Tnfemafionafe
Zentralblatt für Sammler, Liebhaber und Kunstfreunde
Herausgeber: Norbert Ehrlich
26. Jahrgang Wien, 15. März 1934
Nr. 6
12,000 Streichholzschachteln.
Von H. W. May (München.)
Eine höchst eigenartige Sammlung besitzt der i
englische Major Pat ä Beckett, ein Freund und l
Kriegsgenosse Lord. Kitcheners. Major Beckett
sammelt — Streichholzschachteln, das
beißt nicht eigentlich diese selbst, so interessant
nach Holz und Faltung auch diese sein mögen, son
dern die daraufgeklebten bedruckten Zettel.
Major Becketts Sammlung enthält heute 12.000
verschiedene Stücke und er berichtet darüber in
den englischen Sammlerzeitungen, wie zum Beisniel
in »The Bazaar Exchange ond Mart« mit allem Ernst
und allem Stolz des echten Sammlers und Lieb
habers. Und England sammelt Streichholzzettel,
matchbox labels, vom Schuljungen bis zum Lord . . .
Ein englischer »Spleen«? Sicher nicht, denn
Major Beckett besitzt einen königlichen Sammler
genossen in dem Exkönig Alfons von Spanien, wenn
auch dessen Sammlung jüngeren Datums ist und bei
weitem noch nicht die Bedeutung der Beckett'schen
Sammlung erreicht hat.
Das Streichholz hat nämlich auch seine Ge
schichte und diese Geschichte belegt Major Beckett
mit seinen Sammlungschätzen. Es sind heute rund
drei Menschenalter vergangen, seit ein Gefangener
der Feste Hohenasperg in Württembergs der poli
tische Umstürzler Johann Friedrich Kämmerer,
das Streichholz, richtiger gesagt, das Phosphorzünd-
hclz mit Schwefel erfand, das dann bis zum Inkraft
treten der Phosphorverbote in den einzelnen Län
dern unverändert in Form und Zusammensetzung in
Gebrauch blieb, trotzdem schon um 1845 herum der
Frankfurter Professor Dr. Böttcher das soge
nannte (giftstoffreie) Sicherheitszündholz erfand.
Major Beckett scheint darum nicht zu wissen
und auch noch nicht erfahren zu haben, daß das
Streichholz eine deutsche Erfindung ist. Auch
scheint er die frühen deutschen Streichholzzettel
nicht zu kennen, wie er ja überhaupt den Namen
Deutschland in seinen Berichten sorgsam vermeidet.
Gleichermassen verfährt Beckett mit der Schweiz
und selbst Oesterreich wird kaum erwähnt. Viel
leicht ist er, wie viele, dem Irrtum verfallen, das
Streichholz sei eine schwedische Erfindung, weil
zum mindesten die Böttcher'schen Hölzer zunächst
fast ausschließlich in Schweden hergestellt wurden.
Auch unsere Großeltern nannten die Streichhölzer
i ja meist noch »Schwedenhölzer«, »Schwedische
' Zündhölzer«, oder kurzweg »Schweden«.
Daß der Hauptsitz der Streichholzindustrie bis
auf unsere Tage und auf den grandiosen Konzernspe
kulanten K r e u g e r herab in Schweden lag, hat
seine Ursache darin, daß man zunächst als Holz
material fast ausschließlich Aspenholz (Zitterpappel,
populus tremulus) verarbeitete, ein Holz, das in
Deutschland, Oesterreich und der Schweiz sehr sel
ten vorkommt. Die Forstwirtschaften dieser Länder
haben es bislang unterlassen, dieses Holz anzuforsten,
trotzdem es bei sehr raschem Wachstum und verhält
nismäßig sehr hohem Preise nutzbringend ist. Das
rächte sich zum Beispiel während des Krieges sehr
in Deutschland und Oesterreich und auch heute noch
gehen von allen Ländern, die den Anbau versäumt
haben, jährlich hohe Summen für den Bezug dieses
Holzes ins Ausland. Aber selbst Schweden bezog
dieses poröse, zum Paraffinieren so gut geeignete
Holz hauptsächlich aus Rußland, so daß es nicht
weiter verwunderlich ist, wenn die Sowjetrepubli
ken heute das Holz, das sie bisher in Form von
Holzdraht als Halbprodukt lieferten, nunmehr ganz
verarbeiten und exportieren.
Anfangs kosteten die Streichhölzer, 1000 Stück,
etwa 4—5 Taler, waren also ein Luxusartikel, so
daß es nicht weiter wundernehmen kann, wenn ihre
damaligen Verpackungen ebenfals von größerer
Sorgfalt und Ausstattung waren als die heutigen,
Beckett besitzt wohl einige solcher früheren Pak-
kungen. Auch sie tragen die Aufschriften; »Paraffin
Match«, »Non poissonous«, »Average Number of
Matches 45 (50)«, »50 Streichhölzer« u. a. Nach
Schweden trat dann auch Deutschland als Erzeuger
hervor und erreichte 1901 einen Produktionshöhe
punkt von 205.400 Millionen Stück. Die Zünd
warensteuer 1909 hatte dann einen unglaublichen
Niedergang der deutschen Industrie zur Folge mit
dem Tiefstand 1909; 59,302 Millionen Stück, ein Be
weis dafür, wie falsche Steuerpolitik eine Industrie
zu vernichten imstande ist. 1913 waren es dann wie
der 86.336 Millionen versteuerte Hölzer, neben
denen 250.5 Millionen Importhölzer standen.
Als Produktionsländer sind bei Beckett ver
treten; England, Schweden, Norwegen, Japan (mit
besonders farbfrohen und schönen Packungen, dar-