Zentralblatt für Sammler, Liebhaber und Kunstfreunde.
Herausgeber: Norbert Ehrlich.
16. Jahrgang. 15. November 1924. Nr. 22.
2)er neuentdecfcte ßeonardo.
Von Baron Angelo Eisner-Eisenhof, Wien.
In einer der letzten Nummern der „Internationalen
Sammler-Zeitung habe ich von einem neuentdeckten
„Leonardo“ gelesen und freue ich mich, den Lesern
dieser ausgezeichneten Zeitschrift einige interessante
Daten über dieses Werk bieten zu können, welches
Anlaß zu einem jetzt schwebenden Prozeß gegeben
hat.
Fürst Bismarck fragte, als man einmal in seiner
Gegenwart über die Einigkeit und Liebe einer bekannten
altadeligen deutschen Familie sprach, sarkastisch:
„Haben Sie diese Leute auch schon erben gesehen?“
Dieser Ausspruch des großen Reichskanzlers fällt mir
bei den jetzigen Besitzern dieses Leonardo ein, weil
ich kaum jemals Eltern und Geschwister kannte, die ein
so rührend patriarchalisches Familienleben führten, wie
die Familie des Grafen Dr. Carlo F r i s i a n i. Dieser
Mailänder Edelmann vom alten Schlage hatte die
ärztlichen Studien vollendet und widmete sein Wissen
der armen Bevölkerung, die er nicht nur unentgeltlich
behandelte, sondern auch durch Verabreichung der
nötigen Arzneien unterstützte. Mit diesem selten edlen
Manne, der auch ein aufrichtiger Freund der alten
Monarchie war und mir gegenüber vor Kriegsausbruch
in unzähligen Briefen die Hoffnung aussprach,
daß Italien seinen Bundespfiichten nachkommen werde,
verband mich eine langjährige innige Freundschaft, die
jedes Jahr am Comosee, wo er im reizenden Tremezzo
in unmittelbarer Nähe der Villa Carlotta, ein prachtvolles
Villino besaß, erneuert und befestigt wurde. Ein Teil
der von seinen Ahnen ererbten Kunstschätze war in
seinem Mailänder Palais, an der Piazza Sant’ Ambrogio
untergebracht, darunter dieser einzig schöne Lionardo,
ferner ein Coreggio, zwei Guardi und noch mehrere
Bilder guter italienischer Schule. Die Familientradition
besagte über den Lionardo folgendes: Einer der Urahnen
Frisianis hatte dem Superior eines Franziskanerklosters
in der Nähe von Pavia einen großen Dienst geleistet
und dadurch die weitere Existenz des Klosters ermöglicht.
Es handelte sich um die Sicherstellung des ganzen
klösterlichen Vermögens, das er zur Verwaltung übernommen
hatte und aus Dankbarkeit machte ihm der
Pater General dieses Bild zum Geschenk. Er bemerkte
hiezu, daß Lionardo da Vinci es seinerzeit selbst
dem Kloster gewidmet und seine Unterschrift beigefügt
habe. Das Bild wurde im Kloster versteckt gehalten
und der Spender zog es aus einem ganz alten Kasten,
wo es mit grünen Tüchern bedeckt war, hervor, um
es seinem Wohltäter anzubieten. Auch der erst vor
wenigen Jahren — es war während des von ihm so
verabscheuten Krieges — verblichene Graf Frisiani hielt
das Bild verborgen und nur sehr wenige Auserlesene
wußten von dessen Existenz. Während des Sommers,
da der Graf in Tremezzo weilte und im Herbst, wenn
er seine prächtige, ebenfalls mit Kunstschätzen gefüllte
Villa im Lombardischen bezog, wo einst Napoleon I.
mehrere Tage verbrachte, wurde der Lionardo aus
Sicherheitsgründen in einer Holzkiste den Blicken der
Neugierigen entzogen und im Banksafe zur Aufbewahrung
gebracht.
Avvocato Dr. Baratta heiratete die älteste Tochter
Lina des Grafen und bezog das Mailänder Haus. Dieser
erhebt jetzt namens seiner Frau Anspruch auf das Bild,
das er in Verwahrung hat und das nun der einzige
Sohn und Haupterbe streitig macht. Dadurch wurde
erst das Prachtwerk, das durch unzählige Jahrzehnte
verborgen war, der Oeffentlichkeit bekannt. Das Bild
stellt eine Lautenspielerin dar. Der Kopf nach rechts
geneigt, erinnert an ein Werk desselben Meisters in der
Mailänder Ambrosiana und teilweise auch an das
Meisterwerk Mona Lisa im Pariser Louvre. Das Beiwerk
ist mit Liebe behandelt, sogar die Musiknoten, die
nebenan auf einem stark gedunkelten Tisch aufliegen.
Es kann sich in diesem Falle nur um ein Porträt handeln,
vielleicht einer seiner musikalischen Schülerinnen.