Internationale
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Zentralblatt für Sammler, Liebhaber und Kunstfreunde
Herausgeber: Norbert Ehrlich
26. Jahrgang Wien, 15. Februar 1934 Nr. 4
Nochmals der Codex Sinaiticus.
Die Firma M a g g s Bros, in London teilt
uns mit, daß sie den Verkauf des Codex Sinai
ticus an das Britische Museum vermittelt habe.
Die Firma weist mit Recht darauf hin, daß der Kauf
preis von 100,000 Pfund wohl der höchste Preis sei,
der je für eine Handschrift gezahlt wurde. Leider ist
in der Zuschrift nicht gesagt, ob die 100.000 Pfund
auch schon aufgebracht worden sind; nach unwider
sprochenen Meldungen aus London fehlt noch immer
der größte Teit der Kaufsumme. Der Appell an die
Opferwilligkeit der Nation hatte bisher so geringe
Wirkung, daß Dean Inge, einer der bekannten
Kirchenführer, den Vorschlag machte, der Sowjet
regierung im Austausch für die Handschrift Karl
Marx' Gebeine anzubieten, die im High Gate Fried
hof beigesetzt sind.
In diesem Zusammenhänge sei erwähnt, daß sich
der zur Zeit in Kairo befindliche Erzbischof
von Sinai telegraphisch an das Britische Museum
mit dem Ersuchen wandte, den Codex Sinaiticus dem
Katharinenkloster auf Sinai auszuliefern.
Der Erzbischof erklärt in dem Telegramm, der
Codex gehöre dem Kloster. Er habe sichere Beweise
in Händen, daß der Codex im Jahre 1844 aus dem
Kloster gestohlen worden sei. Seine Vorgän
ger hätten sich nach der Revolution alle Rechte
gegenüber der Räteregierung Vorbehalten. Der Erz
bischof deutete an, daß er eventuell mit einer Ent
schädigung rechne, falls das Britische Museum
eine Herausgabe der wertvollen Schrift verweigern
sollte.
De facto befand sich die Handschrift noch bis
zum Jahre 1862 im Besitze des Katharinenklosters
auf Sinai. Erst bei seinem dritten Besuche im Kloster
glückte es Konstantin von Tischendorf, die
Handschrift zu entdecken. Er hatte bereits zur Ab
reise gerüstet, als ihn der Ikonom in seine Zelle lud,
um ihm nach einem ermüdenden Spaziergang eine
Erfrischung anzubieten. Während der Gelehrte sich
labte, setzte der ihn begleitende Mönch das unter
wegs über die Hl, Schrift begonnene Gespräch fort,
wobei er erwähnte, er habe auch in seiner Zelle ein
Altes Testament in griechischer Sprache, das er ihm
zeigen wolle. Eingewickelt in ein rotes Tuch, breitete
er einen Stoß großer Pergamentblätter vor dem
Gaste aus. Dieser wollte seinen Augen nicht trauen.
Da waren sie, die seit vielen Jahren gesuchten 86
Blätter. Aber nicht nur sie, noch viele andere Kost
barkeiten lagen da vor ihm. Ja, da lag vor ihm —
er glaubte, zu träumen — das, was das höchste Ziel
seiner Sehnsucht gewesen war, das ganze Neue Te
stament vom Evangelium des Matthäus bis zur Offen
barung des Johannes! — Und auch der seit Jahrhun
derten verschollene Brief des Barnabas! Und „Der
Hirte“ des Hermas, die zweite verschollene Schrift,
die vor der Mitte des vierten Jahrhunderts in vielen
Christengemeinden zum Neuen Testament gehört
hatte! —-
Tischendorf erbat sich die Erlaubnis, die uralte
Handschrift diplomatisch genau zu kopieren, die ver
möge ihrer Lückenlosigkeit die berühmtesten, selbst
den Codex Vaticanus, die wertvollste der bisher be
kannten Handschriften, übertraf. Zwei Monate arbei
tete er mit zwei zuverlässigen deutschen Gehilfen an
der Abschrift der 110.000 Zeilen, die auf den 346
Pergamentblättern der Sinaibibel stehen. Im Juni
1860 begonnen, war der Druck der drei Foliobände
mit 22 Büchern des Alten und 29 des Neuen Testa
mentes, einschließlich des Barnabas- und Hermas-
Briefes, nach Ostern 1862 beendet. Der vierte Band
des Werkes, enthaltend die wissenschaftliche Ein
leitung und 15,000 Erläuterungen, folgte bald nach.
Das erste Blatt des gedruckten Werkes, das
Tischendorf persönlich dem russischen Kaiserpaar
überreichte, trägt eine Widmung an dasselbe, worin
es unter anderem heißt: „Es gibt keine Urkunde
dieser Art, die für ihren uralten Adel gültigere Be
weise aufzuweisen hätte. Aus dem höchsten christ
lichen Altertum, treten ehrwürdige Väter des Mor
gen- und Abendlandes als Zeugen dafür auf, daß der
Kirche ihres Zeitalters das Wort Gottes in ganz ähn
lichen Urkunden vor Augen gelegen hat. So hat denn
diese christliche Reliquie aus der Zeit der ersten
christlichen Kaiser wie ein verborgenes Heiligtum
am Fuße jenes Berges geruht, auf dessen Gipfel einst
Moses die Herrlichkeit Gottes geschaut und die Ge
setzestafeln aus Gottes Hand empfangen hat. Aber
nach vielhundertjähriger Verborgenheit war sie dazu
ausersehen, in die Hand Eurer Majestät gelegt zu
werden, um mit ihrer beredten Botschaft alter hei
liger Wahrheit der gesamten christlichen Welt ge
schenkt zu werden.“