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MAK

Full text : Jahrgang 17 (1925) (11)

Nr.  11

Seite  87

internationale  Sammler-Zeitung

Eine  Gonrad  ^Ferdinand  Fffley  er-,Musste  ffung.

Am  23.  Mai  eröffnete  die  Zentralbibliothek  in
Zürich  ihre  Conrad  Ferdinand  Meyer-Ausstellung.
Im  Anbau  der  Predigerkirche,  wo  Meyer  im  Jahre
1825  die  Taufe  empfing,  wie  sechs  Jahre  früher  Gottfried ­
  Keller,  hat  man  ihm  eine  literarisch  orientierte
Ausstellung  eingerichtet.  Im  Herbst,  auf  den  Geburtstag ­
  Meyers  hin,  soll  dann  noch  mehr  bildliches  Material ­
  eingeschaltet  werden,  das  besonders  auf  den
Dichter  selbst,  aber  auch  auf  seine  Familie  Bezug
nehmen  wird.  Was  jetzt  schon  und  den  ganzen  Sommer
hindurch  gezeigt  werden  kann,  stammt  zum  großen
Teil  aus  den  Beständen  der  Zentralbibliothek  selbst.
Wesentliche  Beiträge  verdankt  man  dem  Entgegenkommen ­
  der  Tochter  des  Dichters.
Der  Persönlichkeit  Meyers  entspricht  die  einfache
Aufmachung  der  Ausstellung,  die  wohl  kaum  weite
Kreise  anziehen,  aber  dafür  dem  literarischen  Feinschmecker ­
  um  so  mehr  bieten  dürfte.
Es  konnte  natürlich  keine  Vollständigkeit  in  der
Zusammenstellung  des  Meyer-Materials  angestrebt  werden. ­
  Aber  man  hat  sich  bemüht,  Wesentliches  und
Charakteristisches  in  überlegter  Auswahl  zu  zeigen.  So
bringt  eine  Vitrine  persönliche  Zeugnisse:  Briefe,  Porträte ­
  seiner  Freunde,  seines  getreuen  Sekretärs,  seines
Verlegers.  FraiiQois  und  Eliza  Wille,  die  Wesendonks,
Julius  Rodenberg  seien  etwa  genannt;  dann  Bücher,
die  sich  im  speziellen  mit  Meyer  beschäftigen.  Nicht
nur  den  zünftigen  Graphologen  werden  die  verschiedenen
Schriftproben  des  Dichters  interessieren,  die  eine  sehr
starke  Veränderung  seiner  Handschrift  zeigen  und  auf
allgemeine  Beachtung  dürfen  die  über  der  Vitrine  angebrachten ­
  Photographien  des  arbeitenden  Poeten,  sowie ­
  Ansichten  der  Oertlichkeiten,  die  mit  seinem  Leben

verbunden  waren,  rechnen.  In  Spezialvitrinen  hat  man
sodann  Meyers  Werke  in  der  Trennung  nach  Verskunst
und  Prosa  chronologisch  untergebracht,  die  Gedichte  in
den  ersten,  zu  Raritäten  gewordenen  Drucken  und  vielfach ­
  mit  den  Manuskripten  vereinigt.  Bei  den  Erstlingen
(Romanzen  und  Bilder,  Balladen)  wurde  der  Versuch
gemacht,  ein  gewisses  Bild  zu  geben  von  der  Wandlung, ­
  die  die  einzelnen  Gedichte  unter  der  unablässig
feilenden  und  glättenden  Hand  des  Dichters  durchgemacht ­
  haben.  Die  große  Ausgabe  der  Gedichte  von
1882  fehlt  ebenfalls  nicht,  so  wenig  wie  die  letzten
Werke  in  gebundener  Sprache,  Huttens  letzte  Tage  und
Engelberg,  die  Hutten-Dichtung  auch  in  ihren  verschiedenen ­
  Varianten.
Hier  wie  bei  den  Prosaschöpfungen  begleitet
mannigfaltiger  Bildschmuck  an  den  Wänden  die  Vitrinen.
In  alten  Stichen  ziehen  Hutten,  Jenatsch,  der  Herzog
von  Rohan,  General  Werdmiiller  vorüber;  die  Ufenau
und  Ansichten  aus  Graubünden  (zum  Teil  in  photographischen ­
  Aufnahmen)  geben  den  landschaftlichen
Hintergrund  ab.  —  Bei  den  Prosawerken  trennt  die
Ausstellung  die  vollendeten,  die  z.  T.  mit  den  Uebersetzungen
  in  fremde  Sprachen  aufrücken,  von  den
Fragmenten.  Aus  dem  Nachlaß  wurde  eine  ganze
Vitrine  gespeist,  über  der  ein  eigener,  nachdenklich
stimmender  Reiz  liegt.  Ein  wenig  bekanntes  Schaffen
Meyers  umschließt  die  Sammlung  von  kleinen  Aufsätzen,
die  in  Zeitschriften  zum  Abdruck  gelangten,  und  besonders ­
  interessieren  dürfte  auch  die  Zusammenstellung
von  Proben  der  Kompositionen,  die  auf  Meyers  Gedichte ­
  geschrieben  wurden.  Ueber  hundertfünfzig  Vertonungen ­
  durch  Komponisten  aller  Länder  sollen  existieren. ­
  Daß  schließlich  eine  Auswahl  der  wertvollsten
Gesamtausgaben  nicht  fehlt,  versteht  sich  von  selbst.

Entdeckung  einer  Stiafiespeare-GEandscfirift.

Eine  ebenso  wertvolle  wie  interessante  Entdeckung
wurde  dieser  Tage  von  dem  englischen  Literaturforscher
William  Thompson  gemacht.  In  einem  alten  Folioband ­
  entdeckte  der  Londoner  Gelehrte  ein  Blatt,  auf
dem  William  Shakespeare  eigenhändig  etwa  zwölf  Zeilen
notiert  hatte.  Sollten  die  Behauptungen  Thompsons  der
Kritik  der  angesehensten  Shakespeare-Forscher  standhalten, ­
  so  dürfte  es  sich  um  einen  ungemein  wertvollen
Fund  handeln.  Die  zwölf  Zeilen  würden  nämlich  das
einzige  bisher  bekannte  Shakespeare  -  Manuskript
darstellen.
Der  Foliant,  der  das  Manuskript  enthält,  befindet
sich  seit  1750  in  der  Privatbibliothek  einer  altadeligen
Familie,  in  der  sich  die  Liebe  zu  klassischen  Büchern
und  bibliophilen  Schätzen  von  Vater  auf  Sohn  vererbt
hatte.  Der  Band  selbst  enthält  eine  Abhandlung  des
Philosophen  und  Naturforschers  Francis  Bacon.  Die
letzte  Seite  des  Buches  weist  nun  einige  wahrscheinlich
mit  einer  schlechten  Feder  geschriebene,  schwer  leserliche ­
  Zeilen  auf.  Außer  diesen  Zeilen,  die  einige  Sätze
und  Stichwörter  aus  zeitgenössischen  Dramen  wiedergeben, ­
  ist  auf  dem  Blatte  öfters  auch  der  Name  Shakespeare ­
  zu  lesen.
Der  Foliant  ist  bereits  1867  als  eine  kostbare
Seltenheit  entdeckt  worden.  Der  damalige  Besitzer  der
Bibliothek  übergab  das  alte  Buch  einem  Konservator
des  Britischen  Museums  mit  dem  Ersuchen,  festzustellen,
was  es  mit  der  letzten  beschriebenen  Seite  für  eine
Bewandtnis  habe.  Der  Experte  scheint  die  Bedeutung
dieser  letzten  Seite  nicht  recht  erkannt  zu  haben.  Erst

vor  kurzem  hat  Thompson  den  Folianten  zu  sehen
bekommen  und  gelangte  nach  gewissenhafter  Ueberprüfung
  zum  sensationellen  Ergebnis,  daß  es  sich  um
eine  Handschrift  Shakespeares  handle.  In  einer  angesehenen ­
  Londoner  Revue  legte  der  Gelehrte  zum  erstenmal ­
  seine  Ansichten  nieder,  die  bisher  unwidersprochen
blieben.
Bis  auf  die  letzte  Zeit  war  uns  alles  in  allem  nur
die  Unterschrift  Shakespeares  bekannt.  Die  eigenhändige ­
  Unterschrift  des  großen  britischen  Dichters  ist
namentlich  unter  seiner  letztwilligen  Verfügung,  die
durch  einen  glücklichen  Zufall  auf  uns  kam,  erhalten.
Außer  diesen  Autogrammen  ist  alles  verloren  gegangen,
was  der  große  englische  Dichter  eigenhändig  geschrieben
hatte.  Die  Originalmariuskripte  der  Dramen  und  Gedichte
Shakespeares,  die  freilich  einen  unschätzbaren  historischen ­
  Wert  besitzen  würden,  sind  im  Wandel  der  vergangenen ­
  drei  Jahrhunderte  spurlos  untergegangen.  So
konnte  die  eigenartige  Theorie  entstehen,  daß  der  größte
Bühnendichter  aller  Zeiten  gar  nicht  schreiben  konnte.
Ueber  die  merkwürdige  Annahme  hinaus  mußte  nur
noch  ein  Schritt  zu  der  sogenannten  Bacon-Theorie
gemacht  werden,  der  zufolge  die  unter  dem  Namen
Shakespeare  erhaltenen  Meisterwerke  Dichtungen  des
großen  Philosophen  Bacon  sind,  der  als  Bühnenautor
nicht  unter  seinem  eigenen  Namen  vor  die  Oeffentlichkeit
  treten  wollte.  Der  neue  Fund  Thompsons  straft
diese  Auffassung  Lügen  und  beweist  zunächst,  daß
Shakespeare  die  Feder  selber  führen  konnte.  Anderseits
geht  aus  dem  Fund  hervor,  daß  Bacon  in  der  Ange-
            
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