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Internationale Sammler-Zeitung
Nr. 10
organisch gewordene Einheit; daraus folgern die einen,
daß nichts daran gerückt werden darf, die anderen,
daß man sie in ihren Qualitäten immer mehr verbessern
und ausbauen soll. Worin liegt dieser vielberufene
organische Charakter einer Sammlung? Sie hat
gute und minder gute Stücke, wie sie der Zufall der
historischen Umstände zusammengebracht hat. Daß man
nun z. B. von einer Galerie sagt, man dürfe auch die
schlechten nicht weggeben, weil sie nun einmal da sind,
das kann ich begreifen, wenn ich es auch nicht für
richtig halte; daß man dies aber von einer graphischen
Sammlung behauptet, ist mir unverständlich. Hier ist
nicht das Einzelblatt das Element des Organismus, sondern
das „Oeuvre". Die Sammlung versucht von jedem
Künstler ein möglichst gutes Werk zustandezubringen;
gelingt es, von diesem oder jenem Blatte, von dem
ein schwächeres Exemplar vorhanden war, ein besseres
zu bekommen und an dessen Stelle zu setzen, so ist
doch das organische Ganze der Sammlung nicht angetastet,
geschweige denn gemindert worden.
In Wien besteht das Vorurteil, daß die Blätter der
Albertina immer qualitativ besser sind als die entsprechenden
Blätter der alten Kupferstichsammlung. Das
ist ein absoluter Irrtum; die beiden Sammlungen
halten einander ziemlich das Gleichgewicht und es ist
demgemäß durch ihre Zusammenlegung ungefähr jedes
zweite Blatt der Albertina in der Qualität verbessert
worden. Außerdem hat sie natürlich eine immense
Reihe von Blättern erhalten, die sie früher überhaupt
nicht besaß, d. h. sie hat mit einem Schlag erworben,
was sie sich sonst einzelweise zu zubekommen jeden
Tag seit ihrer Gründung bemüht hat. Jedes Blatt, das
sie früher besaß, besitzt sie auch heute, bisweilen nicht
in dem gleichen Exemplar, sondern in einem besseren,
dazu aber besitzt sie jetzt noch eine Menge neuer
Blätter; ihr organisches Ganzes ist also nur besser und
reicher geworden.
Punkt 3. Abgabe von Dubletten. Soweit ich
sehe, steht heute in dieser Diskussion niemand mehr
auf dem Standpunkt, daß überhaupt keine Dubletten
abgestoßen werden dürfen; auch Dr. Sonnenthal und
Graf Lanckoronski, die ich wohl als Vertreter der
konservativsten Auffassung zitieren darf, stimmen der
Abgabe von graphischen Dubletten zwecks Ausgestaltung
der Sammlung unter gewissen Umständen zu. Tatsächlich
haben graphische Kabinette nie anders gearbeitet;
tatsächlich verdankt auch unsere Sammlung ihre
großen Schätze an Primitiven dem Umstande, daß
Bartsch am Anfang des 19. Jahrhunderts in großem
Stil Dubletten abgegeben hat, um die günstigen Gelegenheiten
der Kriegs- und Nachkriegsjahre auszunützen.
Eine Meinungsverschiedenheit besteht jedoch über Tempo
und Umfang einer solchen Aktion. Es ist z. B. gemeint
worden, man solle erst die Verschmelzung der beiden
Sammlungen völlig durchführen und dann erst an die
Verwertung der Dubletten herangehen. Einerseits vermag
ich den Nutzen eines solchen Vorgehens nicht
einzusehen: wenn ich die Dubletten für die deutschen
Meister des 16. Jahrhunderts sorgfältig ausgesucht habe,
ist es praktisch ganz gleichgiltig, ob ich die Franzosen
des 18. Jahrhunderts schon zusammengelegt habe oder
nicht. Anderseits halte ich den Vorgang für direkt gefährlich
vom Standpunkt der Sammlung; das Aufhäufen
eines ungeheuren Dublettenschatzes, der auch einen sehr
großen materiellen Wert darstellen würde, bringt den
Gedanken einer anderweitigen — fiskalischen — Verwendung
dieser beträchtlichen Werte viel näher, als die
jedesmalige Beschaffung von nur so viel Dublettenmaterial,
wie für irgend einen konkreten Zweck, eine
geplante Erwerbung gerade benötigt wird. Endlich würde
der vorgeschlagene Weg zur Folge haben, daß zehn
oder zwölf Jahre — solange muß bei dem geringen
Personalstand die Zusammenlegung zu allermindest
dauern — nichts erworben, d. h. gerade eine Zeit nicht
ausgenützt werden könnte, die gleich der Zeit, in der
Bartsch sammelte, eine Reihe von außerordentlichen
Gelegenheiten geboten hat und bietet. Wir wissen doch,
daß in den letzten sechs Jahren viele Dinge in den Handel
gekommen sind, die man für unerreichbar gehalten hätte;
nach der ganzen Wirtschaftslage ist diese Abbröckelung
des privaten Kunstbesitzes keineswegs vorüber. Trotzdem
müßte sich unter allen Umständen das Tempo der
Erwerbungen jetzt verlangsamen, womit sich der Umfang
der Abstoßungen von selbst einschränkt; gewisse
empfindliche Hauptlücken sind endgiltig geschlossen, es
beginnt wieder eine Zeit der Kleinarbeit; eine Arbeit,
die gewiß noch manche schöne Erwerbung wichtig und
wünschenswert machen wird. Die nächste Generation
wird noch übergenug Dublettenmaterial hier vorfinden,
um ihre Erwerbungen zu machen.
Punkt 4. Auswahl der Dubletten. Aber hat die
rasche Abgabe von relativ vielen Dubletten nicht zur
Folge gehabt, daß nicht alle Vorsichtsmaßregeln bei
ihrer Feststellung angewendet wurden? Diesen Einwurf
kann man, glaube ich, mit aller Entschiedenheit ablehnen;
schon die Zusammensetzung der Ueberprüfungskommission
bietet hier eine vollständige Garantie, daß
jedes Blatt, das wegging, eine echte Dublette war. Wenn
sieben Fachmänner — außer den unmittelbar verantwortlichen
Beamten — ein Blatt als eine Dublette befunden
haben, so ist es nahezu ausgeschlossen, daß
eine Verschiedenheit von anderen Exemplaren übersehen
wurde, die künstlerisch von Belang ist; daß im
philologischen Sinne irgend eine Zustandsvariante später
entdeckt werden könnte, also ein paar Kratzer mehr an
so verborgener Stelle, daß sie für den Gesamteindruck
gleichgiltig sind, ist möglich, wenn auch höchst unwahrscheinlich.
Es wäre dies gewiß zu bedauern, wenn auch
kein so entsetzliches Unglück, wenn die dafür gemachte
Erwerbung eine bedeutende Bereicherung der Sammlung
war. Infolgedessen kommen wir zu
Punkt 5. Neuerwerbungen. Auch diesbezüglich
kann, glaube ich, eine ziemliche Einigung festgestellt
werden. So viel ich sehe, haben die hauptsächlichsten
Erwerbungen der Albertina (Menzel, Goya, Einblattdrucke,
Graphik der Schule von Barbizon, Handzeichnungen
des 14.—19. Jahrhunderts) allgemeinen Beifall
gefunden; ob das eine oder das andere Blatt lieber
nicht hätte oder noch hätte erworben werden sollen, ist
doch nebensächlich; und auch die paar Promille Expressionisten,
über deren definitiven Wert erst eine viel
spätere Zukunft entscheiden kann,wird man dem Direktor
um des lieben Friedens verzeihen. Wie ein Freund es ausdrückte:
„Wenn einer mit einem halben Prozentseines Vermögens
an der Börse spekuliert, kann man ihn doch
wirklich nicht leichtfertig schelten."
Punkt 6. Unordnung infolge der Dublettenabgabe.
Es läßt sich nicht in Abrede stellen,
daß durch die Herausnahme von hunderten und tausenden
von Blättern aus den Bänden ein gewisses Durcheinander
entsteht und daß die Bände auch nicht gerade
einladend aussehen, solange bis die definitive Zusammenlegung
der beiden Bestände durchgeführt ist. Das erfordert,
besonders bei dem spärlichen Personal, viel
Zeit. Aber diese an sich bedauerliche Uebergangserscheinung
hängt nicht so sehr mit der Dublettenabgabe,
wie mit der Zusammenlegung der beiden
Riesenbestände zusammen; auf alle Fälle müßten Bände
auseinandergenommen und wieder vereinigt werden.
Gewiß ginge es ohne die Dublettenaktionen systematischer,
übersichtlicher, reibungsloser; wieder muß man
sich entscheiden, was wichtiger ist, Erwerbungen, die
man wahrscheinlich nie wieder machen kann, oder eine
Störung in der Ordnung, die sich bald ohne Zweifel wieder