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Internationale Sammler-Zeitung
Nr. 17
c Die SK unstsammfung SJufius SSReicfi.
ln der liebevoll gepflegten und nach mancher
Richtung hin systematisch aufgebauten Sammlung Julius
Reichs, die C. J. Wawra im Wiener Künstlerhause
zur Versteigerung bringt, taucht wjeder einmal ein Stück
alten, bezw. älteren Wiens vor unseren Blicken auf.
Von den Werken der Bildniskunst ausgehend,
hebt Dr. Leo Grünstein, der in seiner exakten
Weise eine Gruppierung der Sammlung vorgenommen
hat, zunächst einiges aus der Werkstatt unserer Alt
wiener Meister hervor. Wir sehen von Amerling
eine interessante Frühleistung, den Fuhrwerker Franz
Guschelbauer, wohl einen Verwandten des berühmten
Volkssängers, und das aus späterer Zeit stammende
und ganz auf die Malkultur eines Reaburn eingestellte
Porträt Robert Theers. Von Waldmüller ist ebenfalls
eine Früharbeit, das Bildnis des Professors der Minera
logie und Zoologie S. C. Fischer, bemerkenswert. Ein
Hcrrenbildnis, den Schwager des Künstlers darstellend,
und das Brustbild einer jungen Wienerin, mit grünem
die Schultern und einen Teil des Rückens freilassendem
Schal, zeigen all die typischen Merkmale, welche Wald
müllers spätere Schaffenszeit charakterisieren. Das.
Bildnis des Schriftstellers Johannes Nordmann von
Canon wirkt in seiner Gesamtstimmung wie ein ins
Wienerische übertragenes Dogenporträt eines Tintoretto.
Zwei Männerbildnisse, das eindringlich verlebendigte
Greisenhaupt eines Herrn Tomasoli und das etwas
glattere und gefälligere eines jungen Mannes, tragen
die hoch bewertete Signatur Franz Eybls. Von Krie
huber rührt ein elegantes Aquarellbildnis eines Herrn
im roten Jagdrock her, das schon in der Sammlung
Sturany seine Einschätzung gefunden. Von den beiden
Lieder tritt'der berühmtere und ältere diesmal mit
einem allzu grellfarbigen dekorativen Arrangement auf
den Plan, während der jüngere durch die natürliche
Anmut seiner künstlerischen Ausdrucksfähigkeit und
ebenso durch die schlichte und unkomplizierte Art
seiner technischen Mittel auffällt. Auch der vielfach in
den Spuren des älteren Lieder wandelnde Josef Telt-
scher ist mit einem seiner Bedeutung entsprechenden
Bildnis vertreten. Von der vornehm geschmeidigen und
höfisch kühl abgestimmten Kunst eines Georg Decker,
gibt das Oelporträt des Lustspicldichters Scribe eine
interessante, wenn auch nicht ganz hinreichende Vor
stellung. Wir begegnen ferner dem wienerisch ange
hauchten Brustbild einer Gräfin Esterhazy von Sch rotz
berg, dem mit verinnerlichtem Empfinden gemalten
Porträt einer alten Dame von Eduard End er und
nicht zuletzt dem in zarten Aquarelltöuen hingehauchten
Bildnis der auch in Wien gefeierten Pariser Gesangs
künstlerin Pauline Viardot-Garcia, welches dem graziös
schmeichelnden Pinsel des Daffingerschülers Robert
T h e e r seine Entstehung verdankt.
Ein noch umfangreicherer und nicht minder wert
voller Teil der Reichschen Sammlung ist dem Wiener
Sitten bild gewidmet. Von Danhauser gibt es
neben leicht angedeuteten Skizzen und voll ausgereiften
Studienblättern das Original der durch eine Lithographie
von Rolling bekannt gewordenen „Gratulanten“, ein
wahres Kabinettstück altwienericher Genremalerei; von
Fendi locken allerlei kostbare Kleinigkeiten. Der
Fendikreis spiegelt sich in Arbeiten von Gaupmann,
Carl und Albert Schindler und zum Teil auch in
den kleinen Stimmungsbildern Josef Haßl wan ders.
Aus dem Kreise der Romantiker grüßen Schwind
(mit reizvollen Entwürfen zum ,,Aschenbrödel“zyklus),
Führich und Kupelwieser. Bewunderung ringt
uns die Vielseitigkeit Michael N e d e r s ab, der mit
Werken aus allen Schaffensperioden vertreten ist.
Die Sammlung Reich enthält ferner mehrere Porträt
studien und Skizzenblätter von Pettenkofen, darunter
manches, das aus der Frühzeit dieses Meisters stammt.
Sie bewahrt auch eine unnachahmliche Filigranarbeit
von R. von Alt, ein Spätwerk, das eine kostban Variation
seines Lieblingsthemas, das Innere der Stephanskirche,
darstellt. Zu den angenehmen Ueberraschungen dieser
Sammlung zählen ferner einige Bilder von J. B. Reiter,
u. a. die junge Dame im schwarzen Schleier über dem
weichverfließenden Haar, ein kleines Meisterstück, das
einem Renoir zum Verwechseln ähnlich sieht. Wenn
wir auch noch auf eine Serie bravourös gemalter Stil
leben von S ch r ö d 1 und auf einzelne karikaturistische
Momentaufnahmen des vollsaftigen und urwüchsigen
J u ch aufmerksam machen, so mag die Liste der
„genreartigen“ Spezialisten noch lange nicht als ab
geschlossen betrachtet werden.
Eine ziemlich umfangreiche Liste von Arbeiten, die
dem Nachlasse von R i b a r z entstammen, gewährt
uns einen wertvollen Einblick in den Werdeprozeß
dieses Künstlers, der, von der Mal weise der Troyon,
Daubigny und Rousseau ausgehend, sich allmählich zu
einem selbständigen und kräftigen Pleinairismus fort
entwickelt hat. Der feintonige Jettei läßt in seinem
„Blumengarten“, der in Paris entstanden ist, das feine,
fließende Licht der Seinelandschaft aufschimmern und
in dem „Friedhof zu Cayeux“ die sehnsüchtig ve'r-
hauchende Stimmung der Barbizonschult lebendig
werden. J. E. Schindler trifft in seinem: „Waidinnern“,
das vielfach an Diaz’ meisterliches Werk „sous bois“
erinnert, die weiche und perlende Grazie im Ton, wie
ihn die Verkünder- der „paysage intime“ so wirksam
wiederzugeben vermochten. Die Wertschätzung, welcher
sich heute Th. von Hör mann, der Wegbereiter der
Wiener Sezession, erfreut, wird auch durch die in unserer
Sammlung befindlichen Arbeiten dieses Küns tlers bestätigt.
Das liebevolle Verständnis, welches Reich der
modernen Kunst entgegenbrachte, ließ ihn auch mit
Interesse die Leistungen der jungen und jüngsten Ge
neration verfolgen. Mit demselben Eifer, der ihn noch
beizeiten einen repräsentablen Klimt, eipen schwer
erreichbaren Rumpler oder eine feine Praterland
schaft einer Tina Blau erwerben ließ, trat er an die
wuchtige Persönlichkeit eines Egger Lienz heran und
holte sich aus dessen Werkstatt eine prachtvolle Studie
zum „Ave Maria“ oder das durch die Größe der Auf
fassung packende „Mittagsmahl“.
Dieses etwas bunte Sammlerrepertoire wird durch
einige bedeutende Proben auswärtiger Kunst in wirk
samster Weise ergänzt. Die „Weinprobe eines Trinkers“
von S p i t z w e g (die fehlende Signatur wird die Qualität
dieses hervorragenden Werkes keinesfalls vermindern!),
eine mit Humor und Geschmack hingedunkelte Atelier
szene. von Harburger, ferner die „Aepfelschälerin“
von Bartels, die aus den ersten Jahren seines Auf
stieges herrührt und vor allem ein meisterliches Selbst
porträt von Lovis Corinth, werden wohl als Do
kumente reichsdeutscher Kunst gar mancherlei Interesse
entfachen. Unter den Engländern bemerken wir den
Genremaler Rippingille, dessen koloristisch über
aus fein abgestimmte „Atelierszene“ einen Hauch Ho-
gartschen Geistes fühlen läßt, und C h a 1 o n, den ge
feierten Aquarellisten der viktorianischen Zeit, von dem
die Sammlung zwei charakteristische Bildnisse ihr Eigen
nennt. Unter den Franzosen den bekannten mvaliden-
maler C h a r 1 e t, einen ganz ausgezeichneten, wenn
auch unsignierten Eugenei sab ey und den Litho
graphen Tr av i $s.