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INTERNATIONALE SAMMLER-ZEITUNG
Nr. 10
lerischer Wert allerdings ist in den seltensten Fällen
bedeutend. Doch ist, wie bei den Amulettringen ihr
Sammlerwert ein unverhältnismäßig bedeutender.
Zahlreicher noch, dem Vorkommen nach aber
meist ihrer wahren Bedeutung nach gewürdigt, sind
die Amulette des 16. und 17. Jahrhunderts.
Es sind in Metall gefaßte oder auch nur mit
Oesen versehene Gegenstände unendlich mannigfa
cher Art. Als Fassungsmaterial kommt - aus ma
gischen Gründen meistens Blei und Silber vor,
andere Metalle sind außer Zinn (selten!) nicht ver
wendet. Die betreffenden Gegenstände sind vornehm
lich: Maulwurfpfötchen, Meerbohnen, Krebsaugen,
Muskatnüsse (sehr häufig!), Bergkristalle, Karneol,
Lazur-, Kröten- und Bezoarsteine, Nephrit und Wolfs
hauer.
Die Maulwurfspfötchen, die das Zusammenschar
ren so trefflich verstehen, sollen Reichtum bringen,
aber auch den Besitz erhalten und in diesem Sinne
ist ihre medizinische Verwendung gegen Kräftezer
fall, Auszehrung und andere körperliche Substanz be
einträchtigende Erkrankungen. (Vorkommen vor
nehmlich Mitteldeutschland.)
Die Meerbohne, der Deckel der Mondschnecke,
erinnert seiner Form nach an den menschlichen Nabel
und nach der berüchtigten Lehre von den'Signaturen,
nach der die Natur in der Form ihrer Schöpfungen
anzeigen soll, zu welchen Heilzwecken sie gebraucht
werden können, sollen sie gegen Bauchgrimmen, Na
belbrüchen, Unterleibskrebsen usw. helfen. (Nord
deutscher Bezirk.)
Die Krebsaugen, jene kleinen Kalkscheibchen,
welche bei der Häutung und Neubildung der Krebse
ihre natürliche Aufgabe haben, beweisen nach der
gleichen Signaturenlehre’,’* daß *"sfg geradewegs zur
Heilung aller Augenleiden geschaffen sind und wer
den als solche amulettisch verwertet. (Mittel- und
Nordeuropa.)
Ein häufiges Pestamulett ist die Muskatnuß. Ihr
spezifischer Geruch mag den Glauben erweckt haben,
daß sie vor Pest und Seuchen aller Art schütze, zu
mal die Geruchsstof ftherapie gegen Pest- und Seu
chenerkrankungen ja eine allverbreitete war. Die oft
wirklich reich und seltsam gefaßte Muskatnuß ist
daher ein über die ganze europäische und orientali
sche Welt verbreitetes Amulett. Bei ihr allein kenne
ich Fassungsformen reiner Schmuckgebrauchsform
und sie allein von allen Amuletten ist mir bisher in
Goldfassung und Edelsteinverzierung bekannt gewor
den, ein Beweis, daß sie zum Schmuck diente, wie
z. B. die Bisamkugel, in der sie oft genug verwahrt
worden sein mag.
Insbesondere im Osten Deutschlands, auf dem
Balkan und in Rußland tritt uns der blei- oder silber
gefaßte rechte äußere Eckzahn des Wolfes entgegen,
der den Kindern das Zahnen und wohl auch den Er
wachsenen das Zahnverlieren erleichtern sollte. Auch
hier scheint die Signaturenlehre ihr Wort gesprochen
zu haben. Auch in den zentraler gelegenen deutschen
Waldgebieten, wie im deutschen, österreichischen und
tirolisch-italienischen Alpengebiet finden wir das
Wolfszahnamulett vor, an diesen Stellen aber nur
vereinzelt gegen die in gleichem Sinne angewendete
Veilchenwurzel, die der Volksmedizin seit alters an
gehört und nicht auf Grund der Signaturenlehre eru
iert wurde. An deren Stelle tritt in der fränkischen
und sächsischen Schweiz ein Belemnit, ein stark bi
tuminöser Petrefakt einer vorweltlichen Tintenfisch
art, der außerdem auch gegen Blitzschlag und dessen
Folgen Schutz gewähren sollten. (Signaturenlehre!)
Sehr schöne und interessante, gefaßte Wolfszähne
enthält z. B. die Amulettsammlung des Germanischen
Nationalmuseums in Nürnberg.
Die Edelsteinmagie ist uralt, hat jedoch in
Deutschland nie die überragende Stelle eingenommen,
wie bei den Völkern der edelsteinreichen Orientlän-
länder. Immerhin treffen wir besonders in den Ge
bieten, hauptsächlich der mittelalterlichen Reichsstädte
und Handelsplätze, zahlreiche Edel- und Halbedel
steinamulette an. So besonders oft den Nephrit oder
grünen Japsis in mancherlei Fassungsformen, teils
ausgesprochenen Schmuckcharakters, so getragen, wie
z. B. heute die aus astrologischen Gründen wieder
modernen Monatssteine. Damals hatten sie ausge
sprochenen Amulettsinn.
So wurde insbesondere der Nephrit-grüner Japsis
von Frauen am Halse oder Oberschenkel getragen,
als sicheres Amulett zur Erlangung einer leichten
glücklichen und anstandslosen Geburt. Meist wird
der Stein in herzförmiger Gestalt getragen und spielt
gleichzeitig als Liebeszauber des Mittelalters seine
gewisse Rolle.
Der Bergkristall endlich in allen Formen und Fas
sungen vorkommend, fand gegen Augengeschwüre,
Augenschwäche, Drüsengeschwüren und Geschwül
sten, Skrofeln, Kropf-, Herz-, Magen- und Leber
schmerzen Anwendung. Nicht zu den Amuletten zu
zählen sind aber die auffallend großen Kristallstücke.
Diese dienten vielmehr der Kristallomantie, der Wahr
sagung aus dem Kristall, die ja heute noch verbreitet
ist. Solche Stücke im Germanischen Nationalmuseum
in Nürnberg, im Louvre, der sie bezeichnenderweise
in der Reihe der magischen Spiegel verwahrt und in
der ehemaligen -Sammlung -Schrenk-Notzing.
Als amulettische Zeichen auf allen nur erdenk
lichen Gebrauchsgegenständen, Schmuckformen und
Kleidungsstücken vorkommend, zuweilen, beson
ders im Barock kaschiert - gelten die Pentagram-
mata, der Fünfwinkel, der Drudenfuß und die ver
schiedenen Triangelkonstruktionen.
Sie fanden auch in der sogenahnten Passauer
Kunst Verwendung, sind in gleichem Sinne der Hieb-
und Stichfestmachung besonders auf Waffen des 30-
jährigen Krieges oft mehr oder minder versteckt
angebracht, zu finden, und wurden sicher auch häu
fig auf Papier- und Pergamentstreifen geschrieben.,
in metallenen Hülsen verwahrt, getragen. Einige
Hülsen in verschiedenen Museen, die mit Oesen zur
Anbringung des Tragbändchens versehen sind, ohne
daß man sich über ihren Zweck und ihre Verwen
dung im klaren wäre, sind wohl hieher zu rechnen.
Gleicherweise Verwendung fand das Wort Abra
kadabra und dessen Verschleißformen Abraculata,
Abraxabra usw., das schon Screnius Samonicus 200
n. Chr. als Amulettwort erwähnt, und das gegen
Wechsel-, Sumpf-, und Faulfieber schützen sollte. Es
gibt Bleitäfelchen, auf denen das Wort, jeweils unter
Weglassung eines : Buchstabens pyramidenförmig auf-
geschrieben steht.
Aus dem Orient nach Rom gekommen mit der
Einführung der orientalischen Kulte, nach Europa
ein zweites Mal durch die Kreuzritter verpflanzt und
doch nie recht heimisch geworden sind die Augen
amulette verschiedener Form und Aufmachung, die,
später als Auge Gottes gedeutet, das über den Träger
wachen sollte, zunächst, wie schon im ältesten Aegyp
ten, den Träger gegen die Folgen des ..bösen Blickes“
(mal aggie) zu schützen hatte.
(Schluß in der nächsten Nummer.)