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MAK

Full text : Jahrgang 1 (1898) (Heft 1)

UFER  SACRUM.

haars  und  Vollbarts  wie  Schnee  auf  einem  uralten  Gipfel
ums  Frühroth.  Sein  Kopf  ist  ohnehin  das  Hellste  im  ganzen
Zimmer;  es  ist  augenscheinlich  nicht  finster  darin.  Lächelnd
deutet  er  auf  ein  altvaterisches  Bildchen  an  der  Wand:
eine  Mutter  mit  ihrem  Kindchen  auf  dem  Arm.  Ganz
silberblond  gelockt  ist  der  Junge  und  hat  ganz  hellblaue
Augen,  und  mit  dem  einen  blossen  Ärmchen  greift  er
begehrlich  in  die  Luft;  vermuthlich  will  er  die  Sonne  vom
Himmel  haben.  „Sie  werden  mich  nicht  erkennen,  ich  hab'
mich  seitdem  sehr  verändert“,  sagt  der  alte  Herr.  Das  ist
nämlich  seine  Mutter,  mit  ihm  selber,  vor  84  Jahren  gemalt. ­
  Aber  das  Blau  in  den  Augen  des  Urgreises  ist  noch
jetzt  das  nämliche.  Und  wenn  er  so  über  den  Rand  der
Brillengläser  weg  hin  in  die  Ferne  schaut,  sieht  er  heute
noch  besser  als  damals.  Jetzt  gehört  die  Ferne  ihm;  man
weiss  ja,  wie  er  über  das  breite  Gasteiner  Thal  hinweg
die  jenseitige  Wand  gemalt  hat,  Zug  für  Zug,  dass  man
jedes  Blatt  an  seinem  Zweige  zu  vermerken  meint  und
jedes  Brockel  Gestein  mit  seinem  privaten  Leben  von  Licht
und  Schatten.  Er  ist  einer  jener  begnadeten  Landschafter,
die  das  „Gewurl“  der  lebendigen  Natur  spüren  und  spüren
lassen,  selbst  wo  sie  im  grossen  herumzufahren  scheinen.
Man  denkt  an  etwas,  wie  an  einen  Adolf  Menzel  der
Landschaft.'-^' J, ^ s ^ s ^ :, ^^ B ' J> ^ !> ^ > '^' iKi! ^ i> ' i> ^ > ' i> ^ i> ^ B ' J> ^’' J> ^’
Etwas  Landschaft  hat  er  sich  übrigens  auch  in  seine
Malstube  mitgenommen.  In  dem  grossen  Fenster  links
neben  seinem  Arbeitstisch  stehen  bunte  Blumen.  Über
sein  Reissbrett  beugen  sich  die  handbreiten  gefingerten
Blätter  eines  wohlbeleibten  Kübelgewächses.  „Ein  Phyllodendron“,
  sage  ich,  sehr  botanisch,  und  er  erwidert  sofort,
als  läge  Kalau  dicht  bei  Wien:  „Ja,  's  is  nit  vüll  an  den
dran“.  Wenn  er  von  der  Arbeit  aufblickt,  schaut  er  in
ein  grosses  Vogelhaus,  das  einst  Herbeck  gehört  hat.  Ein
halb  Dutzend  Singvögel  hausen  darin  unter  immergrünen
Tannenzweigen.  Und  horch!  Kuckucksruf  rechts  und
Kuckucksruf  links,  wie  im  grünen  Wald.  Der  alte  Herr
hat  nicht  weniger  als  drei  Kuckucksuhren  in  seiner  Stube;
die  eine  ist  leider  schon  stumm  vor  Alter.  Alles  ist  alt
da.  Den  schweren  dunklen  Schrank  hat  er  anno  1848  in
Hallstatt  als  Alterthum  gekauft.  Ein  Porträt  seines  Vaters
ist  auch  nicht  von  heuer;  sein  Bruder  hat  es  gemalt.  Die
Veduten  von  seiner  Hand  sind  gleichfalls  aus  früheren
Epochen.  Der  Titusbogen  zum  Beispiel,  vom  Jahre  1835,
als  das  Forum  Romanum  noch  nicht  aus-  und  abgegraben
war,  wie  heute.  „Da  war's  noch  schön,  alle  die  Schutthügel ­
  mit  grünem  Gras  und  weidende  Büffel  drauf.“  Und
hier  das  Rathhaus,  das  Brüsseler  nämlich,  das  auch  „so
einen“  Thurm  hat,  nur  dass  man  unter  dem  Thurm  durch
das  Hauptthor  vierspännig  durchfahren  kann.  In  einer  hausgrossen ­
  Mappe  liegen  ganze  Stösse  von  Blättern  aus  verschiedener ­
  Zeit;  ganz  merkwürdig  manche.  Eine  Sonnenfinsternis ­
  vom  8.  Juli  1842,  bei  der  Türkenschanze  aufgenommen, ­
  in  Öl;  gelt,  das  ist  alter  Alt?  Nun,  da  ist

noch  älterer.  Felsen  mit  Pflanzen  wuchs  in  der  Sonne,  von
Capri,  aus  dem  Jahre  1835.  Und  ein  Waldinneres  von
spriessender  Üppigkeit,  ein  Märchenwald  ohne  Märchen;
Schwind,  aber  nicht  stilisiert.  Einige  Colosseen  von  jener
ersten  Romfahrt;  jeder  Fensterbogen  daran  rahmt  ein
anderes  und  immer  anderes  Bild  ein.  Ein  Salzburg  von
lauter  seither  demolierten  Sachen.  Ein  Orvieto,  mit  einer
ganz  grossartigen  Berglehne  dahinter.  Ein  grosses  Siena,
mit  weitem  Blick  hinaus  über  Terrains  und  wieder  Terrains,
auf  denen  erst  breite  Schatten  liegen  und  dann  hinten  die
helle  toskanische  Sonne.  Und  ein  Venedig,  noch  mit
österreichischen  Uniformen:  1864.  Und  so  fort.  .
Ich  frage  ihn,  wie  viele  Stephanskirchen  er  in  seinem
Leben  gemacht  habe.  Ja,  wer  davon  eine  Ahnung  hätte!
Er  hat  überhaupt  immer  unnumeriert  gemalt.  So  manches,
was  er  nach  Jahren  wiedersieht,  erkennt  er  kaum  mehr.
Stephanskirchen  ?  Er  weiss  nur,  dass  er  die  erste  anno  1831
malte;  eines  seiner  ersten  Ölbilder.  Sie  hängt  in  der  kaiserlichen ­
  Sammlung.  Und  dann  weiss  er,  dass  er  sie  immer
wieder  nach  der  Natur  gemalt  hat;  „das  gibt  Animo,  da
gibt’s  Stimmungen“.  In  dem  grossen  Leinwandhause,  dem
Thurm  gegenüber,  im  ersten  Stock,  vom  Fenster  aus,  da
war's  ihm  diese  Jahre  her  am  bequemsten;  „dort  arbeiten
die  Mädel“,  das  gibt  beim  Malen  ein  Gezwitscher,  wie  im
grossen  Vogelhaus  daheim,  bei  seinem  Maltisch.  Es  ist  hübscher, ­
  als  am  Fenster  eines  Kaffeehauses  oder  Wirtshauses.
„Schad',  dass  man  das  Lazansky-Haus  demoliert  hat;  das
hat  sich  halt  noch  gruppiert.“  Ich  frage  ihn,  an  welchem
Punkt  des  Blattes  er  zu  arbeiten  beginnt.  „Na,  wo's  mich
reizt“,  sagt  er.  Je  mehr  Detail,  desto  besser;  er  macht  das
spielend;  „aber  nicht  Tarok  spielend“,  fügt  er  hinzu.  Das
hab’  ich  mir  ohnehin  gedacht....  Solche  Interieurs,  wie  das
bei  Skoda,  hat  er  über  dreihundert  gemacht;  die  brachten
ihn  eigentlich  auf's  Aquarellmalen.  O,  es  war  manches  interessante ­
  darunter.  Er  erinnert  sich  noch,  wie  er  anno
Staatsstreich  das  des  alten  Staatskanzlers  Metternich  malte,
mit  ihm  und  seiner  ganzen  Familie;  der  Fürst  sass  mit  der
Zeitung  und  las  gerade  die  Pariser  Nachrichten  und  schalt
nicht  wenig  auf  die  „Schlechtigkeit“  dieses  Louis  Napoleon ­
  ...  So  steigen  alte  und  ältere  Zeiten  in  der  Erinnerung
auf,  bis  in  die  grüne  Jugend  zurück.  Ich  frage  ihn  nach  jenen
gewissen  miniaturfeinen  Bleistift-Veduten  aus  Wien.  „Ja,
das  war  der  Kunsthändler  Heinrich  Friedrich  Müller  am
Graben;  sechs  Gulden  hat  er  mir  per  Stück  gezahlt.“  Ich
frage  ihn  nach  den  Guckkastenbildern  für  den  Kaiser  Ferdinand. ­
  Ja,  da  kommen  allerlei  Altwiener  Sachen  heraus.
Eigentlich  war  es  der  alte  Van  der  Nüll,  der  Kaufmann  bei
den  „Drei  Laufern“,  Vater  des  späteren  Architekten,  der
sich  einen  solchen  Guckkasten  machen  liess.  Das  heisst,
eigentlich  war  es  gar  kein  Guckkasten,  sondern  man  stellte
einen  Spiegel  vor  das  Bild,  einen  Hohlspiegel,  und  sah  das
Bild  in  diesem  an;  insofern  war  allerdings  etwas  Gucken
dabei.  Und  der  Maler  Gurk  malte  dem  Van  der  Nüll  die
Buchschmuck  für
V.  S  gez.  v.  Kolo
Moser.

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