MAK
HER SACRUM. 
dem einzelnen Kunstwerke kein unterscheidendes Gepräge 
verleiht, dass also mit der Gewinnung eines neuen Stoff 
gebietes oder einer neuen Technik immer nur sehr weni* 
gewonnen ist, so wurde ja bei der naturalistischen Ar! 
und Weise die grosse, ewige Wahrheit gänzlich übersehen, 
dass es gar keine absolut wahrnehmbare, allen gleich zu 
gängliche wirkliche Gestaltung der Dinge gibt; dass jedes 
Ding m jedem Augenblicke einen verschiedenen Charakter 
annimmt und für jeden neuen Menschen ein neues Dine 
ist. Da sind zuerst das Licht und die Atmosphäre, die ein 
und denselben Gegenstand in fortwährendem Wechsel bald 
klar hervortreten lassen, bald in Dämmer einhüllen und 
horm und Färbung tausendmal ändern; da ist das mensch- 
hche Auge, das bei jedem anders sieht, bei dem einen 
farbenblind und beim zweiten empfänglich für die feinsten 
Abstufungen einer sanften Strahlenbrechung, bei dem einen 
wehleidig für alles Kräftige und Derbe und beim zweiten 
trunken im Anschauen grosser Formen und starker Farben 
beim einen wie durch einen Schleier nur die Umrisse ge 
wahrend und beim zweiten durch die Oberfläche bis ins 
Ceader dringend, beim einen ängstlich nur auf das Nahe 
gerichtet, beim anderen adlerscharf in dieWeite spähend 
das physische Auge; da ist dann aber auch die mensch 
liche Seele, die das Auge bei dem einen gleichsam von 
innen umflort und beim zweiten wie von innen erhelltund 
durchleuchtet, beim einen nur um das Nächste besorgt ist, 
auch wenn das Auge weit blickt, beim zweiten aber kühn 
in die Ferne dringt, die just nur das oder jenes sehen will 
und alles andere in der Welt keines Blickes würdigt; und 
da ist endlich noch die STUNDE, der auch die Seele unter- 
than ist, die böse Stunde, die dem Glücklichsten einmal 
ein schwarzes Tuch vor die Augen legt, und die gute 
Stunde, in der auch der Elende heiter sieht. So gefasst, 
lässt sich nicht mehr sagen, wie die Dinge eigentlich aus- 
sehen. Wohl aber, dass in jedem Ding die ganze Welt ver- 
orgen liegt. Das haben die Bahnbrecher schon gewusst 
und ausgesprochen. Der Naturalismus aber gab doch nur 
Wachsfiguren; ihm fehlte das Leben, das in Luft und Licht 
und in der Stimmung der Seele liegt. Da war also noch 
ein entscheidender Schritt zu thun, Impressionismus und 
plein-air bilden den Übergang, und jetzt dürfen wir von 
der MODERNEN Malerei sprechen* 
Diese verwirft das Schönheitsprincip der Epigonen 
bewusst und endgiltig; es ist nichts schön, sagt sie, was du 
nicht wirklich geschaut, was du nicht mit deinen Sinnen 
gespürt und deiner Seele empfunden hast; das aber, was 
deine Seele aufgenommen, das darfst und sollst du auch 
wiedergeben, unbekümmert um Gesetze, die nur von Sol 
chen herrühren, denen du fremd warst. Sei WAHR, und 
u bist ein Künstler! Also Wahrheit ist das Princip der 
modernen Malerei, aber nicht die äussere und äusserliche 
ahrheit der Naturalisten und Veristen, sondern die 
innere Wahrheit, die subjective Wahrheit, die Wahrhaftig 
keit des künstlerischen Individuums. Sieht einer die Dinve 
e^BlldTn^G^T ^' S ° u mö 8 c / r Naturalist sein; hat einer 
em Bild im Geiste geschaut, das die herben Formen einer 
igfc, 
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Studie v. Joh. 
Viot. Krämer. 
längst vergangenen Kunstepoche aufweist, so scheue er 
sich nicht, diese Formen neu zu beleben; fühlt sich einer 
zu der Art und Weise hingezogen, die ihm aus einem
	        
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