MAK
Seite 140 
Internationale Sammler-Zeitung 
Nr. 18 
für die von leichtgläubigen Sammlern horrende Summen 
bezahlt worden sind. 
Die Geschichte des „konstantinischen Rubels“ ist 
überaus interessant. Außer seiner Bedeutung in numis 
matischer Hinsicht ist er auch noch deshalb von Wert 
und Wichtigkeit, weil er an und für sich einen ganzen 
Abschnitt der Geschichte des Russischen Reiches dar 
stellt, einen Abschnitt, dessen Inhalt uns auch heute 
noch nicht vollständig bekannt ist. Es handelt sich im 
gegebenen Falle um den Großfürsten Konstantin, 
den Zweitältesten Sohn Pauls I. und Bruder des kinder 
los verstorbenen Kaisers Alexander I., der zwar im 
Jahre 1822 auf das Thronfolgerecht verzichtet hatte, je 
doch bis zum Tode Alexander I. als Thronfolger an 
gesehen wurde. 
Aus jener Epoche sind viele Reliquien geblieben, 
doch wurden sie fast alle vernichtet. Vernichtet wurden 
die Porträts mit der Aufschrift: „S. M. der Kaiser Kon 
stantin I.“, vernichtet wurden auch die Pässe, Befehle 
und andere Dokumente mit der Ueberschrift: „Im Namen 
des Kaisers Konstantin Pawlowitsch“. 
Unter dem Wenigen, was seiner Zeit der Vernich 
tung entgangen ist, nehmen die silbernen Rubel mit 
dem Bildnis Konstantins die erste Stelle ein. Sie wurden 
im Geheimarchiv des Finanzministeriums aufbewahrt 
und waren im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten. 
Erst im Jahre 1879 wurde Kaiser Alexander II. 
durch den Großfürsten Michailowitsch, einem 
großen Münzenfreund, der übrigens ein Exemplar für 
seine Sammlung geschenkt erhielt, auf diese ver 
gessenen Silbermünzen aufmerksam gemacht. — Die 
Geschichte des „konstantinischen Rubels“ wird auf 
Grund einiger neuer Forschungsergebnisse auch von 
S. F. Librowitsch in dem kürzlich erschienenen 
Büchlein unter dem Titel „Ein ungewöhnlicher Rubel" 
behandelt.*) 
Am 27. November 1825 traf in St. Petersburg durch 
einen Feldjäger aus Toganrog die Meldung vom Tode 
Kaiser Alexander I. ein. Alle waren der Meinung, daß 
dem Gesetz gemäß der ältere Bruder des verstorbenen 
Kaisers, der in Warschau weilende Großfürst Konstantin, 
den Thron besteigen werde. Sofort nach dem Eintreffen 
der Trauernachricht wurde der Befehl erlassen, den 
Treueschwur auf den neuen Kaiser Konstantin 1. zu 
leisten. Als erster legte der zweite Bruder des Kaisers 
Alexander I., der Großfürst Nikolaus, den Eid ab, der 
sich gleich darauf nach der Kaserne des Preobraschenski- 
Regiments begab, wo er seinen Bruder Konstantin zum 
Kaiser ausrief. Am gleichen Tage wurden nach Moskau 
und in andere Städte Feldjäger mit der Nachricht von 
der Thronbesteigung Konstantins gesandt. Ueberall 
wurde dem neuen Kaiser der Eid der Treue geleistet. 
Gleichzeitig begann man in St. Petersburg mit dem 
Druck von Pässen, Befehlen und anderen Dokumenten, 
desgleichen wurde ein großer Vorrat von Porträts an 
gefertigt, alles mit den eingangs erwähnten Aufschriften. 
In den Kirchen wurden Gebetsgottesdienste für den 
neuen Kaiser Konstantin I. abgehalten usw. 
Von Tag zu Tag erwartete man die Ankunft des 
neuen Kaisers, damit er die Zügel der Regierung in 
seine Hand nehme. 
ln der Zwischenzeit war auch an den Münzhof der 
Befehl vom Finanzminister Grafen Kankrin ergangen, 
Münzen mit dem Bilde Konstantins zu prägen. 
„Das Volk muß sich so schnell wie möglich an den 
Gedanken gewöhnen, daß es einen neuen Kaiser hat, 
und das beste Mittel, um das zu erreichen, ist möglichst 
_ *) Ueber diese seltenste Münze des Rassischen Reiches 
sind in dem Werke des Großfürsten Georg Michailowitsch: 
„Die Münzen aus der Regierungszeit Kaiser Nikolaus I.“ eben 
falls Angaben enthalten. 
viel Münzen mit dem Bildnis des neuen Kaisers in 
Umlauf zu bringen", sprach Kankrin. 
Der Stempel der neuen Münzen war auf Anordnung 
des vorsorglichen Kankrin bereits früher vom Medailleur 
des Münzhofes, Reichel, hergestellt worden und wurde 
im Geheimen in der Kanzlei des Münzhofes aufbewahrt. 
Von diesen Stempeln ließ Kankrin sechs silberne Rubel 
prägen und sie dem neuen Kaiser nach Warschau zur 
Bestätigung absenden. Auf der Vorderseite der konstan 
tinischen Rubel befand sich das Kopfbildnis Konstantins 
nach rechts mit der verkürzten Umschrift: „Von Gottes 
Gnaden Konstantin 1., Kaiser und Selbstherrscher aller 
Reussen". Unter dem Bildnis war die Jahreszahl 1825 
angebracht. Auf der Rückseite befand sich der Reichs 
adler von einem mit Bändern umwundenen Lorbeerkranze 
umgeben. Unter dem Adler auf einer hervorstehenden 
Fläche war das Wort „Rubel" angebracht. Der Kranz 
war umgeben von der Inschrift: „Reines Silber 4 solotn. 
21 doli“. Auf dem Rande: „Silber 83Va Probe 4 sol. 
und elf fünfundzwanzigstel doli". 
Als der Offizier-Kurier Ssaburow nach einem vier 
tägigen rasenden Ritt im Brühlschen Palais in Warschau 
anlangte und vorgelassen wurde, fragte ihn der Groß 
fürst: „Was haben Sie für mich aus St. Petersburg mit 
gebracht?" „Diese Schatulle und einen Brief Sr. Durch 
laucht des Finanzministers", war die Antwort. Der 
Großfürst öffnete sofort die Schatulle, und als er die 
Silberrubel mit seinem Bildnis und der Inschrift: „Kon 
stantin I., Kaiser und Selbstherrscher" erblickte, warf 
er die Münzen erzürnt auf den Tisch. „Ich bin nicht 
Kaiser, sondern nur Großfürst“, bemerkte er und verließ 
das Gemach. Als Ssaburow nochmals im Palais vor 
sprach und vom Adjutanten hörte: „Seine Hoheit erachtet 
jede Antwort als unnötig, aus Gründen, die bei Hofe 
in Petersburg bekannt sein müssen," machte er sich 
auf den Rückweg. 
Graf Kankrin, ebenso auch andere Würdenträger 
wußten von der Verzichtleistung des Großfürsten auf die 
Thronfolge nach der Scheidung von seiner Gemahlin 
Anna Feodorowna, einer geborenen Prinzessin 
von Sachsen-Koburg, und seiner Verheiratung mit der 
Polin Grudzinski, der späteren Fürstin Lowisch; 
aber er und die übrigen Eingeweihten waren überzeugt 
davon, daß der Großfürst den Verzicht zurücknehmen 
werde, worauf er ein volles Recht besaß. In dieser 
Ansicht wurde Kankrin noch durch den Brief des Groß 
fürsten Nikolaus an seinen Bruder bestärkt, in dem er 
dem „Kaiser Konstantin I.“ Mitteilung von der Eid 
ablegung machte und sich seinen „Treuen Untertanei 
auf Leben und Tod" nannte. 
Außerdem hatten auch der Reichsrat und der Sena., 
in deren Händen sich Kuverts mit der Verzichterklärung 
auf die Thronfolge befanden, nach Warschau Vorstel 
lungen mit der Bereiterklärung, dem neuen Kaiser Kon 
stantin I. zu dienen, gesandt und gebeten, sie mit den 
für die erste Zeit notwendigen Vollmachten zu versehen. 
Ein bedeutender Teil der Armee in Petersburg, 
Moskau und im Süden, sowie auch die Volksmassen 
konnten sich nicht gleich mit dem Gedanken vertraut 
machen, daß der Thronfolger nicht regieren werde. 
Am Vorabend der Thronbesteigung Nikolaus I. ließ 
Graf Kankrin die Stempel, die Bleiabdrücke und sogar 
die Zeichnung des historischen Rubeis nach dem Ge 
heimarchiv des Finanzministeriums schaffen, dem auch 
die durch einen Kurier aus Warschau zurückgebrachtert 
Proberubel einverleibt wurden. Es heißt auch, daß außer 
den nach Warschau abgefertigten sechs Proberubeln 
Kankrin noch sieben Stück hat prägen lassen und, daß 
eben diese Münzen im Geheimarchiv aufbewahrt wurden, 
während die nach Warschau gesandten sechs Exem 
plare eingeschmolzen worden sein sollen.
	        
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