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MAK

Full text : Jahrgang 1 (1898) (Heft 10)

UElVER  SACRUM.

Stil  ist  Harmonie.  Reife  ist  natürlich  hier  auch  nur  im  Sinne
des  Abgeschlossenen  eines  Stils  zu  verstehen  und  steht  nicht
im  Widerspruch  mit  einer  reifen  Persönlichkeit,  die  secessioniert.
  —
Noch  etwas  von  der  Stilbildung,  ehe  wir  auf  das  Persönliche ­
  genauer  eingehen.
Ich  glaube,  Lichtwark  sagt  irgendwo  etwa;  Stilist  da,
wenn  er  uns  bewusst  wird.  Das  scheint  mir  nur  vom  Standpunkte ­
  des  rückschauenden  Historikers  aus  richtig.  Für  den
Künstler  denk  ichmir’sso:  Stil  ist  da,  wenn  alle  nothwendig
in  ihm  FUHLEN!  Ich  meine:  so  lange  die  Herrschaft  eines
Stiles  dauert,  zwingt  er  alle  Schaffenden  in  sein  specielles
Fühlen.  Gerade  weil  der  Stil  der  Ausdruck  der  Zeit  ist  und
die  Krystallisation  ihres  Geistes,  meineich,  ist  das  natürlich
und  fast  selbstverständlich.  Der  Stil,  —  oder  der  Geist!  —
schafft  hier  eine  gewisse  Enge.  In  seine  Grenze  zwingt  er
alle  und  gibt  gewissermassen  der  Erkenntnis  und  dem  Gefühle ­
  Richtung.  Das  ist  gut.  Denn  wenn  so  die  Künstler,  —
das  Schaffen  als  etwas  Nachfolgendes,  eben  als  Ausdruck
des  Innern  auf  gefasst,  —  gewissermassen  unter  seinem
Zwange  stehen,  führt  sie  ihr  ganzes  Schaffen  zur  Tiefe.  Und
so  wird  alles  Gold,  was  im  Umfassenden  einer  Stilrichtung
liegt,  voll  ausgemünzt,  zum  Unterschiede  von  Richtungen
im  literarischen  Sinne,  die  in  ihrem  steten  Wechsel  die
Felder  nur  zum  Theil  bestellt  liegen  lassen.  Die  Enge  des
Stiles  ist  seine  Weite.  So  schafft  der  Zeitgeist  etwas  Gesetzmassiges,
  das  aber,  denke  ich,  den  gerade  Lebenden  und
Schaffenden  bis  zu  einem  gewissen  Grade  etwas  Unbewusstes ­
  bleibt,  weil  es  ihnen  ganz  in  Fleisch  und  Blut  übergegangen ­
  ist  und  ihr  Empfinden  beherrscht.  Sie  können
dann  eben  nicht  anders.  Denn  man  darf  nie  die  Voraussetzung ­
  vergessen,  dass  die  Schaffenden  wirkliche  Künstler
sein  mussten,  denen  die  Intensität  wie  Extensität  der  Lebenskenntnis ­
  und  all  ihres  Erlebens  —  nach  Goethe  —  angeboren ­
  ist,  und  deren  Lebensinhalt  doch  aus  ihren  Erkenntnissen ­
  genährt  wurde,  die  sich  auch  wieder  in  einem  gewissen ­
  Kreise  bewegten  und  aus  dem  lebendigen,  d.  h.  hier
starken  Geiste  ihrer  Zeit  wieder  Nahrung  sogen.  Daraus
erklärt  es  sich  denn  auch,  dass  der  Kunsthistoriker  alles  so
fadengerade  darstellen  DARF,  insofern  als  das  eigentlich
Herrschende  auch  das  eigentlich  Treibende  geblieben  ist.
Beides  stammte  aus  dem  Zeitgeiste.  Und  die  die  Quelle
fassten,  das  waren  die  überragenden  Individualitäten.
Das  führt  nun  zu  dem  Verhältnis  der  Individualität,
zum  Stil.
Man  kann  die  Meinung  hören,  Stil  und  Individualität
vertrügen  sich  nicht,  der  Stil  hebe  die  Individualität  auf.
Etwas  ist  daran  richtig:  die  Grenze,  die  der  Stil  zieht.  Wie
schon  gesagt,  sie  wird  den  Schaffenden  bis  zu  einem  gewissen ­
  Grade  nicht  bewusst.  Sie  kommen  anscheinend  ganz
von  selbst  nicht  weiter  in  ihren  Absichten  und  Vorwürfen,
und  scheinen  alles,  was  der  Stil  enthalten  wird,  aus  sich
von  selbst  neu  zu  finden.  Sie  sind  in  gewisser  Beziehung

Studie  v.
J.  Repin.
            
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