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MAK

Full text : Jahrgang 17 (1925) (10)

Seite  74

Internationale  Sammler-Zeitung

Nr.  10

organisch  gewordene  Einheit;  daraus  folgern  die  einen,
daß  nichts  daran  gerückt  werden  darf,  die  anderen,
daß  man  sie  in  ihren  Qualitäten  immer  mehr  verbessern ­
  und  ausbauen  soll.  Worin  liegt  dieser  vielberufene ­
  organische  Charakter  einer  Sammlung?  Sie  hat
gute  und  minder  gute  Stücke,  wie  sie  der  Zufall  der
historischen  Umstände  zusammengebracht  hat.  Daß  man
nun  z.  B.  von  einer  Galerie  sagt,  man  dürfe  auch  die
schlechten  nicht  weggeben,  weil  sie  nun  einmal  da  sind,
das  kann  ich  begreifen,  wenn  ich  es  auch  nicht  für
richtig  halte;  daß  man  dies  aber  von  einer  graphischen
Sammlung  behauptet,  ist  mir  unverständlich.  Hier  ist
nicht  das  Einzelblatt  das  Element  des  Organismus,  sondern ­
  das  „Oeuvre".  Die  Sammlung  versucht  von  jedem
Künstler  ein  möglichst  gutes  Werk  zustandezubringen;
gelingt  es,  von  diesem  oder  jenem  Blatte,  von  dem
ein  schwächeres  Exemplar  vorhanden  war,  ein  besseres
zu  bekommen  und  an  dessen  Stelle  zu  setzen,  so  ist
doch  das  organische  Ganze  der  Sammlung  nicht  angetastet, ­
  geschweige  denn  gemindert  worden.
In  Wien  besteht  das  Vorurteil,  daß  die  Blätter  der
Albertina  immer  qualitativ  besser  sind  als  die  entsprechenden ­
  Blätter  der  alten  Kupferstichsammlung.  Das
ist  ein  absoluter  Irrtum;  die  beiden  Sammlungen
halten  einander  ziemlich  das  Gleichgewicht  und  es  ist
demgemäß  durch  ihre  Zusammenlegung  ungefähr  jedes
zweite  Blatt  der  Albertina  in  der  Qualität  verbessert
worden.  Außerdem  hat  sie  natürlich  eine  immense
Reihe  von  Blättern  erhalten,  die  sie  früher  überhaupt
nicht  besaß,  d.  h.  sie  hat  mit  einem  Schlag  erworben,
was  sie  sich  sonst  einzelweise  zu  zubekommen  jeden
Tag  seit  ihrer  Gründung  bemüht  hat.  Jedes  Blatt,  das
sie  früher  besaß,  besitzt  sie  auch  heute,  bisweilen  nicht
in  dem  gleichen  Exemplar,  sondern  in  einem  besseren,
dazu  aber  besitzt  sie  jetzt  noch  eine  Menge  neuer
Blätter;  ihr  organisches  Ganzes  ist  also  nur  besser  und
reicher  geworden.
Punkt  3.  Abgabe  von  Dubletten.  Soweit  ich
sehe,  steht  heute  in  dieser  Diskussion  niemand  mehr
auf  dem  Standpunkt,  daß  überhaupt  keine  Dubletten
abgestoßen  werden  dürfen;  auch  Dr.  Sonnenthal  und
Graf  Lanckoronski,  die  ich  wohl  als  Vertreter  der
konservativsten  Auffassung  zitieren  darf,  stimmen  der
Abgabe  von  graphischen  Dubletten  zwecks  Ausgestaltung ­
  der  Sammlung  unter  gewissen  Umständen  zu.  Tatsächlich ­
  haben  graphische  Kabinette  nie  anders  gearbeitet; ­
  tatsächlich  verdankt  auch  unsere  Sammlung  ihre
großen  Schätze  an  Primitiven  dem  Umstande,  daß
Bartsch  am  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  in  großem
Stil  Dubletten  abgegeben  hat,  um  die  günstigen  Gelegenheiten ­
  der  Kriegs-  und  Nachkriegsjahre  auszunützen.
Eine  Meinungsverschiedenheit  besteht  jedoch  über  Tempo
und  Umfang  einer  solchen  Aktion.  Es  ist  z.  B.  gemeint
worden,  man  solle  erst  die  Verschmelzung  der  beiden
Sammlungen  völlig  durchführen  und  dann  erst  an  die
Verwertung  der  Dubletten  herangehen.  Einerseits  vermag ­
  ich  den  Nutzen  eines  solchen  Vorgehens  nicht
einzusehen:  wenn  ich  die  Dubletten  für  die  deutschen
Meister  des  16.  Jahrhunderts  sorgfältig  ausgesucht  habe,
ist  es  praktisch  ganz  gleichgiltig,  ob  ich  die  Franzosen
des  18.  Jahrhunderts  schon  zusammengelegt  habe  oder
nicht.  Anderseits  halte  ich  den  Vorgang  für  direkt  gefährlich ­
  vom  Standpunkt  der  Sammlung;  das  Aufhäufen
eines  ungeheuren  Dublettenschatzes,  der  auch  einen  sehr
großen  materiellen  Wert  darstellen  würde,  bringt  den
Gedanken  einer  anderweitigen  —  fiskalischen  —  Verwendung ­
  dieser  beträchtlichen  Werte  viel  näher,  als  die
jedesmalige  Beschaffung  von  nur  so  viel  Dublettenmaterial, ­
  wie  für  irgend  einen  konkreten  Zweck,  eine
geplante  Erwerbung  gerade  benötigt  wird.  Endlich  würde
der  vorgeschlagene  Weg  zur  Folge  haben,  daß  zehn
oder  zwölf  Jahre  —  solange  muß  bei  dem  geringen

Personalstand  die  Zusammenlegung  zu  allermindest
dauern  —  nichts  erworben,  d.  h.  gerade  eine  Zeit  nicht
ausgenützt  werden  könnte,  die  gleich  der  Zeit,  in  der
Bartsch  sammelte,  eine  Reihe  von  außerordentlichen
Gelegenheiten  geboten  hat  und  bietet.  Wir  wissen  doch,
daß  in  den  letzten  sechs  Jahren  viele  Dinge  in  den  Handel
gekommen  sind,  die  man  für  unerreichbar  gehalten  hätte;
nach  der  ganzen  Wirtschaftslage  ist  diese  Abbröckelung
des  privaten  Kunstbesitzes  keineswegs  vorüber.  Trotzdem ­
  müßte  sich  unter  allen  Umständen  das  Tempo  der
Erwerbungen  jetzt  verlangsamen,  womit  sich  der  Umfang ­
  der  Abstoßungen  von  selbst  einschränkt;  gewisse
empfindliche  Hauptlücken  sind  endgiltig  geschlossen,  es
beginnt  wieder  eine  Zeit  der  Kleinarbeit;  eine  Arbeit,
die  gewiß  noch  manche  schöne  Erwerbung  wichtig  und
wünschenswert  machen  wird.  Die  nächste  Generation
wird  noch  übergenug  Dublettenmaterial  hier  vorfinden,
um  ihre  Erwerbungen  zu  machen.
Punkt  4.  Auswahl  der  Dubletten.  Aber  hat  die
rasche  Abgabe  von  relativ  vielen  Dubletten  nicht  zur
Folge  gehabt,  daß  nicht  alle  Vorsichtsmaßregeln  bei
ihrer  Feststellung  angewendet  wurden?  Diesen  Einwurf
kann  man,  glaube  ich,  mit  aller  Entschiedenheit  ablehnen; ­
  schon  die  Zusammensetzung  der  Ueberprüfungskommission
  bietet  hier  eine  vollständige  Garantie,  daß
jedes  Blatt,  das  wegging,  eine  echte  Dublette  war.  Wenn
sieben  Fachmänner  —  außer  den  unmittelbar  verantwortlichen ­
  Beamten  —  ein  Blatt  als  eine  Dublette  befunden ­
  haben,  so  ist  es  nahezu  ausgeschlossen,  daß
eine  Verschiedenheit  von  anderen  Exemplaren  übersehen ­
  wurde,  die  künstlerisch  von  Belang  ist;  daß  im
philologischen  Sinne  irgend  eine  Zustandsvariante  später
entdeckt  werden  könnte,  also  ein  paar  Kratzer  mehr  an
so  verborgener  Stelle,  daß  sie  für  den  Gesamteindruck
gleichgiltig  sind,  ist  möglich,  wenn  auch  höchst  unwahrscheinlich. ­
  Es  wäre  dies  gewiß  zu  bedauern,  wenn  auch
kein  so  entsetzliches  Unglück,  wenn  die  dafür  gemachte
Erwerbung  eine  bedeutende  Bereicherung  der  Sammlung
war.  Infolgedessen  kommen  wir  zu
Punkt  5.  Neuerwerbungen.  Auch  diesbezüglich ­
  kann,  glaube  ich,  eine  ziemliche  Einigung  festgestellt ­
  werden.  So  viel  ich  sehe,  haben  die  hauptsächlichsten ­
  Erwerbungen  der  Albertina  (Menzel,  Goya,  Einblattdrucke, ­
  Graphik  der  Schule  von  Barbizon,  Handzeichnungen ­
  des  14.—19.  Jahrhunderts)  allgemeinen  Beifall ­
  gefunden;  ob  das  eine  oder  das  andere  Blatt  lieber
nicht  hätte  oder  noch  hätte  erworben  werden  sollen,  ist
doch  nebensächlich;  und  auch  die  paar  Promille  Expressionisten, ­
  über  deren  definitiven  Wert  erst  eine  viel
spätere  Zukunft  entscheiden  kann,wird  man  dem  Direktor
um  des  lieben  Friedens  verzeihen.  Wie  ein  Freund  es  ausdrückte: ­
  „Wenn  einer  mit  einem  halben  Prozentseines  Vermögens ­
  an  der  Börse  spekuliert,  kann  man  ihn  doch
wirklich  nicht  leichtfertig  schelten."
Punkt  6.  Unordnung  infolge  der  Dublettenabgabe. ­
  Es  läßt  sich  nicht  in  Abrede  stellen,
daß  durch  die  Herausnahme  von  hunderten  und  tausenden
von  Blättern  aus  den  Bänden  ein  gewisses  Durcheinander ­
  entsteht  und  daß  die  Bände  auch  nicht  gerade
einladend  aussehen,  solange  bis  die  definitive  Zusammenlegung ­
  der  beiden  Bestände  durchgeführt  ist.  Das  erfordert, ­
  besonders  bei  dem  spärlichen  Personal,  viel
Zeit.  Aber  diese  an  sich  bedauerliche  Uebergangserscheinung
  hängt  nicht  so  sehr  mit  der  Dublettenabgabe, ­
  wie  mit  der  Zusammenlegung  der  beiden
Riesenbestände  zusammen;  auf  alle  Fälle  müßten  Bände
auseinandergenommen  und  wieder  vereinigt  werden.
Gewiß  ginge  es  ohne  die  Dublettenaktionen  systematischer, ­
  übersichtlicher,  reibungsloser;  wieder  muß  man
sich  entscheiden,  was  wichtiger  ist,  Erwerbungen,  die
man  wahrscheinlich  nie  wieder  machen  kann,  oder  eine
Störung  in  der  Ordnung,  die  sich  bald  ohne  Zweifel  wieder
            
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