Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Jahrgang 22 (1930) (16)

Seite  178

INTERNATIONALE  SAMMLER  -  ZEITUNG

Nr.  16

kulturellen  Wert  einer  solchen  Sammlung,  sondern
vor  allem  den  Ramschpreis  unterstrichen,  zu  dem  sie
erworben  werden  konnte,  entschlossen  sich  die  Vorsitzer ­
  der  Bibliotheksausschüsse  im  Hause  wie  im
.Senat,  die  Vorlage  an  die  beiden  Häuser  zu  bringen,
wo  sie  dann  im  Handumdrehen  angenommen  wurde.
Die  große  Rede,  die  der  Abgeordnete  Roß  A.  C  o  1  -
lins  am  7.-Februar  im  Hause  hielt,  die  Gutachten
der  Sachverständigen  bei  den  Verhören  und  die
drängenden  Kundgebungen  von  Bücherfreunden  und
von  Leuten,  die  um  den  guten  Ruf  ihres  Landes  besorgt ­
  waren,  bilden  ein  ehrenvolles  Gegenstück  zu
den  fast  als  komisch  anmutenden  Bedenken  der  Gesetzgeber, ­
  die  nicht  nur  vor  der  Forderung  für  „alte
Bücher“  und  für  „Raritäten“  zurückschreckten,  sondern ­
  sich  auch  davor  fürchteten,  daß  Onkel  Sam  ins
Kuriositätengeschäft  gehen  solle.  Der  Kongreß  habe
mit  solchen  Dingen  nichts  zu  tun;  sie  sollten  reichen
Privatleuten  Vorbehalten  bleiben,  die  ja  ihre  Sammlungen ­
  dem  Kongreß  als  Stiftungen  überlassen
könnten.  Da  aber  die  Mäzene  sich  nicht  finden
wollten  und  da  ferner  Dr.  Vollbehr  sein  hochherziges
Angebot  nur  bis  zum  Ende  der  gegenwärtigen  Tagung ­
  gelten  ließ,  so  mußte  der  Kongreß  wohl  oder
übel  die  Gelegenheit  beim  Schopf  ergreifen  und  das
gute  Geschäft  machen,  damit  er  nicht  wiederum  den
Vorwürfen  ausgesetzt  sei,  die  er  sich  wiederholt  zugezogen ­
  hat.
Seine  Unfähigkeit,  ein  Ding  zu  schätzen,  das
keine  Dollar  oder  keine  Wahlstimmen  einbringt,  hat

ihn  des  öftern  zu  einer  Knauserigkeit  verleidet,  die
sich  hinterher  als  recht  kostspielig  erwies.  Die
Bibliothek  Jeffersons,  des  dritten  Präsidenten
der  Republik,  wäre  beinahe  verlorengegangen,
wenn  es  den  Eiferern  nach  gegangen  wäre,  die  unter
den  7000  Bänden  verschiedene  fanden,  die  sie  „für
unmoralisch,  unanständig,  irreligiös  und  überhaupt
revolutionär“  ansahen.  Die  Tatsache  allein,  daß  die
Bücherei  in  Frankreich  zusammengestellt  worden
war  und  daß  sie  die  Grundsätze  eines  Mannes  widerspiegelte ­
  (Jefferson),  „der  unserrn  Land  größeren
Schaden  zugefügt  hat  als  irgend  ein  anderer,  mit
Ausnahme  Madisons“,  hätte  beinahe  genügt,  die
24.000  Dollar  abzulehnen,  die  für  diese  beste  Sammlung ­
  ihrer  Zeit  verlangt  worden  waren.  Die  Bücherei ­
  George  Washingtons  dagegen  wurde
nach  London  verkauft,  da  der  Kongreß  kein  Geld
dafür  übrig  hatte,  und  um  den  Verlust  abzuwenden,
taten  sich  siebzig  Bostoner  zusammen  und  erwarben
die  Bibliothek  für  das  Athenäum  in  Boston.
Sogar  die  Abschiedsadresse  Washingtons  ließ  sich
der  Kongreß  entgehen;  er  wollte  nur  1000  Dollar
geben,  während  die  Lenox-Bibliothek  in  New  York
sie  für  2300  Dollar  erwarb.  Die  große  H  a  r  11  e  ys
  c  h  e  Sammlung  von  Amerikana  ging  an  die
Leiter-Bibliothek  in  Washington,  und  den  größten
Schwabenstreich  machte  der  Kongreß,  als  er  die
Bücherei  George  B  a  n  c  r  o  f  t  s,  14.600  Bücher,
468  Manuskriptbände  und  4648  Broschüren,  an  die
Lenox-Bibliothek  verlor,  weil  ihm  75.000  Dollar  zu
hoch  erschienen.

Wie  JCeinrich  von
Die  Sammlung  Heinrich  von  Thyssens,  die
zur  Zeit  in  der  Pinakothek  in  München  ausgestellt ­
  ist,  wurde  von  uns  bereits  in  der  vorigen
Nummer  gewürdigt.  Es  wird  unsere  Leser  gewiß
interessieren,  zu  hören,  wie  diese  bedeutende  Privatsammlung ­
  entstanden  ist.
Im  Gespräch  mit  einem  Berichterstatter  des  S.  S.
äußerte  sich  Freiherr  von  Thyssen  darüber  wie
folgt:
„Schon  vor  25  Jahren  habe  ich  angefangen,  einzelne ­
  Bilder  zum  Schmuck  des  Schlosses  Rohoncz
zu  kaufen,  wobei  ich  mir  zum  Grundsatz  gemacht
habe,  nur  das  zu  erwerben,  was  mir  persönlich  gefällt. ­
  Ich  habe  meine  Käufe  stets  geheim  gehalten,
so  daß  nicht  einmal  meine  nächsten  Angehörigen  bis
vor  kurzem  davon  wußten.  Die  Allgemeinheit  erfuhr ­
  erst  jetzt,  anläßlich  der  Münchener  Ausstellung,
daß  ich  Sammler  bin,  und  die  eingeweihten  Kreise
—  Museumsleiter,  Sammler  und  große  Kunsthändler
—  wissen  es  erst  seit  ungefähr  fünf  Jahren,  obwohl
ich  damals  schon  zwei  Jahrzehnte  hindurch  im
stillen  gesammelt  habe.  Ueber  den  Umfang  und  die
einzelnen  Stücke  der  Sammlung  hatte  außer  mir
niemand  eine  genaue  Kenntnis.“
Als  Grund  für  diese  Geheimhaltung  seiner  Ankäufe ­
  bezeichnet  Baron  Thyssen,  daß  manches  bedeutende ­
  Stück  wahrscheinlich  nie  in  seine  Kollektion ­
  gekommen  wäre,  wenn  er  den  Ruf  eines  Sammlers ­
  gehabt  hätte,  und  daß  von  ihm  für  einzelne
Objekte,  die  er  zu  erwerben  beabsichtigte,  unerschwingliche ­
  Preise  gefordert  worden  wären.
Für  die  persönliche  Anteilnahme  des  Sammlers  ist
die  Methode  bezeichnend,  mit  der  er  bei  seinen  Erwerbungen ­
  vorging.  „Ich  verließ  mich  stets  auf  meinen
eigenen  Geschmack  und  habe  die  Käufe  ohne
wissenschaftlichen  Berater  persönlich

tfhyssen  sammelte.
gemacht,  was  natürlich  ein  Mehr  an  Zeit  und  Arbeit
kostete.  Wie  oft  geschah  es  zum  Beispiel,  daß  ich
irgendwo  ein  Meisterwerk  sah,  das  mir  gefiel,  dessen
Qualität  ich  aber  nur  so  beurteilen  konnte,  daß  ich
mich  auf  die  Bahn  setzte  und  mit  den  frischen  Impressionen ­
  des  Bildes  in  die  Münchener  Pinakothek
eilte,  um 1  dort  ein  anerkanntes  Werk  von  höchster
Qualität  des  betreffenden  Malers  zu  Vergleichszwecken ­
  zu  prüfen.  Erst,  wenn  ich  die  Ueberzeugung
  gewann,  daß  die  mir  angebotene  Arbeit  die
gleiche  oder  annähernd  gleiche  Qualität  wie  jenes
im  Museum  aufbewahrte  Bild  besitze,  entschloß  ich
mich  zum  Kauf.“
Als  in  den  Jahren  nach  dem  Krieg  die  Sammeltätigkeit ­
  Thyssens  eine  außerordentlich  verbreiterte
Basis  gewann,  konnte  naturgemäß  die  Initiative  und
die  persönliche  Blickweite  des  einzelnen  nicht  mehr
den  gesamten  kontinentalen  Kunstmarkt  mit  seinen
unzähligen  Verästelungen  übersehen.  „Allmählich
hatte  ich  eine  Organisation  ausgebaut,  die  für  mich
einen  regelmäßigen  Informationsdienst  über  bedeutende ­
  Bilder  auf  dem  europäischen  Markte  leistete.
V  i  e  r  u  n  d  z  w  a  n  z  i  g  verschiedene  Stellen  übten
diese  Kontrolle  aus  und  berichteten  mir  getreu  von
allen  Phasen  des  Kunstmarktes,  so  daß  ich  neben
meiner  beruflichen  Tätigkeit,  die  mir  das  beliebige
Herumreisen  nicht  gestattete,  stets  einen  Ueberblick
über  alle  wichtigen  Bilder,  die  augenblicklich  käuflich ­
  waren,  hatte.  Wurde  mir  zum  Beispiel  von
irgendwoher  ein  Tizian  angeboten,  so  hatte  ich
gleichzeitig  das  Vergleichsmaterial  mit  jenen  drei
oder  vier  anderen,  die  zu  gleicher  Zeit  in  Europa
zu  haben  waren,  so  daß  es  mir  nicht  schwer  fiel,
das  von  mir  für  richtig  erachtete  Bild  einer  genauen ­
  Prüfung  zu  unterziehen,  und  es,  wenn  es  ging,
zu  erwerben.  Seit  ungefähr  einem  Jahrzehnt  sandte
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.