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INTERNATIONALE SAMMLER - ZEITUNG
Nr. 3
später gab der lutherische Pfarrer aus Marienberg
im Erzgebirge, Johann Criginger, eine neue Land
karte Böhmens heraus, die gegenüber der Claudiani
schen Karte einen bedeutenden Fortschritt dar
stellte, da sie auf reicheren geographisch-topogra
phischen Kenntnissen beruht. Von dieser Karte
kannte man bisher nur eine Kopie, die der be
kannte Kartograph Abraham O r t e 1 i u s im Jahre
1570 seinem Atlas »Theatrum Orbis Terrarum« ein
gegliedert hatte. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat
man nun in Salzburg das Crigingersche Original
aufgefunden.
Die Karte war bisher der Identifizierung ent
gangen, weil sie am Rande zugeschnitten ist. Eine
Reihe von Indizien weist auf die Person des Graveurs
hin, der die Karte in Kupfer stach. Es scheint Wolf
Mayerpeck zu sein. Seine erwiesenen Beziehun
gen zu Crigingers »Sachsenkarte« wie auch der Um
stand, daß 0 er eine Zeitlang in Prag weilte, deuten
vieles an, was aber noch einwandfrei zu beweisen
sein wird. In die Salzburger Bibliothek kam die Karte
aus der Bibliothek des' ehemaligen Salzburger Erz
bischofs Wolf Dietrich, der, wie man weiß, mit
dem großen Astronomen und Mathematiker 1 y c h o
de B r a h e in freundschaftlichen Beziehungen stand
und von ihm auch eine ganze Reihe kosmographi-
scher Schriften erhalten hatte.
Jtalionische Semälde in ^Amerika.
Auf einer Reise durch Amerika hat der italieni
sche Kunsthistoriker Lionello V enturi aufge
zeichnet, was er an Malereien seines Heimatlandes
auffinden oder durch Photographien machweisen
konnte, und eine Auswahl von 438 Werken veröffent
licht er in einem pompösen Kodex, der in einer ein
maligen Auflage von 425 Exemplaren bei Ulrico
H o e p 1 i in Mailand erschienen ist.
Man wird in dem Werke kaum eine der älteren
europäischen Sammlungen finden, die nicht das eine
oder andere Stück an Amerika abgegeben hätte.
Von italienischen Sammlungen begegnen wir da der
Sammlung Kardinal Fesch (Florenz), Giustiniani-
Barbarigo (Padua), Giovanelli und Grimani (Vene
dig), Frizzoni (Bergamo), Crespi (Mailand), Sciarra,
Stroganoff, Colonna, Chigi (Rom), von französischen
Bönnat und Kann (Paris), von deutschen Weber,
Kaufmann, Huldschinsky, Simon (Berlin), Nemes (Mün
chen), Herzog von Anhalt-Dessau, Kaiser Friedrich-
Museum (Berlin), Wallraf Richartz-Museum (Köln)
etc, Oesterreich ist durch das Schloß Ambras in
Tirol vertreten.
Die Geschichte der Bilder ist romantisch. So be
sitzt das Museum in Detroit seit 1926 eine Ver
lobung der Hl. Katharina, die einst von Rumohi
Correggio zugeschrieben wurde. Sie befand sich 1627
in der Galerie Königs Karl I, von England. Dann
wurde sie 1783 von Papst Pius VII. bei seinem Wie
ner Besuch dem österreichischen Kanzler Fürst
Kaunitz geschenkt. Seit 1826 ging sie durch
mehrere Hände, um in der Sammlung Camillo Ca-
stiglioni in Wien wieder aufzutaacihien. Von der
Auktion Castiglioni nahm das kaum sehr bedeutende
Bild den Weg nach Amerika.
Lionello Venturi plaudert in der Einleitung über
die Sammler, die er drüben kennen lernte. Als er
das Museum Gardner in Boston betrat, fand
er sich mitten in Venedig. Fassaden von den goti
schen Palästen an den Kanälen umgeben den Hof.
Im Kreuzgang stehen Reste von romanischen und:
gotischen Architekturen aus Italien und Spanien
herum, überwachsen von Blumen, die sich in die
Farben der Marmorarten mischen. Säle um Säle er
füllt von Kunstgegenständen aller Länder und Zei
ten, die in überladener Unordnung an den Wänden
stehen und hängen und die Meisterwerke der Simone
Martini, Botticelli, Piero della Francesca, Rembrandt
und Vermeer fast erdrücken, Geschmack 1890 bis
1900 wie in Wien, Paris und London.
Ein blinder Sammler führte den Besucher zu
seinen kostbaren Werken und erklärte ihm wie ein
Sehender alle Einzelheiten und Schönheiten, wies
auf verwandte Bilder im Louvre oder in den Uffizien
hin und sprach so überzeugend, als ob er visionär
erkennen könnte, was seinen toten Augen verschlos
sen blieb. Ein anderer Liebhaber hat auf einem ein
samen Landhaus etwa 300 italienische. Primitive um
sich vereinigt, die er auf vielen Reisen bei kleinen
Händlern in kleinen Städtchen erworben hat, aus
Kenntnissen, die ihm eine reiche Bibliothek und
Photosammlung vermittelten.
In Chicago lebt ein Sammler, der Cezanne
so gut kennt wie Giovanni di Paolo, jedes Jahr zwei
Monate in Europa bummelt und kauft, seinen Besitz
aber öffentlich zugänglich macht und durch jährliche
kunstpädagogische Veranstaltungen zu kontrollieren
sucht, ob der Geschmack der Besucher Fortschritte
macht.
In Philadelphia sammelt ein Jünger Licht-
warks moderne Bilder von Cezanne, Renoir, Modi
gliani, Chirico und läßt durch einen Stab von Freun
den der Jugend die Schönheiten der Malerei erklä
ren. Fragen und Antworten hat er zu einem Buch
vereinigt, in dem er alle Pariser Theorien analysiert
und dem amerikanischen Verständnis auseinander
setzt. Im demokratischen Amerika dient das Mu
seum einem öffentlichen pädagogischen Zweck, nach
der Definition, die Museen sollen wissenschaftliche
Karthotheken mit Beispielen sein. Die drei großen
Universitäten Yale, Harvard und Princetown haben
alle eine kunsthistorische Fakultät, die mit Bildern.
Büchern, Photographien, Lehrern ohne Zahl und
Wahl ausgestellt sind. Um ein chinesisches Bild der
Tangdynastie oder ein Fresco des italienischen Due-
cento verstehen zu lernen, muß man es kopieren
können. Der praktische Kunstunterriehl ergänzt den
theoretisch-historischen. An der Harvard University
unterrichten 29, in New-York 18 Professoren die
Kunst aller Länder und aller Zeiten.
Daß in Amerika vorwiegend Primitive ge
sammelt werden, glaubt Venturi aus der Verwandt
schaft der mittelalterlichen Kunst mit der ostasiati
schen erklären zu können, die den Amerikanern
ebenso nahe liegt wie die europäische. Wesentlicher
ist, daß die meisten amerikanischen Privatsammlun-
gen in den letzten drei Jahrzehnten entstanden sind,
in denen der Kunsthandel aus den italienischen Re
staurationswerkstätten fast nur mehr mittelalterliche
Bilder auftreiben konnte, um der plötzlichen Nach
frage zu genügen, Siena hat Florenz im Interesse der
Sammler immer mehr verdrängt. Wirklich breitet
der Kodex ein Material an Altarfragmenten, Ma
donnen, Bildnisseji des 13. bis 15, Jahrhunderts vor
den erstaunten Augen des Betrachters aus, wie es
bisher noch durch keine Publikation bekannt ge
macht wurde, Ziemlich unvermittelt springt der
Katalog von Luini, Sodoma, Bronzino zu den Vene
zianern Tizian, Veronese, Tintoretto, Tiepolo über.
Kennt man in Amerika die Bolognesen und Neapo
litaner des 16, und 17. Jahrhunderts nicht? Kein
Reni, kein Guercino, kein Caravaggio findet sich in
dem Werk.