamkeit auf die Selbstbildnisse
und die Porträts der Frau und Tochter
Daffingers. Eine Kreidezeichnung aus dem Jahre
1818, mit dem forschen und heiter kecken Ausdruck
der sehr jugendlich anmutenden Züge zeigt uns Daffinger
noch in den Traditionen der Fügerschule befangen
und weist zugleich in manchem Detail auf den letzten
Rest der Technik des ehemaligen Porzellanmalers hin.
Eine Ölminiatur auf Elfenbein, welche ihn um ein
paar Jahre älter erscheinen läßt, deutet bereits die
persönlicher gewordene und in kräftigeren Zügen gehaltene
Handschrift des Künstlers an. Noch selbstständiger
und reifer tritt sie uns erst in jenem meisterlichen
Selbstporträt entgegen, das uns Daffinger,
wieder um ein paar Jahre älter, auf der Höhe seines
M. Daffingers.
Lebens und Wirkens vorführt. Vornehm und elegant
in der Charakteristik der äußeren Erscheinung, kräftig
im Ausdruck und überaus delikat in der Farbengebung,
darf dies unter dem Einfluß eines Lawrence geschaffene
Kunstwerk als eines der besten Männerbildnisse Daffingers
überhaupt angesprochen werden. Ein Jahr vor
dem Tode des Künstlers entstand das vierte und letzte
der im Nachlasse Daffingers sich befindlichen Selbstbildnisse,
eine Bleistiftzeichnung, welche die Vorlage
zur bekannten Radierung bildet und die nachdenklichen
und herbvergrämten Züge des um den Verlust seines
Kindes trauernden und weltentfremdeten Mannes in
packendster Weise zum Ausdruck bringt.
Diesen gemalten Selbstbekenntnissen reiht sich
eine Anzahl hervorragender Frauenbildnisse an, welchen
die Gattin des Malers, Marie geborne Smolenitz von
Smolk als Modell gedient hatte. Eines der frühesten
dürfte die Zeichnung sein, welche ihre edelgeschnittenen
Züge, vielleicht aus der Zeit ihres Brautstandes, mit
wenigen, jedoch sicheren Strichen festhält. Ein weiteres
Bildnis, das den Ausdruck ihrer Züge schon stark
ins Wienerische hinübergleiten läßt, dürfte bereits aus
den Jahren ihrer jungen Ehe stammen. Die schöne
Frau sitzt in einem weißen, duftigen Kleid, dessen
hellschimmernden Glanz ein schwarzer Gürtel und
ein lila Schleier kaum merkbar zu stören vermögen.
Das schwarze gescheitelte Haar ist mit geringelten
Löckchen verziert, die von der Schläfe zur Schulter
herabsinken. Stimmungsvoll heben sich die Umrisse
ihres lieblich versonnenen Köpfchens von dem Hintergründe
einer leicht hinskizzierten, vielleicht wienerischen
Landschaft ab und lösen sich zugleich von der runden
Basis und dem schmalen Schaft einer griechischen
Säule los, Welche etwa einem der versunkenen Tempel
ihrer väterlichen Heimat entstammen mag. Den herben
und kühleren Einschlag ihrer außerordentlichen Schönheit,
jene „unschuldsvollen Mienen“, denen selbst ein
Grillparzer „nicht leicht zu trauen“ vermochte, vermittelt
uns zum Teil eine kleine Elfenbeinminiature,
in welcher sie ganz en face, in einem lila Kleid mit
schwarzem Samtkragen und weißer Halskrause, vor
einem grünen Vorhang und einer antiken Säule Stehend,
dargestellt ist. In dem letzten der hier vorhandenen
Bildnisse erscheint sie älter und reifer. Sie sitzt in
einem Lehnstuhl, das müde, ein wenig schmäler gewordene,
mit einer weißen Rüschenhaube umwundene
Köpfchen in die Linke gestützt. Wir denken sie uns
bereits als Mutter und werden bei längerer Betrachtung
ihrer Züge fast unwillkürlich wieder an einen Aus-