Zentralblatt für Sammler, Liebhaber und Kunstfreunde,
Herausgeber: Norbert Ehrlich.
16. Jahrgang. 15. Dezember 1924. Nr. 24.
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Die Sxupferstidisarnrnfung Sludge.
Aus London wird uns geschrieben:
Seit dem Jahre 1840 ungefähr waren in einer hie
sigen Bank einige Kassetten deponiert, die, aus dem
Familienbesitz der Rudge stammend, Eigentum des Mr.
John Eduard Rudge, Abbey Manor, Evesham, sind.
Als die Kassetten vor einigen Wochen zu Christie ge
sandt wurden, stellte es sich heraus, daß sie eine der
bedeutendsten Sammlungen von Stichen alter Meister
enthielten, die am Ende des 18. oder am Anfang des
19. Jahrhunderts von Edvard Rudge (1763—1846) an
gelegt wurde, dessen Vorfahren seit ungefähr zwei
hundert Jahren in Evesham lebten. Dieser Rudge, als
Antiquitätensammler wohl bekannt, war auch ein her
vorragender Botaniker, der im Jahre 1802 in die Linn6-
Gesellschaft aufgenommen ward und 1806 dadurch ge
ehrt wurde, daß eine südamerikanische Pflanze nach
ihm „Rudgea“ benannt wurde. Sein Herbarium be
findet sich noch heute im Britischen Museum.
Als Herr Christie eine der Kassetten Rudges öffnete,
fand er darin einige große Skizzenbücher, die mit
Malereientwürfen gefüllt waren. Größer aber noch war
seine Ueberraschung, als er sich den anderen Kassetten
zuwandte. Hier lagen, fein säuberlich geordnet, Blätter,
die in ihrer Gesamtheit eine der reichhaltigsten und
feinsten Kupferstichsammlungen darstellten, die je auf
dem Kunstmarkte erschienen. Abgesehen von einer Reihe
von Fragmenten enthielt die Sammlung 296 Stiche, im
ganzen 561 Stücke. Viele der Stiche tragen die Marke
von Sir Edward Astey (1729—1802), dessen Samm
lung im Jahre 1760 einen der besten Stiche nach Rem-
brandts „Christus heilt die Kranken“ enthielt, der um
21 Pfund verkauft wurde. Als 1887 die Sammlung des
Herzogs von Buccleuch versteigert wurde, kaufte
das Berliner Museum diesen Stich um 1300 Pfund.
Viele andere der Stiche tragen das Siegel von John,
oft auch Jackey B a r n a r d genannt, in dessen unver
gleichlicher Sammlung sich nicht weniger als 449
Blätter von Rembrandt befunden haben sollen. Die
Sammlung von Edward Rudge gehörte vorher dem
Herzog von Aylesford, die anderen Vorbesitzer waren
der Herzog von Buckingham, der Herzog von Bute,
Richard Houlditch und Pierre Mariette.
Am reichsten ist in der Sammlung das Oevre
Rembrandts vertreten. Eine erkleckliche Anzahl
davon ist nicht nur im ersten, sondern im zweiten,
dritten und vierten Zustand vorhanden. Vor vier
oder fünf Jahren zahlte ein schottischer Sammler
über 1500 Pfund für den „Juan Lutma“, erster
Zustand, der 1902 um weniger als 200 Pfund gekauft
worden war. Ein Paar Dutzend Stiche sind nicht durch
Kauf, sondern durch Erbe von einer Hand in die andere
übergegangen, sehr viele stammen aus dem Verkaufe
der Sammlung Houlditch im Jahre 1744. Der zweite
Zustand des „Joung Haaring" aus dem Jahre 1655 ist
eines der seltensten, wundervollsten Porträts, das im
2., 3, 4. und 5. Zustand vorhanden ist. Vom „Alten
Haaring" ist der 2. Zustand vorhanden. Unter vielen
anderen Blättern mag hier noch erwähnt werden der
subtile „Clement de Jonghe“ aus dem Jahre 1651 im
ersten Zustand, Sir Frederick Wedmores Besitz, der im
Jahre 1912 530 Pfund brachte, fernerauch Proben aus
den vier weiteren Zuständen, „Reinbrandt, lehnend an
einer Steinmauer“, im ersten Zustand, — das British-
Museum besitzt zwei Zustände — der „Große Coppe-
nol“ im zweiten und fünften Zustand, aus dem Jahre
1653, und dem „Kleinen Coppenol" aus derselben Zeit
im 3., 4. und 5. Zustand, der „Arnold Tholinx* um
ungefähr 1656, erster Zustand. Der frühe Zustand des
letztgenannten Porträts ist eine außerordentliche Rarität.
Keine andere Sammlung als die des British Museum
und Lord Rothschilds enthält ihn außer Rudge.
In der Sammlung befindet sich ferner auch das
„Hundertguldenblatt“ aus dem Jahre 1649 im ersten
Zustand, das ein Amerikaner im Jahre 1922 mit 20.000
Dollars bezahlt hat. In der Helford-Sammlung ist es
mit 1750 Pfund bewertet, 1909 wurde ein Exemplar
um 2700 Pfund verkauft. Der innerste Genius Rem
brandts dokumentiert sich in dem Blatte „Christus zeigt
sich dem Volke“, datiert 1655, im 2., 5. und 8. Zustand.
Die „Drei Kreuze“ aus dem Jahre 1653 sind im zweiten
und auch dem vierten Zustand vorhanden, nach dem
Pisanello eine Kopie gemacht. Endlich sind noch
mannigfache Szenen aus dem Neuen Testament vor
handen, so „Christus wird zu Grabe getragen“, „Jung
frau und Kind mit der Katze“, „Christus disputiert mit
den Weisen“ und nicht zuletzt „Der Todeskampf im
Garten“.
Von den Landschaften ist den „Drei Bäumen“ un
bedingt der erste Platz zuzuteilen. Dieser Teil der
Rudge-Sainmlung stammt aus der Sammlung Calonne.
Sir Wilfrid Lawsons „Drei Bäume“ brachten 1907
620 Pfund, Karl Spencers 1100 Guineas im Hagre 1919