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MAK

Full text : Jahrgang 14 (1922) (6)

Internationale
^ammler-Zßifunfl
Zentralblatt  für  Sammler,  Liebhaber  und  Kunstfreunde,
Herausgeber:  Norbert  Ehrlich.

14.  Jahrgang.

Wien,  15.  März  1922.

Nr.  6.

©er  SPfetten6erg-£sferfiazy-SfiCarfon.

Im  Verlaufe  der  Auktion  der  Sammlung  Emerich
von  P,e  k  a  r  kommt  im  Budapester  Ernst-Museum
der  berühmte  Plettenberg-Esterhazy-Karton  zu  Leonardo ­
  da  Vincis  „Anna  selbdritt“  zur  Versteigerung,
dessen  Entdeckung  seinerzeit  in  der  Kunstwelt  grosses
Aufsehen  erregt  hatte.
Die  Komposition  der  Anna  selbdritt  zeigt  Maria
quer  auf  dem  Schosse  der  hl.  Anna  sitzend.  Sie  beugt
sich  stark  nach  vorne  zu  dem  vor  ihr  stehenden  Christuskinde, ­
  das  ein  Lamm  bei  den  Ohren  hält,  als  wenn
es  darauf  reiten  möchte.  Maria,  das  Christuskind  mit
beiden  Händen  unter  den  Armen  fassend,  schaut  ihn
zärtlich  an,  „voll  heiterer  Zufriedenheit  blickt  sie  auf
die  Schönheit  des  Sohnes“.  „St.  Anna  aber  lächelt  dazu
vor  Freude,  dass  ihr  erstgeborener  Spross  des  Himmels
teilhaft  worden“.  Girolamo  Casio  de  Medici  gibt  die
symbolische  Erklärung  dieser  Komposition  in  einem
Sonett,  das  bald  nach  Leonardos  Tode  erschien.  Das
Lamm  ist  das  Sinnbild  des  Opfers,  durch  Umarmung
desselben  bringt  das  Christuskind  seinen  Wunsch  zum
Ausdruck,  sich  dem  Heile  der  Menschheit  zu  opfern.
Das  Mutterherz  der  Jungfrau  will  nicht  unbewegt  das
freiwillige  Opfer  ihres  eigenen  Sohnes  zulassen;  sie
trachtet  ihn  abzuhalten  und  zieht  ihn  sachte  zurück.
Aber  St.  Anna,  welche  die  Errettung  des  Heiles  des
Geschlechtes,  hervorgebracht  durch  das  Opfer  ihres
Enkels  voraussieht,  überredet  die  Jungfrau,  sich  vor
dem  Ratschluss  des  Himmels  zu  beugen.
Aus  einem  an  den  bekannten  Kunstschriftsteller
Giovanni  Pietro  Bellerri  (f  1696)  gerichteten  Briefe
des  P.  Sebastian  R  e  s  t  a,  der  von  Bottari  in  seinem
Werke  „Raccolta  di  lettere  sulla  pictura  scultura  et
architettura  (Bd.  111  S.  326)  abgedruckt  ist,  geht  hervor,
dass  Leonardo  für  die  Darstellung  der  St.  Anna  selbdritt
drei  Kartons  entworfen  hat.  Der  erste  vom  P.  Resta
erwähnte  dürfte  mit  dem  in  der  Royal  Academy  zu
London  aufbewahrten  identisch  sein,  den  Leonardo  im
Aufträge  Ludwigs  Xli.  in  Mailand  vor  1500  ausgeführt
hat.  Dieser  unterscheidet  sich  lediglich  inbezug  auf  die
Komposition  von  den  zwei  anderen  Kartons.  Auf  dem
Londoner  Karton  sitzt  zwar  Maria  auch  auf  dem  Schosse
der  St.  Anna,  sie  hält  aber  in  den  Armen  das  Jesuskind, ­
  welches  den  vor  ihm  stehenden  kleinen  Johannes
segnet.  Wir  sehen  hier  also  eine  Gruppe  von  vier
Figuren.

Sodann  schuf  Leonardo  1500  in  Mailand  einen
zweiten  Karton,  eben  den,  der  sich  später  im  Besitze
Restas  befand.  Dieser  zeigt  bereits  die  zweite  Fassung
und  stimmt  —  was  die  Komposition  anbelangt,  —  mit
der  des  Louvre-Bildes  überein.  Im  Anschluss  an  diesen
Karton  schuf  Leonardo  1501  in  Florenz  einen  dritten
Karton,  den  Pietro  de  Nuvolaria,  Generalvikar  der
Karmeliter  in  Florenz,  in  einem  an  Isabella  d’Este  gerichteten ­
  Brief  vom  3.  April  1501  beschreibt.  Nach
diesem  Karton,  dessen  auch  Vasari  erwähnt,  hätte  Leonardo ­
  für  den  Hauptaltar  der  St.  Anunziatakirche  in
Florenz  ein  Bild  malen  sollen,  kam  aber  dem  Auftrag
aus  unbekannten  Gründen  nicht  nach.  Als  er  im  Sommer
1506  Florenz  verliess,  nahm  er  den  Karton  nach  Mailand
mit.  Von  hier  aus  sandte  Leonardo  1516  den  Karton
an  Franz  1.  von  Frankreich,  dem  er  so  gefiel,  dass  er
Leonardo  einlud,  nach  demselben  in  Frankreich  das  Gemälde ­
  auszuführen.  Leonardo  nahm  die  Einladung  des
Königs  an,  sein  1519  erfolgter  Tod  hinderte  ihn  aber
an  der  Vollendung  des  Bildes.  Das  Bild  und  den  Karton ­
  brachte  sodann  Francesco  M  e  1  z  i,  der  den  Meister
nach  Frankreich  begleitet  hatte,  nach  Mailand  zurück.
Dort  erwarb  1629  Kardinal  Richelieu  das  Bild  und
brachte  es  nach  Paris.  Ueber  das  weitere  Schicksal  des
Kartons  sind  wir  nicht  unterrichtet.  1618  ist  er  zum
letztenmale  erwähnt.  Aber  der  zweite  Karton,  also  der
des  P.  Resta,  ist  noch  vorhanden  und  kommt  nun  in
Budapest  unter  den  Hammer.
Mit  seinem  Namen  Plettenberg-Esterhazy-Karton
hat  es  folgende  Bewandtnis:  P.  Resta  berichtet,  dass
der  Karton  in  den  Besitz  von  Leonardos  Schüler  Marco
d’Oggione  gelangte,  der  ihn  lange  in  Vercelli  bewahrte,
dann  sei  er  von  Maestro  di  Campo  Arese  erworben
worden.  Durch  Schenkung  gelangte  er  zum  Maler  Bonola
und  dann  zu  Padre  Resta  (1714).  Wann  derKarton  über  die
Alpen  gebracht  wurde,  steht  nicht  ganz  fest.  Jedenfalls  befand ­
  er  sich  in  den  1830er  Jahren  im  Besitze  der  uralten
Familie  der  Grafen  von  Plettenberg-Mietingen  in  Münster
in  Westfalen  und  gelangte  1833  durch  die  Vermählung
der  Gräfin  Maria  von  Plettenberg  mit  dem  Grafen  Nikolaus
Franz  Esterhazy  in  den  Besitz  der  Familie  nach  Schloss
Nordkirchen  in  Westfalen,  von  dort  in  das  Palais  des
Grafen  Nikolaus  Esterhazy  nach  Wien,  sodann  nach  Ungarn,
wo  er  im  Palais  des  Grafen  Paul  Esterhazy  in  Budapest
bis  jetzt  als  kostbarer  Schatz  gehütet  wurde.
            
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