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internationale Sammler-Zeitung
Nr. *12
seine Handlungen moralisch verantwortlich oder nicht?
Mit anderen Worten: War er Bibliomane oder gewöhnlicher
Dieb?
Schon unmittelbar nach Feststellung des Diebstahls,
während der Verhandlung und nach der Publikation
des Urteils, behauptete eine Anzahl deutscher Zeitungen:
Pichler könne als ausgeprägter Bibliomane für seine
Vergehen nicht verantwortlich gemacht werden. Diese
Ansicht fand nach Bestätigung des Urteiles durch den
Zaren auch in Rußland Unterstützung. Man sprach öffentlich
aus, daß die Aussagen der Zeugen entlastend gewesen
wären und den Angeklagten als Bibliomanen
dargestellt hätten, daß aber er selbst diese ihm günstigen
Aussagen zurückgewiesen habe und nur deshalb
schuldig erklärt worden sei. Ebenso wurde nach der
Begnadigung Pichlers behauptet: Prinz Leopold habe
in seinem Verwendungsschreiben hervorgehoben, Pichler
könne als geistig gestörter Mensch nicht wegen Diebstahls
bestraft werden und der Zar habe sich nachträglich
dieser Ansicht angeschlossen. Indessen scheint
es nach der in einem seinerzeit in Petersburg erschienenen
kleinen Buche enthaltenen aktenmäßigen Darstellung
des Falles kaum zweifelhaft, daß die Verurteilung
zu Recht erfolgte. Auch ist die von Pichler
angekündigte Absicht, in einer besonderen Schrift den
Beweis zu führen, daß er ein Opfer gewisser Kabalen
geworden und unschuldig verurteilt sei, niemals zur
Ausführung gelangt. Mutmaßlich wird der zu erwartende
Haucksche Prozeß wegen des wissenschaftlichen
Ranges des Täters und der raffinierten Verschleierungskunst
der Diebstähle durch Hinterlegung des Schlüssels
zum Safe mit den gestohlenen Handschriften in einer
Wiener Bank bei einer Berliner Bank zu einer ähnlichen
Aufwirbelung der öffentlichen Meinung führen. Und zur
neuen publizistisch-wissenschaftlichen Erörterung der
Frage: Wann ist ein Bücher- oder Handschriftendieb
Bibliomane? Wann nicht? Und wo sind die Grenzlinien?
Gßronik.
BIBLIOPHILIE.
(Eine Thomas-Mann- Ausstellung.) Aus München
wird uns geschrieben: Die Buchhandlung am Hofgartentor
von Bruno Jensen hat zum 50. Geburtstage Thomas
Manns mit ausnehmendem Geschick ihrem Schaufenster
den Charakter einer Huldigungsauslage gegeben. Schon die
künstlerische Anordnung auf schwarzem, mit apartem Rot zerlegten
Stoff, die Austeilung des Raumes und des Gegeneinander
der Gruppen ist sehr anziehend. Dazu kommt aber, daß die
Auslage gegenständlich noch besonders durch persönliche Wertstücke
ausgezeichnet ist. Da ist die umfangreiche Handschrift
zu dem zweibändigen Werke „Der Zauberberg“, da die originale
Bronzebüste des Dichters von Prof. Schwegerle, und als
Drittes das vom Autor überlassene, in blaues Leder gebundene
und signierte Eigenexemplar der Gesamtwerke. Die in Halbiedcr
und Leinen gebundenen Einzelwerke gruppieren sich um diesen
wertvollen Kern der Dekoration.
(Versteigerung der Bibliothek Gustav
Amsinck.) Die Bücherstube Hans Götz in Hamburg
führte am 22. und 23. Mai die Versteigerung der Bibliothek
Gustav Amsinck durch. Die Beteiligung war recht gut. Für
die wertvollen Stücke wurden angemessene Preise bezahlt,
während besonders für moderne Vorzugsdrucke und die Publikationen
der Inflationsjahre, auch für die Veröffentlichungen der
Marees-Gesellschaft und die Drucke der Bremer Presse das
Interesse auffallend gering war. Namhafte Preise brachten
(in Mark): Nr. 16 Goethe, Götz, Avalundruck loo, Nr. 36
Ben stein, Cataloque des livres paremiologiques 75, Nr. 55
Kleis t, Robert Guiscard, Bremer Presse 26, Nr. 7o Buddha,
Eine Auswahl aus dem Palikanon von Dahlke, Druck von
Holten 42, Nr. 73 C a 11 o t, Vita et historia beatae Mariae
Virginis, Parisiis (1634) 440, Nr. 73a Calloto resuscia 75o,
Nr. 13o Goethes Werke, Sofienausgabe 6oo, Nr. 134 Goethe,
Propyläen-Ausg. 18o, Nr. 146 Heine, Sämtl. Werke, Hoffmann
und Campe 1861-1873 175, Nr. 151 E. T. A. Hoffmann,
Lebens-Ansichten des Katers Murr, 1 Ausg, 5o, Nr. 152 Ders.,
Sämtl. Werke, Serapionsausg. llo, Nr. 186 Stifter, Nachsommer,
Titelauflage der 1.. Ausg. 35, Nr. 227 Ranke Sämtl. Werke, 2.
Gesamtausgabe 25o, Nr. 313 Graetz, Geschichte der Juden,
12. Bände 110, Nr. 399 Buck, Album hamburgischer Kostüme
25o, Nr. 417 Hamburg in seiner gegenw. Gestalt, herausgegeben
von B. S. Berendsohn in Hamburg 60, Nr. 42o Das neue Hamburg,
Hamburg 1852 5o, Nr. 426 Hübbe-Plath, Ansichten der
freien Hansastadt, Hamburg llo, Nr. 429 Jahrbuch der Gesellschaft
Hamburgischer Kunstfreunde Bd. 1—11 6o, Nr. 438 Lichtw
a r k, Das Bildnis in Hamburg loo, Nr. 484 S u h r, Hamburgs
Vergangenheit 12oo, Nr. 485 Ders., Der Ausruf in Hamburg 42o,
Nr. 494aAngelius äWerdenhagen, De rebus publiis Hanseaticis
4o, Nr. 539 Münchener Jugend 1896—19o3, 18 Bde. lo5,
Nr. 554 Klinger, Sauvetages de sacrifices jd’ Ovide 22o, Nr.
555 Ders., Amor und Psyche 12o, Nr. 556 Ders., Intermezzi 5o,
Nr. 557 Ders., Vom Tode I loo, Nr. 558 Ders., Radierungen,
Zeichnungen, Bilder und Skulpturen loo, Nr. 559 Ders., Vom
Tode,_ II 41o, Nr. 56o Ders., Eine Liebe 75, Nr. 644 Le n b a c h,
Bildnisse, Gravuren nach Orig.-Gemälden des Meisters 3oo,
Nr. 65o Das Werk Adolph Menzels, Vom Künstler-Autor. Ausg.
18o, Nr. 656 Pan, Jahre 1—5, lo Bde. Vorzugsausg. lo5o, Nr.
766 C^zanne und seine Ahnen, Marees Ges. 12o, Nr. 795
N i etzsche, Dionysos—Dithyramben, Insel Verlag 7o, Nr. 876
Rousseau, Les confessions, Londres, 1786 35, Nr. 91o Slevogt,
Die Insel Wak Wak, Drugulin 18o, Nr. 954 Voltaire,
Oeuvres Completes 1785--99 M 51o.
(Bii cher-Auktion bei H a r t m a n n & H a y e k.) Die
Antiquare Hartmann & Hayek in Hamburg versteigern am
19. und 20. Juni eine Sammlung wertvoller Bücher, zum Teil
aus der Bibliothek Karl von Schlieben f. Besonders stark
vertreten sind in schönen Erst- und Gesamtausgaben
deutsche, englische und französische Literatur. Den Buchdruck
älterer Zeit repräsentieren eine Reihe zum Teil illustrierter
schöner Inkunabeln und wertvoller Drucke des 16. Jahrhunderts,
unter denen die alten astronomischen Werke und einige sehr
frühe und seltene Aldinen, Stephanus-Drucke und andere Offizinen
hervorgehoben seien. Unter den illustrierten Büchern
kommen zum Ausgebot Werke von Merian, Virgil Solis, Tobias
Stimmer, Picart, Gravelot, Eisen, Hogarth, Marillier, Moreau le
jeunc, Cruikshank, Johannot, Grandville, Gavarni, Richter, Menzel,
Chodowiecki u. v. a. Ferner werden versteigert zahlreiche Hauptwerke
der Wissenschaften aller Epochen, Kunstgeschichte, Philosophie,
Geschichte, Reisen, Rechts- und Staatswissenschaften,
Naturwissenschaften, Medizin und Sprachwissenschaften. Den
Höhepunkt dürfte eine in ihrer Art einzig dastehende Kollektion
von P e t r o n i u s - Ausgaben bilden, die interessanterweise die
Rolle dieses berühmtesten aller satirisch-erotischen Romane
der Weltliteratur im Wandel der Jahrhunderte veranschaulicht.
Die Schätzungspreise bewegen sich auf einem bescheidenen
Niveau. Die Erhaltung der Stücke ist größtenteils ausgezeichnet.
BILDER.
(MichelangelosSelbstbildnis im „Jüngsten
Gericht“,) Aus Rom wird berichtet: Man sollte es kaum
für möglich halten, dass es noch „Entdeckungen“ an einem
weltbekannten Meisterwerk der bildenden Kunst zu machen gibt,
und doch ist es so. Die römischen Blätter bringen mit allen
Zeichen des Staunens die Abbildung eines Ausschnittes aus dem
„Jüngsten Gericht“ Michelangelos, das die ungeheure
Rückwand der Sixtinischen Kapelle bedeckt. Unter den unzähligen
Figuren des Bildes ist auch die des Heiligen Bartolomäus,
von dem die Legende wissen will, ihm sei, dem Marsyas gleich,
bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen worden. So ist er
denn auch dargestellt; das blutige Gewebe ruht auf seinen
mächtigen Knien. In dessen Falten nun sind tatsächlich
die Züge eines Menschenantlitzes erkennbar, das mit den übermittelten
Porträts Michelangelos, besonders dem der
Uffizien, eine gewisse Aehnlichkeit aufweist, während der
nach oben gewandte Kopf des Apostels an den lockeren Dichter
Pietro A r e t i n o erinnert. Diese Entdeckung, die sonderbarerweise
all den unzähligen Kunstforschern entgangen ist, die das
grosse Werk der Sixtinischen Kapelle studiert haben, machte
der Professor La Cava von der Universität Rom: obwohl sein
Lehrfach eigentlich Tropenpathologie ist, beschäftigte er sich
mit dem Phänomen, das er jetzt in einer besonderen Monographie
(Rom 1925, Z a n i c h e 11 i) veröffentlicht, schon seit
zwei Jahren, bis er jeden Zweifel für ausgeschlossen hielt. Der
beste lebende Kenner Michelangelos, Professor Ernst Steinmann,
Direktor der Biblioteca Hertziana in Rom, versichert,