MAK
Nr. 19 
Seite 165 
Internationale Sammler-Zeitung 
eine vernünftige Begründung dafür zu geben; daß 
man ein Narr sein müsse, um ein schmutziges, ab 
gegriffenes Buch einem schönen neuen vorzuziehen, 
das frisch und sauber aus den Händen des Malers 
kommt. Doch liegt nicht die größte Klugheit darin, 
sich mit seiner Narretei abzufinden? — Nachdem ihr 
dies gesagt, erkundigt ihr euch, welchen Wert in 
Tomans Seine Exzellenz dem Manuskript beimißt. 
Worauf Seine Exzellenz erwidert, daß ihr ein in 
Persien und ganz Europa geschätzter Kenner seid 
und daß dieses Buch von dem Augenblick, da ihr es 
eurer Betrachtung würdig erachtet, unschätzbaren 
Wert gewinne, daß sie indes großes Vertrauen zu 
euch habe, euch zu bitten, den Preis selbst zu be 
stimmen, obwohl sie im übrigen auch gern bereit sei, 
es euch als Geschenk anzubieten. Nach mancherlei 
Paraden und Rikosten seht ihr euch gezwungen, eine 
Ziffer auszusprechen. Ich für meinen Teil finde es in 
solchen Augenblicken vorteilhaft, einen möglichst 
hohen Preis zu nennen, doch die. entgegengesetzte 
Methode hat auch ihre Anhänger. Mit einem liebens 
würdigen Lächeln erklärt nun Seine Exzellenz sich 
nicht entschließen zu können, das Manuskript aus der 
Hand zu geben, ja jetzt, da sie, nachdem sie dessen 
Vorhandensein fast vergessen, wieder darin geblättert 
habe, fühle sie, wie sehr es ihr ans Herz gewachsen 
und daß es nun das wertvollste ihrer Besitztümer 
geworden sei. 
Diese Rede müßt ihr unbewegt anhören, wenn ihr 
auch leiden solltet, als würde man Stücke aus eurem 
Körper reißen. Macht keine Bewegung, um wieder 
nach dem Manuskript zu greifen. Drücket nicht den 
Wunsch aus, es nochmals zu betrachten. Verlasset das 
Thema, und nach Ablauf einer Viertelstunde nehmt 
von eurem Wirt Abschied. 
Wie im Fieber kommt ihr nachhause; eine 
schlechte Nacht folgt, ihr träumt von dem entdeckten 
Meisterwerk: Diebe bemächtigen sich seiner, einem 
anderen Sammler in Paris fällt es in die Hände. 
Morgens seid ihr bereit zu Seiner Exzellenz zu laufen, 
um es zu jedem Preis in euren Besitz zu bringen. 
Lernt euch in Geduld fassen. Zwei oder drei Tage 
später (ja nicht vorher!) entsendet einen Dcllal, dem 
ihr eine hohe Provision versprecht, wenn er das Buch 
um den Betrag, den es nach eurer Ansicht nach wert 
ist, erwirbt, zu dem Besitzer. Er nistet sich bei dem 
hohen Herrn ein; er begrüßt ihn des Morgens, wenn 
dieser sich erhebt, leistet ihm bei den Mahlzeiten Ge 
sellschaft und weicht nicht von ihm, bis er sich zur 
Ruhe begibt; er erzählt ihm Geschichten, er unter 
hält ihn, er bringt ihn zum Lachen, er vergießt Tränen, 
wirft sich ihm zu Füßen, umklammert seine Knie. 
Nach zwei oder drei Wochen solcher täglicher Be 
mühungen seht ihr ihn eines Morgens mit dem be 
gehrten Manuspript bei euch eintreten. 
Heute wie einstmals geschieht hier alles durch Ver 
mittlung der Deilas. Sie sind die geschicktesten, 
schlauesten und ausdauerndsten Leute der Welt. Das 
Handeln mit ihnen braucht viel Zeit und ist umständ 
lich, aber sie sind Geschäftsleute, und man vermag 
sich schließlich immer mit ihnen zu verständigen. 
Einer unserer bevorzugten Dellals, M u s s a, ist 
ein vollendeter Komödiant. Täglich sucht er uns auf 
und die Unterhaltung beginnt immer in der gleichen 
Weise. 
Beim Eintritt in unser Zimmer erklärt er unser 
ganz besonderer Freund zu sein und das Unmögliche 
tun zu wollen, um uns zufrieden zu stellen. Gerade 
heute habe er Schätze, die ganz nach unserem Ge 
schmack seien, aufgestöbert, und heute werde es ein 
Scheck über tausend Tomane sein, den wir ihm aus 
stellen würden. (Mussa hat ein Konto bei der ‘eng 
lischen Bank!) Er wäre kein gewöhnlicher Händler, 
ebensowenig wie wir alltägliche Kunden seien. Wir 
wüßten das Gute vom Schlechten zu unterscheiden 
und verstünden uns besser auf Antiquitäten als irgend 
jemand. Uns zu täuschen sei nicht möglich. Darum 
auch wolle Mussa als bevorzugter Dellal der Herr 
schaften die abgedroschenen Mätzchen beiseite lassen. 
Heute wolle er nur einen Preis nennen, einen einzigen, 
den richtigen, den allerletzten; wenn wir uns ver 
ständigten, wäre es gut, sollten wir uns nicht einigen, 
wäre es ebenso gut. 
Nach diesen Worten — sie haben keinerlei Be 
deutung — beginnt er seine Waren zu zeigen. Beim 
ersten Gegenstand, den wir betrachten, ruft er aus: 
„Ach, das ist ein ganz ungewöhnliches Stück! Sie 
halten sich nicht bei minderwertigen Dingen auf. 
Dieses Stück Samt stammt aus der Zeit von Schah 
Abbas.“ 
„Wieviel willst du dafür?“ 
„Ich werde einen Preis sagen, einen einzigen, den 
alleräußersten, aber dann wird nicht mehr gehandelt. 
Versprechen Sie mir das?“ 
„Sage deinen Preis.“ 
„Hundert Tomane.“ 
„Gut, ich gebe dir zehn.“ 
„Er ist seine fünfhundert wert, bei Khoda, der 
uns hört. Aber ich brauche Geld, und ich schenke 
ihn weg.“ 
„Zehn Tomane.“ 
„Unmöglich; nennen Sie einen ernsthaften Preis.“ 
„Zehn Tomane.“ 
„Dann behalte ich ihn. Male Mussa“ (der Gegen 
stand bleibt im Besitze von Mussa). 
„Nun gut, machen wir Schluß für heute, ich habe 
keine Lust, noch die anderen Sachen zu sehen.“ 
„Nennen Sie einen Preis, einen einzigen, den 
allerletzten.“ 
„Einen Toman mehr, weil du es bist.“ 
Er wirft sich auf die Knie, faltet die Hände, er hat 
Tränen in den Augen und ein Lachen in der Stimme. 
„Den allerletzten! Den allerletzten!“ 
„Elf Tomane.“ 
Mit rascher Geste ergreift er den Samt und hält 
ihn uns hin: 
„Male Sahib (Der Gegenstand gehört Ihnen, Herr) 
Heute macht Mussa Geschenke.“ 
Die gleiche Komödie beginnt bei jedem Gegen 
stand von neuem. Wenn wir bei einem wertvolleren 
Stück allzuweit auseinander sind, dauert sie zwei, 
drei, auch acht Tage, doch sie endet stets in derselben 
Weise. 
Kaum vierundzwanzig Stunden sind wir in Te 
heran und alle Dellals der Stadt stehen schon vor 
unserer Tür. Die Reichsten kommen mit ihren 
Dienern, die mit Teppichen und Stoffen beladene Esel 
vor sich her stoßen. Vergeblich versucht man, sich 
zuhause einzuschließen; nichts vermag die Dellals zu 
ermüden. Von morgens bis zum Abend harren sie vor 
der Türe und erwarten eine günstige Stimmung. Auf 
den Augenblick lauern sie, in dem wir schwach werden 
würden, strecken sie uns ihre Gegenstände durch die 
Fenster entgegen und breiten sie ihre Teppiche auf 
der Straße aus. Man entkommt ihnen nicht. Da sie 
fast alle Juden sind, erfreuen wir uns des Sonnabends 
verhältnismäßiger Ruhe. Kein einziger von ihnen 
allen wäre dazu zu haben, sich am Sabbattage mit 
Geschäften zu befassen. Selbst die Aussicht auf einen 
gewaltigen Verdienst könnte sie nicht veranlassen, 
Sonnabends ihr Viertel zu verlassen, wo sie der 
Ruhe pflegen, nachdem sie am Vormittag Gott in
	        
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