MAK
Internationale 
Sammier-Zeifuni, 
Zentralblatt für Sammler, Liebhaber und Kunstfreunde 
Herausgeber: Norbert Ehrlich 
24. Jahrgang Wien, 15. März 1932 Nr. 6 
Soethe als Sammler. 
Goethe hat vom Vater nicht nur die ,,Statur" und 
„des Lebens ernstes Führen", sondern wohl auch 
den Sinn fürs Sammeln geerbt. In „Dichtung und 
Wahrheit", wo wir eine Beschreibung der reich 
haltigen Bibliothek des Herrn Rats und .auch inter 
essante Mitteilungen über den Besitzstand des 
Hauses an Gemälden und anderen Kunstgegenstän 
den finden, spricht Goethe von der „gewissen Nei 
gung zum Altertümlichen", die sich schon bei dem 
Knaben zeigte und die „besonders durch alte Chro 
niken, Holzschnitte, wie z. B. den Grav'schen von 
der Belagerung von Frankfurt genährt und begün 
stigt wurde." Einen starken Antrieb erhielt die 
Sammellust Goethes durch den Nürnberger Kupfer 
stecher Johann Michael Stock, der den Sechzehn 
jährigen in Leipzig mit der Technik der Radiernadel 
vertraut machte. Radierungen mögen auch das Erste 
gewesen sein, das Goethe sammelte. Kupferstiche, 
Holzschnitte und. Handzeichnungen schlossen sich an. 
Bald gehörte Goethe zu den „Commitenten“ des 
„verpflichteten Universdtätsproklamators" J. Ä. 
Weigel in Leipzig, aus dessen Geschäft, später das 
heutige Haus C. G. Boerner hervorgegangen ist, und 
er rühmt des öfteren die „verhältnismäßigen Preise", 
die er für die einzelnen Blätter zahlte. 
Goethes Sekretär, Chr, Schuchardt, der 
lange Zeit auch das Amt eines Ordners und Beauf- 
sichtigers seiner Sammlungen bekleidete, hatte schon 
ein viertelbalbhlindert Seiten starkes beschriebenes 
Verzeichnis herausgegeben, das sich nur auf die der 
„zeichnenden Kunst" angehörigen Stücke beschränk 
te; über den ganzen Umfang der Graphiksammlung 
Goethes unterrichtet uns der Direktor des Goethe- 
Schiller-Archivs in Weimar, Professor Dr. Hans 
Wahl, der in einem kürzlich erschienenen, über 
aus lesenswerten Artikel („Um Goethes Sammler- 
und Forscher-Erbe", Velhagen & Klasings Monats 
hefte, März 1932) darüber schreibt: „Seine Samm 
lung von Handzeichnungen alter Meister und von 
kunstausübenden Zeitgenossen, die rund 2000 Blät 
ter umfaßt, die doppelt so große von Kupfer 
stichen, Holzschnitten, Radierungen alter Meister 
aller Schulen, ruht bisher ungesehen in den 
Schränken. Da sind unter den Stechern und Holz 
schneidern des 16. Jahrhunderts Aldegrever, Bekam, 
Altdorfer, Hirschvogel, als Größter mit mehr als 250 
Blättern Dürer vertreten und Schongauer in pracht 
vollen Abdrücken, die späteren Landschafter Beich, 
Bemmel und viele andere. Von den Italienern hatte 
Mantegna Goethes besonderes Interesse. Stiche nach 
den Carracci und den späteren Eklektikern, den 
Genuesern, nach Tizian und den ihm folgenden 
Venezianern und die fast vollständige Sammlung der 
Jacksonschen Farbenholzschnitte vermittelten ihm 
die Originalkunst einer ihm besonders lieben Epoche. 
Bai den Niederländern finden wir Rembran-dt ( , 
Ostlade, Ev er dingen, Genoels, Glaub er, Saftleben, 
Swanevelt, Waterloo und zahlreiche andere Land 
schaftsmaler, bei den Franzosen die Claude, Pous- 
sins u. a. 
Die höchste Freude bereiteten dem Sammler 
Goethe seine Handzeichnungen alter Mei 
ster. Hier hatte er das Glück, schöne Blätter von 
Albrecht Altdorfer und Hirschvogel, zweiunddreißig 
kleine Illustrationen zum. Alten Testament von Flöt- 
ner, eine Landschaft von Huber, ein Apostelblatt der 
Donauschule, vier kostbare Gouachen von Daniel 
Hopfer, fünfzehn Entwürfe von Glasgemälden von 
Lindtmayer und Stimmer, ein kulturhistorisch be 
deutendes Aquarell von Peter Vischer dem Jüngern 
und manches andere zu erwerben. Ausgezeichnet 
.sind aus späterer Zeit Elsheimer, Lingelbach, Hamil 
ton, Roos, Kilian, Rottenhammer, Rugendas ver 
treten, reicher naturgemäß die Zeitgenossen! Chodo- 
wiecki, Oeser, Fueßli, die beiden Kobell und die 
Zelt- und Heimgenossen Tischbein, Hackert, Kniep, 
Maler Müller, Bury, Kraus, Heinrich Meyer, aber 
auch Carstens, Cornelius, Pforr, C. D. Friedrich, 
Schinkel, Neureuther, Runge u. a. Frankreich ver 
tritt sich prachtvoll durch eine Tänzerin von Wat 
teau, durch gute Blätter von Boucher, Grenze, Pi- 
cart, Lafage, schöne Landschaften von Claude Lor- 
rain, den beiden Poussins, Baudouin u, a. 
« 
Holland bietet eine Anzahl vorzüglicher Zeich 
nungen von Rembrandt, Studien von van Dyck, Bois, 
Entwürfe von Jan de Wit und zahlreiche Landschaf 
ten von Breenbergh, Brill, Asselyn, Both, Poelen- 
burgh, Waterloo, Swanevelt, Saftlieben, ausgezeich 
nete Bloemaerts und viele andere, Arbeiten von 
mehr als hundert Künstlern. 
Bei den Italienern liegt der Schwerpunkt auf 
der späteren römischen Schule, namentlich bei den 
Bolognesern. Dem 15. Jahrhundert gehört nur ein 
Blatt an. Mit sechs Blättern ist Guercino vertreten, 
ihm folgen die Carracci, Guido Reni, Allori, Canta- 
rini, Giulio Romano, Giovanni da Udine, Pietro da 
Cortona, Polidoro, Zuccaro usw. Die „nebulistischen
	        
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