Nr. 23
INTERNATIONALE SAMMLER - ZEITUNG
Seite 229
träge aus der Schweiz, deren Interesse für Richter
ja jederzeit sehr rege war, das Museum von Essen
hat Aufträge gesandt, Dr. Klipstein ist anwesend und
daneben eine große Anzahl deutscher Käufer. Wer
vorher der Auktion mit Skepsis begegnete, hatte gute
Gründe. Über 100 Originalzeichnungen und Aquarelle
Richters schienen gerade heutzutage eine viel zu
große Zumutung an den Markt zu stellen. Das Re
sultat verblüffte selbst die krassesten Optimisten und
übertraf alle Erwartungen. Die Hauptblätter erziel
ten absolute Vorkriegspreise, so daß sich die er
staunliche Tatsache ergab, daß aller Ereignisse der
letzten 15 Jahre zum Trotz Ludwig Richter heute
noch im gleichen Maße begehrt ist, wie ehedem.
Doppelt sensationell wirkt dieses Ergebnis,, wenn
man bedenkt, daß alle Hauptpreise der Auktion aus
schließlich von privaten Sammlern oder von Museen
gezahlt wurden, und zwar überwiegend von deut
schen.
Schon die frühen Landschaften und Zeichnungen
überschritten die Taxen. Die erste Aufregung bringt
das schöne Aquarell „Genovefa", das für 5100 Mark
in norddeutschen Privatbesitz geht. Dann kann Pro
fessor Weigmann das schöne „Weihnachtsblasen
vom Turm“ für 5200 M erstehen. Die feinen, leicht
getönten Federzeichnungen dieser Zeit sind hoch
bezahlt.
Ein Sammler bekommt die „schalmeiblasenden
Knaben“ für 1250 M, „Anna Susanna geh Du na
Schol“ kostet 1050 M, die „Heimkehr vom Felde“
kauft Weigmann für 1500 M, das Museum Essen die
„Kinder-Symphonie“ für 2000 M. „Das Rotkäppchen“
geht für 1000 Mark in die Schweiz, „Hänsel und
Gretel“ kommen in Leipziger Privatbesitz für 1200
Mark. Eine andere reizende Kinderzeichnung, „Ei,
iagt mir doch die Spatzen fort“, kann sich ein Ham
burger Sammler für 1000 M sichern. Das hübsche
Aquarell eines die Haustüre bekränzenden Mäd
chens bringt 2000 M, die Hirtenfamilie mit Kühen
3900 M, Mit Spannung wird das Schicksal des Oel-
gemäldes erwartet. Direktor Schreiber - Weigand
holt es sich für 6000 M nach Chemnitz. Die Radie
rungen erfreuen sich gleich reger Nachfrage wie die
Zeichnungen und bringen relativ gute Preise. Die
Rarität „Mariechen und Heinemännel“ erwirbt das
Leipziger Kabinett für 150 M. Die Lebhaftigkeit des
Bietens steigt wieder bei den Holzschnitten, wo
sehr schöne Probedrucke zu kaufen sind. Die Mu
seen von Dresden, München, Leipzig und Kassel
teilen sie mit privaten Käufern. Zum Schluß fin
den die angebotenen Bücher rasch ihre Liebhaber,
Die anschließende Auktion von deutschen
Handzeichnungen des 19. Jahrhunderts
stand insofern noch sehr unter dem Zeichen des
Vorhergegangenen, als die darin enthaltene Richter-
Partie weitaus das stärkste Interesse fand Sq er
kämpfen sich norddeutsche Sammler in erbittertem
Wettstreit die entzückenden Aquarelle „Der Och
senkarren“ für 4150 M und die Linde bei Dütschen
für 1300 M, das nackte junge Mädchen auf dem
Ruhelager für 2500 M und das junge Mädchen mit
Kindern am Waldrand für 1750 M. Die sehr reizen
den Illustrationsskizzen zu Auerbachs Familien
kalender von 1856 werden ebenso heftig begehrt und
gut bezahlt. Neben Richter mußten die anderen
Zeichnungen zurückstehen. Es ergab sich, daß die
mittleren Zeichnungen kleinerer Meister schlecht
bezahlt und wenig begehrt wurden. Dagegen brach
ten die feinen Qualitäten von Nazarenerzeichnungen
immer entsprechende Preise. Für eine schöne Füh
rich-Zeichnung wurden 490 M gegeben, für Over
beck 510 M. für eine feine Porträtzeichnung Stein
les 400 M. Die lustige Darstellung von Jobs im Exa
men von Hasenclever ging auf 750 M, der fein
ste der A. Graff-Porträtköpfe auf 490 M.
Alles in allem ist dieser große und unerwartete
Erfolg guter deutscher Kunst des 19.Jahrhunderts, vor
allem Ludwig Richters, bei dem deutschen Publikum
von größtem Werte und hoffentlich symptomatischer
Bedeutung.
3$0. JCunstauktion des Doret/ieums.
Die vom 15.—17. November im Dorotheum
in W i e n abgehaltene 390. Kunstauklion begann mit
der Versteigerung der aus dem Gostorp in Lenin
grad stammenden Objekte (die sogenannte Russen-
Auktion). Als Käufer traten vorwiegend Händler auf,
die sich namentlich für die Silbergegenstände inter
essierten. Die kleinen Objekte erreichten denn auch
Steigerungen bis zum Zehnfachen der Ausrufspreise.
An die Russen-Auktion schlossen sich Gemälde
und Kunstgegenstände aus österreichischem Besitze,
die bei reger Beteiligung gute Preise erzielten. Das
Gesamtergebnis aller drei Tage belief sich auf
126.016 S, 60 g.
Die Meistgebote betrugen (in Schilling):
Arbeiten aus Silber und vergoldetem Silber.
1 Ovales Zuckerschälchen, Moskau 1866 60
2 Salzschälchen, vergoldet, Russisch, 1849 55
3 Schiffchenförmige Konfektschale, Russisch, 1830 ... 60
4 Vase, modern 32
5 Becher, Moskau, 17i74 45
6 Becher, Moskau, Ende 18. Jahrh 80
7 Becher, Russisch, Anf. 19. Jahrh., 138 g 40
8 Rundes Schälchen, 2. H. 17. Jahrh., 28 g 40
9 Ein Paar rechteckiger Schälchen, Petersburg, 1840 . 65
10 Zwei doppelseitige Gewürzschälchen, Moskau, 1860 . 45
11 Becher, ohne Beschau und Meisterzeichen 163
12 Becher 38
13 Becher, Moskau, um 1750, 84 g 50
14 Glatter Becher, Russisch, 19. Jahrh., 105 g . . . . 38
15 Zwei geriefelte Schälchen und ein modernes Silber
gefäß, Russisch, um 1850, 121 g 60
16 Kleiner Kugelbecher, Moskau, um 1830, 118 g .... 170
17 Zwei Schälchen und ein Becher, Russisch, 70er Jahre
und um 1820, 180 g 50
18 Kugelbecher, modern, und Becher mit Ornamenten,
183 g 50
19 Kleiner Becher und ein kleiner Becher, Peters
burg, 2. H. 18. und Ende 18. Jahrh., 154 g ......
20 Vier verschiedene Einsatzschälchen und zwei Salz
fässer. 1. H. und Mitte 19. Jahrh., 147 g 80
21 Drei Gewürzschälchen, Russisch, um 1840, 131 g . . 68
22 Becher mit Fuß, Moskau, um 1750, 92 g 60
23 Becher, Moskau, 1875, 80 g 60
24 Becher, Moskau, 1760, 88 g 55
25 Becher, Petersburg, Ende 18. Jahrh., 78 g 65
26 Becher, Moskau, 18. Jahrh., 76 g 60
27 Becher, undeutliche Beschau, 144 g 160
28 Becher, Moskau. 1754, 83 g 60
29 Becher, Russisch, 18. Jahrh,, 78 g 50
30 Becher, Moskau, um 1760 . 90 g 55
31 Becher, mit Louis XVil.-Ornamenten, Moskau, 1875,
82 g 50
32 Becher, Moskau, um 1750, 82 g 75
33 Desgleichen, 110 g 75
34 Becher, 98 g 65
35 Becher, Moskau, 1782 88 g 65
36 Becher, Russisch, 18. Jahrh., 95 g 55
37 Becher, Russisch, Anf. 19. Jahrh., 103g ....... 40
38 Glatter Becher, 178 g 80
39 Becher, Berlin, 2. H. 18. Jahrh., 108 g 65
40 Schiffchenförmige Konfektschale, Petersburg 1834,
92 g 75