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MAK

Full text : Jahrgang 16 (1924) (19)

Seite  146

Internationale  Sammler-Zeitung

Nr.  10

komposition  wählt  aber  auch  die  Romantik  noch  die
strenge  Bindung,  wie  das  bekannte  Blatt  S  c  h  w  i  n  ds
in  dieser  Sammlung  „Der  Traum  des  Ritters"  zeigt,
während  die  Phantasie  des  zu  wenig  gekannten  Düsseldorfers ­
  M  i  n  t  r  o  p  freier  mit  der  Linie  umgeht,  um  in
Busch  wieder,  der  mit  zwei  vollständigen  Serien  zu
„Der  Elefant  und  der  Neger“  und  zum  „Eispeter“  vertreten ­
  ist,  zur  Linie  und  ihrer  graphischen  Zweckbestimmung ­
  zurückkehren.
In  dem  letzten  Nazarener,  in  G  e  n  e  11  i,  der
besonders  reich  in  der  Sammlung  auftritt,  protestiert
die  abstrakte  Linie  noch  einmal  gegen  alle  malerischen
Freiheiten,  welche  aber  schon  lange  den  Stillwillen  der
Zeit  gezwungen  hatten,  und  drängt  in  dem  großen
Blatt  der  „Prometheusbefreiung“  die  Farbe  in  die
Flächenwirkung  des  Fresko  hinein.  Als  nach  der  Mitte
des  Jahrhunderts,  durch  die  Deutsch-Römer  sich
der  künstlerische  Ehrgeiz  auf  das  monumentale  Malwerk
wirft,  verliert  die  Zeichnung  von  ihrer  graphischen  Selbständigkeit ­
  und  wird  wie  bei  den  alten  italienischen
Meistern  Atelierangelegenheit  und  Vorbereitung  zum
Gemälde.  So  strebt  Feuerbach  in  der  monumentalen
Zeichnung  zur  „Venus  Anadyomene“  von  der  Wiener
Akademiedecke  dahin  restlos  die  Vorstellung  zu  klären,
um  sich  frei  der  Ausführung  hinzugeben.  Nach  1870

verwirren  sich  die  Stimmen  in  der  Dezentralisation  der
einzelnen  führenden  Kunststädte.  Berlin  hält  noch  am
meisten  auf  seine  durch  Chodowiecki  gelegte,  in
Krüger  gepflegte,  in  M  e  n  z  e  1,  der  mit  fünf  Arbeiten
auftritt,  erweiterte  und  in  Lieber  mann  vollendete
Tradition  der  offenen  Kreidezeichnung  fest,  die  an  ihrem
Ende  in  der  breiten,  lichtumfassenden  Technik  wieder  eine
graphische  Schönheit  gewinnt,  die  in  Liebermans  Kohlezeichnungen ­
  führend  für  die  Generation  sich  herausstellt.
Weniger  isoliert  sich  in  Frankreich  die  Zeichnung
des  19.  Jahrhunderts.  Immer  steht  sie  in  lebendiger
Wechselbeziehung  zum  Malwerk  der  Künstler,  ohne
aber  die  Wirkungen  der  Palette  vorauszunehmen.  Immer
ist  auch  hier  fühlbar,  wie  die  jeweilige  Technik  sich
aus  eigener  Anschauung  ihre  Form  prägt.  Wenn
Rousseau,  M  i  11  e  t,  und  selbst  die  bildmäßig  fertigen
Zeichnungen  J  a  c  q  u  e  s  sich  mehr  in  der  Nähe  ihrer
Graphik  bewegen,  gewinnt  in  Toulouse-Lautrec,
Monet  und  R  o  d  i  n,  die  mit  kostbaren  Stücken  vertreten ­
  sind,  die  selbständige  Formgebung  eine  Note,
die  die  Vorstellung  des  Malwerks  nicht  enthält,  während
die  Formen  Whistlers,  Bones  und  Zorn’s  sich
wieder  mehr  ihrem  graphischen  Repertoire  nähern,  das
in  der  Federzeichnung  Zorn’s  auch  hier  seine
bedeutende  Wirkung  nicht  verfehlt.

2)as  DofRstümficße  ‘Wiener  Sl'ieciter.

Von  den  Expositionen,  die  im  Rahmen  des  Wiener
Musik-  und  Theaterfestes  veranstaltet  wurden,  wird  den
Sammler  außer  der  Musikausstellung,  von  der  wir  in  der
letzten  Nummer  berichteten,  die  am  21.  September  eröffnete
  Ausstellung  „Das  volkstümliche  Wiener
Theater  seit  löOJahren"  interessieren.
Diese  von  den  Wiener  städtischen  Sammlungen  arrangierte ­
  Ausstellung  hat  den  Zweck,  einen  Ueberblick
über  die  volkstümliche  Wiener  Theaterkunst  seit  der
Verbannung  des  Hanswurst  durch  Sonnenfels  und  dem
Siege  des  regelmäßigen  Schauspieles  in  Wien  zu  geben.
Das  Material  der  Ausstellung  beginnt  mit  der  Zeit  der
Gründung  der  Wiener  Vorstadtbühnen,  des  Leopoldstädter, ­
  Josefstädter  und  des  Wiedner  Theaters  und  führt
sodann  über  Joachim  P  e  r  i  n  e  t,  dessen  musikalische
Zauberkomödie  „Kasperl  oder  die  Zauberzither"  den
eigentlichen  Anlaß  zur  heutigen  Gestaltung  der  Mozart-Schikanederschen
  „Zauberflöte"  gab,  zu  Ferdinand
Raimund,  Therese  Krön  es  und  Antonia  Wagner.
Hier  sind  in  großer  Anzahl  Szenenbilder  und  Manuskripte ­
  Raimundscher  Werke  und  anderes  bezügliches
Material  vorhanden.  Umfangreiches  Material  ist  von
Johann  N  e  s  t  r  o  y  ausgestellt,  darunter  in  erster  Reihe
auf  schon  vergilbten  Blättern  das  Manuskript  zu
„Lumpazivagabundus".  Auch  Nestroys  Zeitgenossen,
sein  Mitdirektor  Karl  am  alten  Wiener  Leopoldstädter

Theater,  Wenzel  Scholz,  Karl  Treu  mann  und
G  r  o  i  s  sind  vertreten  und  schließlich  kommen  die
Wiener  Volksdichter  Kaiser,  Berla,  Haffner,  Langer,
0.  F.  Berg,  Flamm  und  Nikola.  Von  Josefine  Gailm
  e  y  e  r  ist  der  berühmte  kleine  Galgen  zu  sehen,  auf
dessen  an  der  Schlinge  hängenden  Zettel  sie  die  Namen
aller  ihr  Mißliebigen  verewigte.  Die  Operette  beginnt
mit  Offenbach,  an  den  sich  Suppd,  Millöcker
und  Johann  Strauß  jun.  reihen.  Von  Partituren  sind
S  u  p  p  €  s  „Fatinitza",  Millöckers  „Bettelstudent"
und  Joh.  Strauß’  „Indigo“  zu  sehen.  Unter  anderem
ist  auch  das  Spitzentuch  ausgestellt,  das  Marie  Geisti
  n  g  e  r  bei  der  Premiere  „Das  Spitzentuch  der  Königin“
getragen  hat.
ln  der  Abteilung  der  modernen  Operette  sind  Lehar,
Oskar,  Straus,  Eysler,  Kalman,  Fall,  Benatzky  u.  Granichstaedten,
  somit  die  jüngste  Gegenwart  vertreten.  Von  Alexander ­
  G  i  r  a  r  d  i  ist  derHobel  zu  sehen,  den  er  bei  seinem
letzten  Auftreten  im  „Verschwender"  als  Valentin  gebrauchte, ­
  weiter  eine  Reihe  bekannter  Schauspielergestalten
Knaack,  Matras,  Blase  I,  Schweig  hofer,
Eisenbach  und  von  den  lebenden  unter  anderen
Karl  Streitmann  u.  Hansi  Niese.  Das  Volksstück
ist  mit  dem  Schrifttum  von  A  n  zengruber  bis  S  ch  ö  nherr
  vertreten  und  sind  die  Manuskripte  zum  „Pfarrer
von  Kirchfeld"  und  dem  „Meineidbauer"  ausgestellt.

Seseffscfiaft  der  33.

Wir  erfahren  von  einer  interessanten,  neuartigen
Gründung.
Von  der  Erwägung  ausgehend,  daß  sich  auch  in
der  heutigen  Zeit  ein  kleiner  Kreis  von  Sammlern  finden
werde,  der  sich  Interesse  für  inhaltlich  und  bibliophil
wertvolle  Publikationen  bewahrt  hat,  hat  der  Verlag
der  Johannes-Presse  (Neue  Galerie  Otto  Nirenstein
  in  Wien)  eine  „Gesellschaft  der  33“  ins
Leben  gerufen,  durch  die  ermöglicht  werden  soll,  jedes
Jahr  wenigstens  zwei  interessante  Publikationen  herauszugeben. ­
  Das  Unternehmen,  das  rein  künstlerisch  gedacht ­

  ist,  soll  ohne  Gewinn  arbeiten,  der  Verlag  behält
sich  lediglich  das  Recht  vor,  drei  Exemplare  jeder  Publikation ­
  für  sich  zu  reservieren.  Es  werden  also  die
Herstellungskosten  der  33  Exemplare  auf  30  Mitglieder
verteilt,  so  daß  die  Preise  für  die  einzelnen  Publikationen, ­
  die  als  originalgraphische  Mappen  hervorragender
Künstler,  als  Einzelblätter  oder  als  literarische  Publikationen, ­
  Vorabdrucke  usw.  gedacht  sind,  trotz  der  geringen ­
  Auflage  keinesfalls  über  die  heutigen  Preise
solcher  Luxusdrucke  hinausgehen,  oft  aber  tief  darunter
bleiben  werden.
            
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