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MAK

Full text : Jahrgang 17 (1925) (12)

Seite  96

internationale  Sammler-Zeitung

Nr.  *12

seine  Handlungen  moralisch  verantwortlich  oder  nicht?
Mit  anderen  Worten:  War  er  Bibliomane  oder  gewöhnlicher ­
  Dieb?
Schon  unmittelbar  nach  Feststellung  des  Diebstahls,
während  der  Verhandlung  und  nach  der  Publikation
des  Urteils,  behauptete  eine  Anzahl  deutscher  Zeitungen:
Pichler  könne  als  ausgeprägter  Bibliomane  für  seine
Vergehen  nicht  verantwortlich  gemacht  werden.  Diese
Ansicht  fand  nach  Bestätigung  des  Urteiles  durch  den
Zaren  auch  in  Rußland  Unterstützung.  Man  sprach  öffentlich ­
  aus,  daß  die  Aussagen  der  Zeugen  entlastend  gewesen ­
  wären  und  den  Angeklagten  als  Bibliomanen
dargestellt  hätten,  daß  aber  er  selbst  diese  ihm  günstigen ­
  Aussagen  zurückgewiesen  habe  und  nur  deshalb
schuldig  erklärt  worden  sei.  Ebenso  wurde  nach  der
Begnadigung  Pichlers  behauptet:  Prinz  Leopold  habe
in  seinem  Verwendungsschreiben  hervorgehoben,  Pichler
könne  als  geistig  gestörter  Mensch  nicht  wegen  Diebstahls ­
  bestraft  werden  und  der  Zar  habe  sich  nachträglich ­

  dieser  Ansicht  angeschlossen.  Indessen  scheint
es  nach  der  in  einem  seinerzeit  in  Petersburg  erschienenen ­
  kleinen  Buche  enthaltenen  aktenmäßigen  Darstellung ­
  des  Falles  kaum  zweifelhaft,  daß  die  Verurteilung ­
  zu  Recht  erfolgte.  Auch  ist  die  von  Pichler
angekündigte  Absicht,  in  einer  besonderen  Schrift  den
Beweis  zu  führen,  daß  er  ein  Opfer  gewisser  Kabalen
geworden  und  unschuldig  verurteilt  sei,  niemals  zur
Ausführung  gelangt.  Mutmaßlich  wird  der  zu  erwartende ­
  Haucksche  Prozeß  wegen  des  wissenschaftlichen
Ranges  des  Täters  und  der  raffinierten  Verschleierungskunst ­
  der  Diebstähle  durch  Hinterlegung  des  Schlüssels
zum  Safe  mit  den  gestohlenen  Handschriften  in  einer
Wiener  Bank  bei  einer  Berliner  Bank  zu  einer  ähnlichen
Aufwirbelung  der  öffentlichen  Meinung  führen.  Und  zur
neuen  publizistisch-wissenschaftlichen  Erörterung  der
Frage:  Wann  ist  ein  Bücher-  oder  Handschriftendieb
Bibliomane?  Wann  nicht?  Und  wo  sind  die  Grenzlinien? ­


Gßronik.

BIBLIOPHILIE.
(Eine  Thomas-Mann-  Ausstellung.)  Aus  München ­
  wird  uns  geschrieben:  Die  Buchhandlung  am  Hofgartentor ­
  von  Bruno  Jensen  hat  zum  50.  Geburtstage  Thomas
Manns  mit  ausnehmendem  Geschick  ihrem  Schaufenster
den  Charakter  einer  Huldigungsauslage  gegeben.  Schon  die
künstlerische  Anordnung  auf  schwarzem,  mit  apartem  Rot  zerlegten ­
  Stoff,  die  Austeilung  des  Raumes  und  des  Gegeneinander
der  Gruppen  ist  sehr  anziehend.  Dazu  kommt  aber,  daß  die
Auslage  gegenständlich  noch  besonders  durch  persönliche  Wertstücke ­
  ausgezeichnet  ist.  Da  ist  die  umfangreiche  Handschrift
zu  dem  zweibändigen  Werke  „Der  Zauberberg“,  da  die  originale
Bronzebüste  des  Dichters  von  Prof.  Schwegerle,  und  als
Drittes  das  vom  Autor  überlassene,  in  blaues  Leder  gebundene
und  signierte  Eigenexemplar  der  Gesamtwerke.  Die  in  Halbiedcr
und  Leinen  gebundenen  Einzelwerke  gruppieren  sich  um  diesen
wertvollen  Kern  der  Dekoration.
(Versteigerung  der  Bibliothek  Gustav
Amsinck.)  Die  Bücherstube  Hans  Götz  in  Hamburg
führte  am  22.  und  23.  Mai  die  Versteigerung  der  Bibliothek
Gustav  Amsinck  durch.  Die  Beteiligung  war  recht  gut.  Für
die  wertvollen  Stücke  wurden  angemessene  Preise  bezahlt,
während  besonders  für  moderne  Vorzugsdrucke  und  die  Publikationen ­
  der  Inflationsjahre,  auch  für  die  Veröffentlichungen  der
Marees-Gesellschaft  und  die  Drucke  der  Bremer  Presse  das
Interesse  auffallend  gering  war.  Namhafte  Preise  brachten
(in  Mark):  Nr.  16  Goethe,  Götz,  Avalundruck  loo,  Nr.  36
Ben  stein,  Cataloque  des  livres  paremiologiques  75,  Nr.  55
Kleis  t,  Robert  Guiscard,  Bremer  Presse  26,  Nr.  7o  Buddha,
Eine  Auswahl  aus  dem  Palikanon  von  Dahlke,  Druck  von
Holten  42,  Nr.  73  C  a  11  o  t,  Vita  et  historia  beatae  Mariae
Virginis,  Parisiis  (1634)  440,  Nr.  73a  Calloto  resuscia  75o,
Nr.  13o  Goethes  Werke,  Sofienausgabe  6oo,  Nr.  134  Goethe,
Propyläen-Ausg.  18o,  Nr.  146  Heine,  Sämtl.  Werke,  Hoffmann
und  Campe  1861-1873  175,  Nr.  151  E.  T.  A.  Hoffmann,
Lebens-Ansichten  des  Katers  Murr,  1  Ausg,  5o,  Nr.  152  Ders.,
Sämtl.  Werke,  Serapionsausg.  llo,  Nr.  186  Stifter,  Nachsommer,
Titelauflage  der  1..  Ausg.  35,  Nr.  227  Ranke  Sämtl.  Werke,  2.
Gesamtausgabe  25o,  Nr.  313  Graetz,  Geschichte  der  Juden,
12.  Bände  110,  Nr.  399  Buck,  Album  hamburgischer  Kostüme
25o,  Nr.  417  Hamburg  in  seiner  gegenw.  Gestalt,  herausgegeben
von  B.  S.  Berendsohn  in  Hamburg  60,  Nr.  42o  Das  neue  Hamburg,
Hamburg  1852  5o,  Nr.  426  Hübbe-Plath,  Ansichten  der
freien  Hansastadt,  Hamburg  llo,  Nr.  429  Jahrbuch  der  Gesellschaft ­
  Hamburgischer  Kunstfreunde  Bd.  1—11  6o,  Nr.  438  Lichtw
  a  r  k,  Das  Bildnis  in  Hamburg  loo,  Nr.  484  S  u  h  r,  Hamburgs
Vergangenheit  12oo,  Nr.  485  Ders.,  Der  Ausruf  in  Hamburg  42o,
Nr.  494aAngelius  äWerdenhagen,  De  rebus  publiis  Hanseaticis
  4o,  Nr.  539  Münchener  Jugend  1896—19o3,  18  Bde.  lo5,
Nr.  554  Klinger,  Sauvetages  de  sacrifices  jd’  Ovide  22o,  Nr.
555  Ders.,  Amor  und  Psyche  12o,  Nr.  556  Ders.,  Intermezzi  5o,
Nr.  557  Ders.,  Vom  Tode  I  loo,  Nr.  558  Ders.,  Radierungen,
Zeichnungen,  Bilder  und  Skulpturen  loo,  Nr.  559  Ders.,  Vom
Tode,_  II  41o,  Nr.  56o  Ders.,  Eine  Liebe  75,  Nr.  644  Le  n  b  a  c  h,
Bildnisse,  Gravuren  nach  Orig.-Gemälden  des  Meisters  3oo,
Nr.  65o  Das  Werk  Adolph  Menzels,  Vom  Künstler-Autor.  Ausg.
18o,  Nr.  656  Pan,  Jahre  1—5,  lo  Bde.  Vorzugsausg.  lo5o,  Nr.
766  C^zanne  und  seine  Ahnen,  Marees  Ges.  12o,  Nr.  795

N  i  etzsche,  Dionysos—Dithyramben,  Insel  Verlag  7o,  Nr.  876
Rousseau,  Les  confessions,  Londres,  1786  35,  Nr.  91o  Slevogt,
  Die  Insel  Wak  Wak,  Drugulin  18o,  Nr.  954  Voltaire,
Oeuvres  Completes  1785--99  M  51o.
(Bii  cher-Auktion  bei  H  a  r  t  m  a  n  n  &  H  a  y  e  k.)  Die
Antiquare  Hartmann  &  Hayek  in  Hamburg  versteigern  am
19.  und  20.  Juni  eine  Sammlung  wertvoller  Bücher,  zum  Teil
aus  der  Bibliothek  Karl  von  Schlieben  f.  Besonders  stark
vertreten  sind  in  schönen  Erst-  und  Gesamtausgaben
deutsche,  englische  und  französische  Literatur.  Den  Buchdruck
älterer  Zeit  repräsentieren  eine  Reihe  zum  Teil  illustrierter
schöner  Inkunabeln  und  wertvoller  Drucke  des  16.  Jahrhunderts,
unter  denen  die  alten  astronomischen  Werke  und  einige  sehr
frühe  und  seltene  Aldinen,  Stephanus-Drucke  und  andere  Offizinen ­
  hervorgehoben  seien.  Unter  den  illustrierten  Büchern
kommen  zum  Ausgebot  Werke  von  Merian,  Virgil  Solis,  Tobias
Stimmer,  Picart,  Gravelot,  Eisen,  Hogarth,  Marillier,  Moreau  le
jeunc,  Cruikshank,  Johannot,  Grandville,  Gavarni,  Richter,  Menzel,
Chodowiecki  u.  v.  a.  Ferner  werden  versteigert  zahlreiche  Hauptwerke ­
  der  Wissenschaften  aller  Epochen,  Kunstgeschichte,  Philosophie, ­
  Geschichte,  Reisen,  Rechts-  und  Staatswissenschaften,
Naturwissenschaften,  Medizin  und  Sprachwissenschaften.  Den
Höhepunkt  dürfte  eine  in  ihrer  Art  einzig  dastehende  Kollektion
von  P  e  t  r  o  n  i  u  s  -  Ausgaben  bilden,  die  interessanterweise  die
Rolle  dieses  berühmtesten  aller  satirisch-erotischen  Romane
der  Weltliteratur  im  Wandel  der  Jahrhunderte  veranschaulicht.
Die  Schätzungspreise  bewegen  sich  auf  einem  bescheidenen
Niveau.  Die  Erhaltung  der  Stücke  ist  größtenteils  ausgezeichnet.

BILDER.
(MichelangelosSelbstbildnis  im  „Jüngsten
Gericht“,)  Aus  Rom  wird  berichtet:  Man  sollte  es  kaum
für  möglich  halten,  dass  es  noch  „Entdeckungen“  an  einem
weltbekannten  Meisterwerk  der  bildenden  Kunst  zu  machen  gibt,
und  doch  ist  es  so.  Die  römischen  Blätter  bringen  mit  allen
Zeichen  des  Staunens  die  Abbildung  eines  Ausschnittes  aus  dem
„Jüngsten  Gericht“  Michelangelos,  das  die  ungeheure
Rückwand  der  Sixtinischen  Kapelle  bedeckt.  Unter  den  unzähligen ­
  Figuren  des  Bildes  ist  auch  die  des  Heiligen  Bartolomäus,
von  dem  die  Legende  wissen  will,  ihm  sei,  dem  Marsyas  gleich,
bei  lebendigem  Leibe  die  Haut  abgezogen  worden.  So  ist  er
denn  auch  dargestellt;  das  blutige  Gewebe  ruht  auf  seinen
mächtigen  Knien.  In  dessen  Falten  nun  sind  tatsächlich
die  Züge  eines  Menschenantlitzes  erkennbar,  das  mit  den  übermittelten ­
  Porträts  Michelangelos,  besonders  dem  der
Uffizien,  eine  gewisse  Aehnlichkeit  aufweist,  während  der
nach  oben  gewandte  Kopf  des  Apostels  an  den  lockeren  Dichter
Pietro  A  r  e  t  i  n  o  erinnert.  Diese  Entdeckung,  die  sonderbarerweise ­
  all  den  unzähligen  Kunstforschern  entgangen  ist,  die  das
grosse  Werk  der  Sixtinischen  Kapelle  studiert  haben,  machte
der  Professor  La  Cava  von  der  Universität  Rom:  obwohl  sein
Lehrfach  eigentlich  Tropenpathologie  ist,  beschäftigte  er  sich
mit  dem  Phänomen,  das  er  jetzt  in  einer  besonderen  Monographie ­
  (Rom  1925,  Z  a  n  i  c  h  e  11  i)  veröffentlicht,  schon  seit
zwei  Jahren,  bis  er  jeden  Zweifel  für  ausgeschlossen  hielt.  Der
beste  lebende  Kenner  Michelangelos,  Professor  Ernst  Steinmann, ­
  Direktor  der  Biblioteca  Hertziana  in  Rom,  versichert,
            
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