Nr. 22
INTERNATIONALE SAMMLER - ZEITUNG
Seite 241
gleiche Stelle erwarb auch den Katalog der Bischöfe von
'Regensburg. Das sehr interessante Stammbuch des Constantino
dei Sefvi ging an einen auf der Auktion nicht anwesenden Auf
traggeber. Eine Anzahl der übrigen Manuskripte dieser Abtei
lung wurde trotz Anwesenheit vieler privater Interessenten von
Händlern erworben.
Dagegen sind die W appenbriete und Adels-
dip lom e fast alle in anderen Besitz übergegangen. Die
Schätzungspreise wurden fast durchschnittlich nicht unwesentlich
überschritten, nur war für die von Napoleon 1, ausgestellten
Diplome geringeres Interesse vorhanden und sie brachten nur
zirka M. 80 pro Stück, also die Hälfte des von uns angesetzten
Schätzungspreises. Das höchste Resultat in dieser Abteilung
erzielte der Wappenbrief Hans Lehner, durch Mathias Corvinus,
König zu Ungarn, im Jahre 1475 ausgestellt. Das Stück wurde
von einem ungarischen Händler zum Preise von M. 375 (!) bei
einem Schätzungspreise von M. 70 eingesteigert. Die eigentlichen
Sammlungen (Siegelstocksammlung, Wachssiegelsammlunig)
konnten leider aus den eingangs erwähnten Gründen nicht ge
schlossen verkauft werden, doch wurden von verschiedenen
(Museen und Archiven die Stücke ihrer Länder und Slädte
gerne aufgenommen. Auch fanden sich eine Anzahl von Privat-
inleressenten für besonders schöne Bijouterien sowie für die
Zunftsiegel, die alle verkauft worden sind. Von den Original
siegeln kamen die Nürnberger Stücke in Privathand, während
einige andere Abteilungen von. einem bekannten Heraldiker er
worben wurden.
Die große Sammlung der Lacksiegel wurde von einer
Züricher Priivatsammlung zum Anschiagspreise von iM, 6000
übernommen, die auch aus der Sammlung der Siegelstöcke und
der Wachssiegel die schweizerischen Stücke erwarb, sowie die
schwäbischen.
Jedenfalls geht aus dieser seit Jahrzehnten einzigartigen
Veranstaltung hervor, daß für Genealogie und Heraldik, w;e
auch für Familienkunde ein reges Interesse, sowohl dm Reiche,
als auch im deutschsprechenden Ausland, vorhanden ist. Die
ses Interesse macht sich auch heute noch bemerkbar, denn täg
lich erhalten wir schriftlich und persönlich Anfragen nach den
in der Auktion zurückgegangeneni Abteilungen der zwei großen
Sammlungen {iSiegelstöicke und .Wachssiegel) und es wurden seit
Beendigung der Auktion bereits wieder namhafte Verkäufe ge
tätigt. Die jetzigen Interessenten sind hauptsächlich Adelige,
welche in pietätvoller Weise die Stücke ihrer Vorfahren zu er
werben trachten. Aber auch Antiquitätenhändler mit entspre
chendem Kundenkreis nehmen die günstige Gelegenheit zum
Erwerb von schönen Petschaften und Originalsie.geln der Fa
milien ihrer Gegenden wahr, was ihnen umso leichter fällt, als
wir diese Sammlungen nach Ländern in kleinere Gruppen
unterteilt haben.
dritter und vierter Jeil
Der Bibliothek des im vorigen Jahre aus dem
Leben geschiedenen Frankfurter Sammlers Heinrich
S t i e b e 1, läßt nun Joseph Baer in Frankfurt
a. M, als dritten und vierten Teil die reichhaltige
Autographensammlung Stiebeis und den großen Rest
von dessen Francofurtensien folgen.
Unter den Autographen dominieren — wie
könnte es auch bei einer Alt-Frankfurter Sammlung
anders sein, die bis auf die Goethe-Zeit zurückreicht?
— Goethe und dessen Kreis. Vom Altmeister
finden wir neben prachtvollen Briefen an den Cam
merherrn von Einsiedel, Geh. Rat Voigt, Prof. Spren
gel, die Schauspielerin Friederike Unzelmann, spä
tere Bethmann, an C, F. W, Jacobs und anderen
Fragmente aus dem ,,F a u s t", zwei Strophen aus
dem ,,W estöstlichen Diva n“, mit einer un
bekannten Variante, das Gedicht „Haus Park“, das
ursprünglich „Die empfindsame Gärtnerin“ betitelt
. -' •- y 7; ■ ,
*_ ■■ 'L- V
v v ...
' , ;: T ‘. 9
Fig. 2. Unterzeichnung des Frankfurter Friedens von 1871.
war, einen noch unveröffentlichten Vierzeiler in
lateinischer Schrift (Die Schlinge habe ich Dir gelegt,
— Du bist hinein gegangen — Ich habe Dich nicht
aufgeregt — Und doch bist Du gefangen] und eine
Original-Federzeichnung aus Italien,
dem Stil nach eine römische Landschaft, vielleicht aus
den Albanerbergen bei Frascati.
Ein Rarissimum stellt die erste Fassung
der Trauer parte Goethes dar, die nicht
verwendet wurde. Das o in Wolfgang ist zu
der Sammlung Stiebei.
tief gestellt und in der fünften Zeile ist als
Todesursache „Stickfluss in Folge eines zurück
geworfenen Katarrhalfiebers“' angegeben, während
in der endgültigen Fassung, die in der Sammlung
auch vorhanden ist, das o richtiggestellt und als
Todesursache „Stickfluss infolge eines nervös ge
wordenen Katarrhalfiebers“ angeführt ist.
Aus dem Goethe-Kreis wären ein lateinisches
Stammbuchblatt von Goethes Urgroßvater mütter
licherseits, Christoph Heinrich Textor, ein Doku
ment von seinem Großvater, dem Bürgermeister und
Stadtschultheiß zu Frankfurt a. M., Johann Wolfgang
Textor, ein Kapitalbrief über ein Darlehen von
seinem Vater Johann Kaspar Goethe, Briefe von
Ottilie v. Goethe, Walther Wolfgang von Goethe,
Marianne von Willemer (der „Suleika“ Goethes]
herauszuheben.
Von anderen großen Frankfurtern erwähnen wir
Artur Schopenhauer und Ludwig Boeme,
Von Schopenhauer ist ein bisher ungedruckter Brief
an seine Schwester Adele vorhanden, was umso be
merkenswerter ist, als außer diesem uns noch e i n
Brief des Philosophen an seine Schwester bekannt
ist, die übrigen Briefe an Adele sind, wie die an die
Mutter, auf Geheiß Schopenhauers vernichtet wor
den. Von Boerne sind sehr interessante Briefe an
Jeannette Wohl da. Aus der ersten Zeit seiner Be
kanntschaft mit seiner Freundin stammt das „Dienst
buch für Gesinde, ausgestellt von Polizey-Amt der
freien Stadt Frankfurt, eigenhändig für sich selbst
als Diener bei Frau Jeannetle Wohl ausgefüllt von
Börne“, in dem Boerne in scherzhafter Form, aber
wohl in ernstem Gefühl sich ihr als ihr Freund ver
dingt. Das Dokument lautet: Bl. I, Polizey Amt der
freien Stadt Frankfurt. Dienstbuch. Dem Ludwig
Boerne von Frankfurt, gebürtig in Frankfurt, Standes
Dr, d. Phil. Religion Christi. Jahre alt: 32, mittlere
Statur, schwarze Haare, schwarze Augen und fri
schen Gesichts, wird hiermit die Erlaubnis ertheilt,
dahier in Mietdierist zu treten. Frankfurt a. M, den
13, November 1818, Bl, II. Trat in den Dienst wann?
15, Januar 1818. Bei wem? Frau Wohl. Auf wie
lange? auf ewig. In welcher Eigenschaft? Als Freund.
Trat aus wann? an seinem Sterbetage,
Den großen Frankfurtern ist auch Mayer Am-
schel Rothschild, der Begründer des Welthauses
beizuzählen, von dem sich ein Mietkontrakt in he
bräischer Schrift, Mahnbriefe, ein Circularschreiben