Seite 170 INTERNATIONALE SAMMLER - ZEITUNG Nr. 18
Fälschung Siberscher Signete.
Im Züricher Taschenbuch für die Jahre 1921/22
veröffentlichte Staatsarchivar Herzog in Aarau
Mitteilungen über einen zürcherischen Inkunabeldrucker
Johannes S i b e r, der Ende des 15, Jahrhunderts
in Lyon druckte. In seinem Werke über
die französischen Druckermarken des 15. Jahrhunderts
bringt Bibliothekar W, J, Meyer drei Abbildungen
Siberscher Signete (Nr. 59—61), von
denen die eine, Nr. 59, bei Silvestre (Marques typographiques)
fehlt. Diese Nr. 59 zeigt eine Herzform,
die schräg geteilt ist. Rechts oben ist ein Abschnitt
mit Stern, an der Spange nach oben ein Doppelkreuz
und oben ein Haken. Nun weist M, J. Husung,
der Leiter der Inkunabelabteilung der Preußischen
Staatsbibliothek in Berlin, im „Gutenberg-Jahrbuch
1928“ darauf hin, daß dieses Sibersche Signet dem
Zisterzienserpater Chrysostomus Hanthaler als
Vorlage zu einer Inkunabelfälschung diente,
P. Chrysostomus Hanthaler lebte vom Jahre
1716 bis zu seinem Tode (1754) im Kloster Lilienfeld
in Niederösterreich. Er schrieb im Aufträge des I
Abtes W i e s e r die Geschichte des Klosters und j
wo Dokumente zur Klostergeschichte fehlten, verfaßte
Hanthaler dieselben. Aber nicht nur als Historiker,
sondern auch als Bibliothekar des Klosters
ließ sich Hanthaler zu Erfindungen hinreißen. Wohl
um das Ansehen des Klosters zu heben, stellte er
für den Bibliothekskatalog eine ganze Reihe nicht
existierender Inkunabeln zusammen,
Aber nicht nur Inkunabeldrucker erfand dieser
Mann, sondern auch ein gefälschtes Inkunabelsignet
geht auf ihn zurück. Bei der Zusammenstellung der
italienischen Verlegermarken suchte Husung vergeblich
nach einer Druckermarke des aus Asola stammenden
Venetianer Druckers Theodorus de Ragaz
o n i b u s. Das bei Roth-Scholz im Thesaurus symbolorum
als Nr. 408 zitierte Signet des italienischen
Druckers erwies sich als eine Fälschung und als
Fälscher kam Roth-Scholzens Freund Chrysostomus
Hanthaler in Betracht, der dieses Signet für das
Jahr 1490 erfunden hatte. Als Vorlage diente ihm
eben die oben erwähnte Druckermarke Sibers.
| Husungs Arbeit enthält die Hanthalersche Fälschung
j im Bild, ebenso die Vorlage (Aus Meyer, Nr. 59).
Der Deutsche JSibliophilentag in Wien.
Zum zweitenmale wird Wien in den nächsten
Wochen den großen Deutschen Bibliophilentag in
seinen Mauern beherbergen; die erste Zusammenkunft
der Bücherfreunde in Wien fand bekanntlich
im Jahre 1912 statt.
Die Wiener Bibliophilengesellschaft, eine
Schwestergesellschaft der großen deutschen Bibliophilenvereinigung
(Weimar), hat als Gastgeberin
ihrer auswärtigen Freunde alle Vorbereitungen getroffen,
um die Teilnehmer würdig und ihren Erwartungen
von Wien entsprechend zu empfangen. Das
Ehrenpräsidium dieser Tagung haben Bürgermeister
S e i t z, Unterrichtsminister Schmitz und der
deutsche Gesandte Graf Lerchenfeld übernommen.
Die offiziellen Veranstaltungen beginnen Samstag,
den 29. September, an dem Bürgermeister
S e i t z die Gäste zu einem Abendempfang ins Rathaus
geladen hat. Bei diesem Anlasse werden Mitglieder
des Deutschen Volksgesangvereines unter
Leitung seines Vorstandes Dr. Georg K o t e k Volkslieder
in Wort, Instrument und Tanz zum Vortrag
bringen. Sonntag, den 30. September vormittag findet
dann die Generalversammlung der Gesellschaft
der Bibliophilen (Weimar) statt. Mittags wird der
Generaldirektor der Nationalbibliothek Universitätsprofessor
Dr. Bick die Teilnehmer im Prunksaal der
Nationalbibliothek empfangen, am Abend des Sonntags
vereinigt in den Sofiensälen (III., Marxergasse)
das übliche große interne Festbankett die auswärtigen
Gäste und die Mitglieder der Wiener Bibliophilengesellschaft,
bei dem nach altem liebgewonnenem
Brauch die Verteilung der Bücher und Bilderspenden
von gebefreudigen Mitgliedern, Verlegern, literarischen
Vereinigungen usw. (meist in beschränkter
Auflage gewidmet) den vielersehnten Höhepunkt
bildet. Die Wiener Bibliophilengesellschaft kann mit
Genugtuung verzeichnen, daß eine wirklich namhafte
Anzahl von prächtigen Spenden, die in einer
Kassette vereinigt werden sollen, ihre Gäste überraschen
wird, darunter ihre eigene Spende, nämlich
„Die österreichische Dichtergabe“, die nur bisher
Ungedrucktes von Hugo v. Hofmannsthal, Max
Mell, Artur Schnitzler, Karl Schönherr
und Anton W i 1 d g a n s enthalten wird. An das
sonntägige Bankett schließen sich Montag, den
1, Oktober vormittags der Empfang der Teilnehmer
durch den Bundespräsidenten Dr. H a i n i s c h, nachmittags
eine gemeinsame Fahrt ins Stift Klosterneuburg,
wo Professor Dr. Ludwig die Führung durch
die Stiftsbibliothek und die vielen übrigen Klosterschätze
übernommen hat. Die Rückfahrt von Klosterneuburg
erfolgt über den Cobenzl.
Dienstag, den 2. Oktober sind dann die Teilnehmer
der Bibliophilentagung Gäste des Vorstandsmitgliedes
der Wiener Bibliophilengesellschaft Prinzen
Heinrich R e u ß, der die Bibliophilen auf sein
Schloß Ernstbrunn geladen hat, wo er sie durch eine
der erlesensten modernen bibliophilen Sammlungen
führen wird. Dienstag abend beschließt ein Empfang
beim deutschen Gesandten Grafen Lerchenfeld,
der die Vorstände der bibliophilen Vereinigungen
geladen hat, den Reigen der offiziellen Veranstaltungen.
Cin numismatischer SchausaaL
Aus Anlaß des Fünften Deutschen Münzforschertages in
Wien wurde im Kunsthistorischen Museum ein Schausaal eröffnet,
der die numismatischen Erwerbungen im Krieg und in
der Nachkriegszeit enthält.
Die erste Abteilung zeigt die Entwicklung der neuzeitigen
künstlerischen Medaille in allen europäischen Ländern,
die zweite führt die kulturhistorische Bedeutung der Medaille
vor. In dieser Gruppe fällt insbesondere die Sammlung des
Triester Arztes Dr. Brettauer auf, unter dem Titel »Medicina
in nummis« (die Aerztekunst in Medaillen), eine 7000
Stück umfassende Spezialsammlung, die der Besitzer der Wiener
Universität vermachte, die sie wieder dem Museum zur