VER SACRUM. ER
Bellangere: Sie erhoben ein wenig die Stimme in
diesem Augenblick, weil eine von ihnen gesagt hatte, dass
der Tag noch nicht gekommen scheine...
Ygraine: Ichweiss, was das heissen will, und nicht
zum erstenmal entsteigen sie dem Thurme... Ich wusste
wohl, warum sie ihn hatte kommen lassen... aber ich
konnte nicht glauben, dass sie solche Eile habe!... Wir
wollen sehen... wir sind drei und wir haben Zeit...
Bellangere: Was willst du thun?
Ygraine: Ich weiss noch nicht, was ich thun werde,
aber ich will sie in Verwunderung setzen... wisst Ihr, was es
ist, Ihr anderen, die Ihr zittert?... Ich will Euch sagen...
Bellangere: Was?
Ygraine: Sie soll ihn nicht ohne Mühe nehmen...
Bellangere: Wir sind allein, Ygraine.,.
Ygraine: O, das ist wahr, wir sind allein!... Es
gibt nur ein Mittel, und es gelingt uns stets!... Harren wir
auf den Knien, wie die anderenmale... Vielleicht wird sie
Mitleid haben!... Sie lässt sich von Thränen entwaffnen...
Wir wollen ihr alles gewähren, was sie begehrt; vielleicht
wird sie lächeln, und sie hat die Gewohnheit, alle zu verschonen,
die niederknien... Seit Jahren ist siedort in ihrem
ungeheuren Thurm und verschlingt die unseren, ohne dass
ein einziger gewagt hätte, ihr ins Angesicht zu schlagen.,.
Sie lastet auf unserer Seele wie ein Grabstein, und keiner
wagt es, den Arm auszustrecken... Zur Zeit, da hier noch
Männer waren, hatten auch sie Furcht und fielen platt auf
III. ACT.
Dasselbe Gemach. Ygraine und Aglovale.
Ygraine: Ich habe die Pforten untersucht. Es sind
deren drei. Wir werden die grosse bewachen... Diebeiden
anderen sind schwer und niedrig. Sie öffnen sich niemals.
Ihre Schlüssel sind längst verloren und die Eisenstäbe sind
in die Mauern eingelassen. Helft mir diese zu verschliessen,
sie ist schwerer als ein Stadtthor... Sie ist auch fest und
der Blitz selbst könnte nicht herein ... Seid Ihr zu allem
bereit ?
Aglovale (setzt sich auf die Schwelle): Ich will mich
auf die Stufen der Schwelle setzen, den Degen auf den
Knien... Ich glaube, es ist nicht das erstemal, dass ich hier
warte und wache, mein Kind; und es gibt Augenblicke,
wo man nicht alles begreift, dessen man sich erinnert...
Ich that all das, ich weiss nicht wann... aber ich habe es
nie gewagt, den Degen zu ziehen... Heute liegt er da vor
mir, obwohl meine Arme keine Kraft mehr haben; aber
ich will versuchen... Es ist vielleicht an derZeit, sich zur
Wehr zu setzen, wenn man auch nichts begreift...
(Bellangere trägt Tintagiles in ihren Armen aus dem anstossenden
Gemach herein.)
den Bauch... Heute ist die Reihe an den Frauen... wir
werden sehen... Es ist schliesslich Zeit, sich zu erheben...
Man weiss nicht, worauf ihre Macht beruht, und ich
will nicht mehr im Schatten ihres Thurmes leben ...
Geht fort, geht fort alle beide, und lasst mich noch einsamer,
wenn auch Ihr zittert... Ich erwarte sie...
Bellangere: Ich weiss nicht, was zu thun ist, aber
ich bleibe bei dir...
Aglovale: Ich bleibe auch, meine Tochter... Es ist
lange her, dass meine Seele beunruhigt ist... Ihr wollt versuchen
... wir haben mehr denn einmal versucht...
Ygraine:Ihr habt versucht... Auch Ihr ?
Agio vale: Alle haben es versucht... Aber im letzten
Augenblick haben sie die Kraft verloren... Ihr auch, Ihr
werdet sehen... Geböte sie mir hinaufzusteigen bis zu ihr
selbst, diesen Abend noch, ich würde meine beiden Hände
falten, ohne ein Wort zu sagen, und meine müden Füsse
würden die Stufen überschreiten, ohne Säumen, ohne Eile,
obwohl ichweiss, dass man nicht mit offenen Augen herabsteigt
... Ich habe keinen Muth mehr ihr gegenüber ...
unsere Hände nützen zunichts und erreichen niemanden.,.
Nicht dieser Hände da würde man bedürfen — und alles
ist nutzlos... Aber ich will Euch beistehen, da Ihr hofft...
Schliesset die Thüren, mein Kind... Weckt Tintagiles;
umschlingt ihn mit Euern nackten, kleinen Armen und
nehmt ihn auf Euren Schoss... wir haben keine andere
Wehr . . .
Bellangere: Er war erwacht...
Ygraine: Er ist blass... was hat er nur?
B e 11 a n g e r e: Ich weiss nicht... er weinte im Stillen...
Ygraine: Tintagiles...
Bellangere. Er blickt nach einer anderen Seite...
Ygraine: Er kennt mich nicht... Tintagiles, wo
bist du ? — Deine Schwester ist 's, die zu dir spricht ...
Was siehst du dort?—Wende dich um ... komm, wir
wollen spielen ...
Tintagiles: Nein... nein...
Ygraine: Du willst nicht spielen?
Tintagiles: Ich kann nicht mehr gehen, Schwester
Ygraine...
Ygraine: Du kannst nicht mehr gehen?... Lass’
sehen, lass' sehen, was hast du denn? Bist du ein wenig
leidend?..
Tintagiles: Ja...
Ygraine: Wo leidest du? —Sag'es mir,Tintagiles,
und ich will dich heilen...
Tintagiles: Ich kann es nicht sagen, Schwester
Ygraine, überall....