wie selten ist der Geist der Form in ihnen lebendig geworden.
Haben sie je etwas bei ihrer Erkenntnis und ihrem „Ver
stehen“ ERLEBT? Haben sie Kunst EMPFUNDEN, den
betreffenden STIL EMPFUNDEN!? .
Und wie ist ihnen die ganze Entwickelung so klar.
Ein paar Namen, das Aufsteigen charakterisierend, — ein,
zwei andere den Höhepunkt, dann noch ein paar wenige
den Verfall. Von allen Neben- und Unterströmungen in
der Kunst selbst erfahren sie nichts, wenig von den mannig
faltigen Einflüssen von aussen, durch Ereignisse, Schick
sale, Beziehungen und Beurtheilungen. Das gieng alles so
einfach und schnurgerade und sicher. Von der Rückschau
auSf _ freilich! Werden und Wachsen von innen heraus
sind allerdings meist dabei verloren gegangen, all das viele,
saugende 'Wurzelwerk, das nach allen Seiten die feinen
Fäden sandte und dann verloren gieng und im Grunde ab
starb, während ein kräftiger hoher Stamm sich aus ihm
entwickelt hatte und ihm alle Nahrung nahm. Die Schuld
liegt nicht immer an der Lehre, son dem meist an den Lernen
den. Künstlerisches Empfinden kann eben nicht gelehrt
werden. Das Suchende, Tastende der Kunstperioden ist
aber nicht nur an sich sehr wichtig, aus ihm heraus kann
der Geist einer Zeit und ihre wahre Entwickelung bis ins
Kleinste erkannt und NACHGELEBT werden, weit besser,
als aus dem Fertigen überragenderPersönlichkeiten, das uns
Nachgebornen am bekanntesten geblieben. Ängstlich hält
man sich aber gerade daran und will es stets wieder und
wieder als Beispiel und „Muster“ vorführen. Daher diese
falsche Meinung und Verkennung des heutigen Kunst
schaffens meist, all dies professorale Drüberhinwegreden,
das auch oft durch eine gewisse Alterserstarrung nicht ent
schuldigt werden kann.
Denn gerade in unserer Zeit ist das „Suchende“ am
mächtigsten. Wir W^OLLEN einen Stil, der einfachste
Beweis, dass wir noch keinen haben.
Und doch möchte ich sagen, unsere ganze Entwicke
lung deutet darauf hin, dass wir einen bekommen werden.
Schon dies eine Zeichen, der vorausgegangene Naturalis
mus. Also Rückkehr zur Natur, ein Anfang von unten,
das Neubeginnen, und — was das Allerwichtigste ist, das
Neulernen! Das kühne Verneinen aller starren Form! Der
Geist selbst zeugt noch nicht; aber er soll zeugungskräftig
gemacht werden. Diese Entwickelung, als die richtige und
einzige, hat, wenn ich ihn recht verstehe, schon Goethe, den
wir in Sachen des Stils, wo er SICH SELBST gibt, immer
und noch lange anrufen dürfen, erkannt und ausgesprochen.
In dem kleinen Aufsatze über „Einfache Nachahmung,
Manier, Stil“ sagt er über den Stil: „Gelangt die Kunst
DURCH NACHAHMUNG DER NATUR, durch Be
mühung, sich eine allgemeine Sprache zu machen, DURCH
GENAUES UND TIEFES STUDIUM DER GEGEN
STÄNDE SELBST endlich dahin, dass sie Eigenschaften
der Dinge und die Art, WIE sie bestehen, genau und immer
genauer kennen lernt, dass sie die Reihe der Gestalten über
sieht und die verschiedenen charakteristischen Formen
nebeneinander zu stellen und nachzuahmen weiss: dann
wird der STIL der höchste Grad, wohin sie gelangen kann,
der Grad, wo sie sich den höchsten menschlichen Bemü
hungen gleichstellen darf“. Erscheint dies freilich etwas ein
seitig und eng, so versteht man doch daraus, dass Goethe
hier — in seinem weitesten Sinne — vom Naturalismus
ausgeht und dabei zunächst auf die Erkenntnis und damit
auf das eigentlich Individuelle kommt, sofern auch wir jede
Erkenntnis mit dem Philosophen als etwas Persönliches,
ganz besonders und immer aber von jedem Allgemeinen
befreit in der Kunst, ansehen werden. Da wir nun in unser
heutigen Kunst den Naturalismus, in seinem Princip natür
lich, hinter uns haben, d.h. da er nun als Grundlage über
all anerkannt ist, so ist das zweite, das Individuelle, be
sonders stark geworden. UNBEWUSST IM DIENSTE
EINES STILBILDENDEN TRIEBES. Freilich unbe
wusst nur im Hinblick auf das Ferne, das Ende, das Re
sultat — „jeder Tag entfernt das Ziel“, sagt Dehmel,
aber natürlich SEHR BEWUSST im EIGNEN Schaffen!
Denn das REIN intuitive Schaffen, rein aus dem Unbe-
wussten schöpfen hält schon Goethe für das Unmögliche
oder doch Zuweitgehende. Denn das Wesen des Stils fasst
er noch einmal zusammen als „auf den tiefsten Grundfesten
der Erkenntnis, auf dem WESEN der Dinge“ beruhend,
und einmal fordert er vom Künstler direct, dass er seine
Kunst müsse „durchgedacht“ haben, wolle er Künstler
nennen dürfen. Und so sagen wir kühn: DIE SUMME
ALLER INDIVIDUELLEN ERKENNTNIS UND
DAMIT ABER ZUGLEICH AUCH ALLES INDIVI
DUELLEN SCHAFFENS WIRD UNS IN DER
KUNST EINEN TÜCHTIGEN SCHRITT WEITER
UND DEM STILE ALS SOLCHEM IM WEITESTEN
CULTURELLEN SINNE GEWALTIG NAHER
BRINGEN. Wir betonen also mehr wie je die Individuali
tät, wir vergessen heute freilich das „Wirkende“ der Kunst
nicht. Wir fordern aber das Persönliche aus unserer Er
kenntnis, aus unserem Gefühl der Befreiung heraus. Und
das gerade ist, von einem höheren Standpunkt beurtheil,
von allen localen Verhältnissen abgesehen, der Sinn der
Secessionen. Befreiung im Gefühl der Zusammengehörig
keit fortschreitender Individualitäten, die im Alten, Er
starrten nicht mehr Genügen finden, sich nicht mehr aus
leben und ihre „Ideale“ nicht wiederfinden können. Nicht
aus purem Oppositionsgeiste, aus Jungendungebärdigkeit,
die die „Alten“ belächeln dürfen, sondern aus NUin-
WENDIGKEIT. Es ist der neue Geist, der schafft und
wirkt, sein Recht fühlt und sein Recht fordert und die neue
Form für sich zu schaffen sucht.
Secession ist also noch nicht Stil; sie strebt zum
durch die Betonung der freien Individualität. Secession is
Jugend, der Stil ist der reife Mann. Secession ist Ringen,