Nr. 19
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Internationale Sammler-Zeitung
eine vernünftige Begründung dafür zu geben; daß
man ein Narr sein müsse, um ein schmutziges, ab
gegriffenes Buch einem schönen neuen vorzuziehen,
das frisch und sauber aus den Händen des Malers
kommt. Doch liegt nicht die größte Klugheit darin,
sich mit seiner Narretei abzufinden? — Nachdem ihr
dies gesagt, erkundigt ihr euch, welchen Wert in
Tomans Seine Exzellenz dem Manuskript beimißt.
Worauf Seine Exzellenz erwidert, daß ihr ein in
Persien und ganz Europa geschätzter Kenner seid
und daß dieses Buch von dem Augenblick, da ihr es
eurer Betrachtung würdig erachtet, unschätzbaren
Wert gewinne, daß sie indes großes Vertrauen zu
euch habe, euch zu bitten, den Preis selbst zu be
stimmen, obwohl sie im übrigen auch gern bereit sei,
es euch als Geschenk anzubieten. Nach mancherlei
Paraden und Rikosten seht ihr euch gezwungen, eine
Ziffer auszusprechen. Ich für meinen Teil finde es in
solchen Augenblicken vorteilhaft, einen möglichst
hohen Preis zu nennen, doch die. entgegengesetzte
Methode hat auch ihre Anhänger. Mit einem liebens
würdigen Lächeln erklärt nun Seine Exzellenz sich
nicht entschließen zu können, das Manuskript aus der
Hand zu geben, ja jetzt, da sie, nachdem sie dessen
Vorhandensein fast vergessen, wieder darin geblättert
habe, fühle sie, wie sehr es ihr ans Herz gewachsen
und daß es nun das wertvollste ihrer Besitztümer
geworden sei.
Diese Rede müßt ihr unbewegt anhören, wenn ihr
auch leiden solltet, als würde man Stücke aus eurem
Körper reißen. Macht keine Bewegung, um wieder
nach dem Manuskript zu greifen. Drücket nicht den
Wunsch aus, es nochmals zu betrachten. Verlasset das
Thema, und nach Ablauf einer Viertelstunde nehmt
von eurem Wirt Abschied.
Wie im Fieber kommt ihr nachhause; eine
schlechte Nacht folgt, ihr träumt von dem entdeckten
Meisterwerk: Diebe bemächtigen sich seiner, einem
anderen Sammler in Paris fällt es in die Hände.
Morgens seid ihr bereit zu Seiner Exzellenz zu laufen,
um es zu jedem Preis in euren Besitz zu bringen.
Lernt euch in Geduld fassen. Zwei oder drei Tage
später (ja nicht vorher!) entsendet einen Dcllal, dem
ihr eine hohe Provision versprecht, wenn er das Buch
um den Betrag, den es nach eurer Ansicht nach wert
ist, erwirbt, zu dem Besitzer. Er nistet sich bei dem
hohen Herrn ein; er begrüßt ihn des Morgens, wenn
dieser sich erhebt, leistet ihm bei den Mahlzeiten Ge
sellschaft und weicht nicht von ihm, bis er sich zur
Ruhe begibt; er erzählt ihm Geschichten, er unter
hält ihn, er bringt ihn zum Lachen, er vergießt Tränen,
wirft sich ihm zu Füßen, umklammert seine Knie.
Nach zwei oder drei Wochen solcher täglicher Be
mühungen seht ihr ihn eines Morgens mit dem be
gehrten Manuspript bei euch eintreten.
Heute wie einstmals geschieht hier alles durch Ver
mittlung der Deilas. Sie sind die geschicktesten,
schlauesten und ausdauerndsten Leute der Welt. Das
Handeln mit ihnen braucht viel Zeit und ist umständ
lich, aber sie sind Geschäftsleute, und man vermag
sich schließlich immer mit ihnen zu verständigen.
Einer unserer bevorzugten Dellals, M u s s a, ist
ein vollendeter Komödiant. Täglich sucht er uns auf
und die Unterhaltung beginnt immer in der gleichen
Weise.
Beim Eintritt in unser Zimmer erklärt er unser
ganz besonderer Freund zu sein und das Unmögliche
tun zu wollen, um uns zufrieden zu stellen. Gerade
heute habe er Schätze, die ganz nach unserem Ge
schmack seien, aufgestöbert, und heute werde es ein
Scheck über tausend Tomane sein, den wir ihm aus
stellen würden. (Mussa hat ein Konto bei der ‘eng
lischen Bank!) Er wäre kein gewöhnlicher Händler,
ebensowenig wie wir alltägliche Kunden seien. Wir
wüßten das Gute vom Schlechten zu unterscheiden
und verstünden uns besser auf Antiquitäten als irgend
jemand. Uns zu täuschen sei nicht möglich. Darum
auch wolle Mussa als bevorzugter Dellal der Herr
schaften die abgedroschenen Mätzchen beiseite lassen.
Heute wolle er nur einen Preis nennen, einen einzigen,
den richtigen, den allerletzten; wenn wir uns ver
ständigten, wäre es gut, sollten wir uns nicht einigen,
wäre es ebenso gut.
Nach diesen Worten — sie haben keinerlei Be
deutung — beginnt er seine Waren zu zeigen. Beim
ersten Gegenstand, den wir betrachten, ruft er aus:
„Ach, das ist ein ganz ungewöhnliches Stück! Sie
halten sich nicht bei minderwertigen Dingen auf.
Dieses Stück Samt stammt aus der Zeit von Schah
Abbas.“
„Wieviel willst du dafür?“
„Ich werde einen Preis sagen, einen einzigen, den
alleräußersten, aber dann wird nicht mehr gehandelt.
Versprechen Sie mir das?“
„Sage deinen Preis.“
„Hundert Tomane.“
„Gut, ich gebe dir zehn.“
„Er ist seine fünfhundert wert, bei Khoda, der
uns hört. Aber ich brauche Geld, und ich schenke
ihn weg.“
„Zehn Tomane.“
„Unmöglich; nennen Sie einen ernsthaften Preis.“
„Zehn Tomane.“
„Dann behalte ich ihn. Male Mussa“ (der Gegen
stand bleibt im Besitze von Mussa).
„Nun gut, machen wir Schluß für heute, ich habe
keine Lust, noch die anderen Sachen zu sehen.“
„Nennen Sie einen Preis, einen einzigen, den
allerletzten.“
„Einen Toman mehr, weil du es bist.“
Er wirft sich auf die Knie, faltet die Hände, er hat
Tränen in den Augen und ein Lachen in der Stimme.
„Den allerletzten! Den allerletzten!“
„Elf Tomane.“
Mit rascher Geste ergreift er den Samt und hält
ihn uns hin:
„Male Sahib (Der Gegenstand gehört Ihnen, Herr)
Heute macht Mussa Geschenke.“
Die gleiche Komödie beginnt bei jedem Gegen
stand von neuem. Wenn wir bei einem wertvolleren
Stück allzuweit auseinander sind, dauert sie zwei,
drei, auch acht Tage, doch sie endet stets in derselben
Weise.
Kaum vierundzwanzig Stunden sind wir in Te
heran und alle Dellals der Stadt stehen schon vor
unserer Tür. Die Reichsten kommen mit ihren
Dienern, die mit Teppichen und Stoffen beladene Esel
vor sich her stoßen. Vergeblich versucht man, sich
zuhause einzuschließen; nichts vermag die Dellals zu
ermüden. Von morgens bis zum Abend harren sie vor
der Türe und erwarten eine günstige Stimmung. Auf
den Augenblick lauern sie, in dem wir schwach werden
würden, strecken sie uns ihre Gegenstände durch die
Fenster entgegen und breiten sie ihre Teppiche auf
der Straße aus. Man entkommt ihnen nicht. Da sie
fast alle Juden sind, erfreuen wir uns des Sonnabends
verhältnismäßiger Ruhe. Kein einziger von ihnen
allen wäre dazu zu haben, sich am Sabbattage mit
Geschäften zu befassen. Selbst die Aussicht auf einen
gewaltigen Verdienst könnte sie nicht veranlassen,
Sonnabends ihr Viertel zu verlassen, wo sie der
Ruhe pflegen, nachdem sie am Vormittag Gott in