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MAK

Full text : Jahrgang 1 (1898) (Heft 10)

VER  SACRUM.

Bild  der  Zeit  und  der  Nation  gaben.  Auch  zeichnete  sich
jede  der  vergangenen  Kunstepochen  dadurch  aus,  dass  sie
gänzlich*Neues  v ^ngenen  Epochen  etwas
gänzlich  Neues,  Unvergleichliches  zutage  förderte.  Diese
ne , ue  f ^ unst  einer  Zeit  des  „Fortschrittes“  hingegen  erschöpfte: ­
  sich  m  der  Nachahmung  und  Verwertung  des
Alten,  des  Überkommenen.  Nicht  das  wirkliche  Leben
diente  ihr  zum  Vorbilde,  aber  auch  nicht  ihre  eigenen
Traume  und  Phantasien  wagten  die  Künstler  rückhaltlos
arbeitet  k S1C ^| S  ° S  T  ^^lauung  2«  bringen,  sondern  sie
arbeiteten  alle  nach  berühmten  Mustern  und  nach  den
Kegeln,  die  man  aus  diesen
abgeleitet  hatte.  Die  künstlerische ­
  Praxis  wurde  von
der  Theorie  beherrscht,
und  mehr  als  ein  bedeutendes ­
  Talent  hat  ihr  das
grausame  Opfer  der  Individualität ­
  gebracht.  Minder ­
  starke  Individualitäten,
denen  es  von  vornhinein
an  Kraft  und  Willen  zur
Schöpfung  eines  persönlichen ­
  Stiles  gebrach,haben
durch  die  sichere  Beherrschung ­
  und  bewusste  Anwendung ­
  der  „besten  Regeln“ ­
  vorübergehende  Bedeutung
  erlangt.  „Correcte“  Zeichnung,  „Symmetrie“  und
„Khythmus  in  der  Composition,  „Harmonie“  in  der
f  ^engebvng  -  solche  und  ähnliche  Begriffe  waren  genau
festgestellt,  für  jeden  Begriff  gab  es  ein  oder  mehrere  classische
  Beispiele,  und  die  glückliche  Aneignung  desjenigen,
was  sich  einem  solchen  Beispiele  überhaupt  abgucken  und
nachbilden  Hess,  das  war  das  Höchste,  was  man  in  Akademien
  und  Malerschulen  lernen  konnte.  Für  die  „Correct-.
  7r r  Zeil =hnung  aber  waren  eben  nur  die  Beispiele,
nicht  die  Natur  massgebend;  „Symmetrie“  und  „Rhythmus ­
  war  aus  berühmten  Gemälden,  nicht  aus  denzufälligcn
  Gruppierungen  des  Alltags  zu  entnehmen;  die  „Har-,
  ° me  J f er  Farbengebung  war  etwas  abstract  Erklügeltes
Wl  Ikürlich  Vorgeschriebenes,  das  mit  dem  wunderen
  Leben  natürlicher  Farbenerscheinungen  nur  den
amen  gemein  hatte.  Sonst  hätte  es  ja  nicht  geschehen
onnen  dass  der  grosse  Farbenzauberer  Böcklin,  in  dessen
„mythologischen  Landschaften“  sich  die  liebevollste  Naturi
 n?  mit  dner  urs p™nglichen  Schöpferkraft  ver-Tb
  ’  S0 l an ? e  unverstanden  blieb  und  dass  die  Werke  eines
Zeit™?’  Cr  * e ~ 2 *, a ^ eme ‘ ne  Verehrung  geniesst,  geraume
-  a  s  “Unmöglich“  von  den  Kunstausstellungen  a  priori
die  IÜi C -i  ° S ! en  waren.  An  solchen  Fällen  erwies  sich,  wie
vewn  4°  eraer  a  f ßn  Geister  zu  pedantischen  Schulmeistern
r  en  waren,  die  die  „freie“  Kunst  zur  starren  Disciplin

erniedrigten.DenwirklichenMenschen  konnten  diese  Schulherrichtefe*
  * ls ." Mode11 “  ^rauchen,  das  sie  stellten  und
schTÄr  CS  ZU / C j  Re ff In  passte *  So ^r  die  landschatthehe
  Natur  wurde  daraufhin  geprüft,  ob  sie  male
risch“  sei  oder  nicht.  Dass  der  Malef  Tmstande  £  tden
unscheinbarsten  Winkeln  der  Erde  Schätze  von  Poesie  und
Sr iS fn  Sd T h t e ' t c U  heben '  dasw ^r  damals  noch  unbekannt. ­
  Damals  glaubten  die  Maler  in  ferne  Lande  reisen
zu  müssen,  wenn  sie  einmal  „loslegen“  wollten.  Für  ihren
Drang  nach  satteren  Farben  und  kräftigeren  Farbencomplexen
  sollte  die  Glut  des  Orients  oder  der  Tropen  zum
Vorwände  und  zur  Entschuldigung ­
  dienen.  Und
doch  fielen  auch  diese
Reisebilder  zahm  genug
aus.  Die  schrankenlose
Freiheit  und  der  kühne
Trotz  des  echten  und
rechten  Künstlersehnens
schien  nicht  vorhanden  zu
sein.  Wohl  dürfen  wir  einzelne ­
  Namen  mit  Verehrung ­
  und  Bewunderung
aussprechen.  Aber  sie  können ­
  uns  nicht  darüber  täuschen ­
  und  nicht  dafür  entschädigen, ­
  dass  diese  ganze
v.  44  4  TLT„r  .  Kunst  —  sagen  wir:  die
Kunst  der  ersten  Hälfte  des  neunzehnten  Jahrhunderts
eine  Kunst  war,  deren  Jünger  und  Bekenner  von  sich  sagen
durften:  „Die  Hälfte  unseres  Thuns  ist  nicht  Natur“.  Und
wenn  auch  Einzelne,  zur  anderen  Hälfte  wenigstens,  vom
besten  Wissen,  Wollen  und  Können  beseelt  waren  und  auf
ihrem  künstlerischen  Lebenswege  einen  schönen,  männlichen ­
  Schritt  einhielten,  so  „tappte“  doch  die  grosse  Mehrheit ­
  der  Übrigen  unschön  und  ungeschickt  auf  ihrer  Spur
einher;  nicht  auf  der  Spur  der  alten  Meister,  denen  noch
die  Vorangegangenen  gefolgt  waren,  sondern  nur  auf  der
Spur  dieser  Nachfolger,  dieser  Epigonen.  So  ward  schliesslich ­
  eine  Kunst  aus  zweiter,  aus  dritter  Hand  die  herr
sehende.  Und  das  Publicum  fand  alles  in  Ordnung.  Es
hatte  sich  daran  gewöhnt,  nach  denselben  Regeln  zu  urtheilen,
  die  von  den  Künstlern  beobachtet  wurden.  Es
stand  gewissermassen  auf  demselben  Standpunkte  wie  das
Publicum  der  byzantinischen  Künstler.  Es  freute  sich  einer
Kunst,  die  zwar  ohne  „Fehler“  war,  aber  deren  Formen
und  Bildungen  im  wirklichen  Leben  gar  nicht  anzutreffen
waren,  ausser  höchstens  auf  der  Bühne  und  in  sogenannten
„lebenden“  Bildern,  für  die  aber  eben  die  gemalten  zum
Vorbilde  dienten.
Diese  Kunst  ist  heute  noch  nicht  überwunden.  Noch
immer  wird  an  Akademien  und  Malerschulen  nicht  viel
anderes  gelehrt  als  das  todte  Erbe  alter  und  neuer,  grosser

Decorativer
Entwurf  v.
Adolf  Böhm
            
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