Internationale
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Zentralblatt für Sammler, Liebhaber und Kunstfreunde
Herausgeber: Norbert Ehrlich
22. Jahrgang Wien, 15. August 1930 Nr. 16
Die Sammlung Vollbehr.
Aus Washington wird, uns geschrieben:
Nun ist die Vollbehr sehe Sammlung
endlich Eigentum der Vereinigten Staaten. Der
Kongreß hat, ehe das von Dr. Vollbehr gestellte
Ultimatum ablief, die 1 V2 Millionen Dollar
bewilligt, um die der Besitzer sie dem Staate zu
überlassen geneigt war. So groß die Sammlung an
sich ist, erscheint sie doch angesichts der einzig
artigen Sammlung geringfügig, besonders wenn in
ihr noch „das kostbarste Buch der Christenheit“
enthalten ist, die dreibändige Pergament - Bibel
Gutenbergs, von der es nur noch dr ei Stück
gibt, und wenn dieses Stück obendrein noch das
besterhaltene von allen dreien ist; Die beiden an
dern sind in London und Paris.
Die Sammlung Vollbehr umfaßt nicht weniger als
3000 Bände. Es finden sich neben Missalen, Bre
vieren und patristischen Werken noch 55 Bibeln,
49 Werke über Astronomie, 51 über Naturwissen
schaften, über 50 rechtswissenschaftliche, 159 medi
zinische, 34 geographische und kosmographische
Werke, 22 Orientalia, hebräische Drucke nicht in
begriffen, ferner 20 von den bekannten 32 Werken
über die Entdeckung Amerikas, und endlich Bücher
über Schach, Kochkunst, Geschichte. Philosophie,
Heirat, Reisen, Mäßigkeit, Krieg und vieles andere.
Unter den 300 Klassikern finden sich die frühesten
Ausgaben von Apuleius, Cäsar, Cicero, Homer,
Horaz, Livius, Catullus, Aristophanes, Herodot,
Euripides, Plutarch, Seneca, Ovid, Aesop und Virgil,
wie der großen Humanisten Dante, Petrarca, Boc
caccio, Erasmus. Kurz, man müßte fast den ganzen
Katalog der alten Literatur bis zum Ende des
15. Jahrhunderts aufführen, wenn man den Inhalt
der Sammlung angeben wollte.
Neben Latein und Griechisch erscheinen
Deutsch (in 52 Drucken), Spanisch, Hebräisch,
Italienisch, Französisch, Slawonisch. Chinesisch;
von englisch geschriebenen Werken sind nur acht
vorhanden. Die Sammlung enthält 424 Erstaus
gaben; 450 Werke sind nicht einmal in der Biblio
graphie von Hain aufgeführt; 100 sind überhaupt
noch in keinem Katalog beschrieben, und 100
stammen aus den fünfzehn Jahren 1455 bis 1470.
Unter den Druckorten finden wir an deutschen
Städten Augsburg, Köln, Leipzig, Mainz, Nürnberg
und Straßburg, neben Antwerpen, Barcelona, Basel,
Brüssel, Florenz, London, Lyon, Mailand, Neapel,
Paris, Rom, Sevilla, Venedig und Wien; unter den
Druckern erscheinen die Kölner Ulrich Zell, der die
ersten lateinischen Klassiker gedruckt haben soll,
und Heinrich Quentell, Gutenberg, Fust und Schöffer;
die Straßburger Mentel, Eggestein und Rusch, die
A.ugsburger Zainer und Bämler und der Nürnberger
Anton Koberger.
Das Haupt- und Glanzstück der Vollbehrschen
Sammlung ist natürlich die Pergamentbibel,
die in diesen fast fünfhundert Jahren nur drei Be
sitzer gehabt hat; Fust, der sie an die Benediktiner
verkaufte, und Dr. Vollbehr, der sie im Jahre
1926 um die Summe von 305.000 Dollar von den
Benediktinern erwarb. Der Werl dieser Bibel wird
von den Sachverständigen verschieden geschätzt;
manche gehen bis auf eine Million Dollar. Im Jahre
1769 wurden für eine Pergamentbibel 400 Dollar
erzielt, 1817 nur 1192 Dollar, 1873 schon 16.190 Dol
lar und 1911 bei der Hoe-Auktion in London 50.000
Dollar, während Vollbehr fünfzehn Jahre später
305.000 Dollar anlegen mußte. In Zukunft wird
diese Bibel überhaupt um keinen Preis zu haben
sein, da weder die Pariser Nationalbibliothek, noch
das Britische Museum oder die Washingtoner Kon
greßbibliothek je daran denken werden, ihren
Schatz zu veräußern.
Trotz des unschätzbaren Wertes, den die Samm
lung darstelll, liest sich die Geschichte ihrer Erwer
bung durch den Kongreß doch recht eigenartig. Die
Sammlung war schon vor einigen Jahren in Amerika
gezeigt worden, vor allem auf dem Eucharistischen
Kongreß in Chikago, und die Gelehrtenwelt des
Landes war einig in ihrer Bewunderung der zusam
mengetragenen Schätze. Aber unter all den Millio
nären und Milliardären fand sich keiner, der die ver
langten drei Millionen anlegen wollte. Nur aus dem
Ausland kamen einige Angebote in dieser Höhe,
aber sie waren an die Bedingung geknüpft, daß die
Sammlung aufgelöst und einzeln verkauft werden
würde. Das konnte indes einem Sammler wie Voll
behr, der fast eine Lebensarbeit daran gesetzt hatte,
die Sammlung zusammenzubringen, wenig gefallen,
und so bot er sie um die Hälfte des Preises der
Kongreßbibliothek an, nur damit sie beisammen
blieb. Aber der Kongreß griff nur sehr zögernd zu,
da er bei einem Jahreshaushalt von mehr als vier
Milliarden Dollar die anderthalb Millionen scheute.
Erst als ausgiebige Verhöre von Sachkennern und
ganze Fluten von Zuschriften aus dem Lande über
den Kongreß hereinbrachen, die alle nicht nur den