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MAK

Full text : Jahrgang 1 (1898) (Heft 12)

VER  SACRUM.  ER

Bellangere:  Sie  erhoben  ein  wenig  die  Stimme  in
diesem  Augenblick,  weil  eine  von  ihnen  gesagt  hatte,  dass
der  Tag  noch  nicht  gekommen  scheine...
Ygraine:  Ichweiss,  was  das  heissen  will,  und  nicht
zum  erstenmal  entsteigen  sie  dem  Thurme...  Ich  wusste
wohl,  warum  sie  ihn  hatte  kommen  lassen...  aber  ich
konnte  nicht  glauben,  dass  sie  solche  Eile  habe!...  Wir
wollen  sehen...  wir  sind  drei  und  wir  haben  Zeit...
Bellangere:  Was  willst  du  thun?
Ygraine:  Ich  weiss  noch  nicht,  was  ich  thun  werde,
aber  ich  will  sie  in  Verwunderung  setzen...  wisst  Ihr,  was  es
ist,  Ihr  anderen,  die  Ihr  zittert?...  Ich  will  Euch  sagen...
Bellangere:  Was?
Ygraine:  Sie  soll  ihn  nicht  ohne  Mühe  nehmen...
Bellangere:  Wir  sind  allein,  Ygraine.,.
Ygraine:  O,  das  ist  wahr,  wir  sind  allein!...  Es
gibt  nur  ein  Mittel,  und  es  gelingt  uns  stets!...  Harren  wir
auf  den  Knien,  wie  die  anderenmale...  Vielleicht  wird  sie
Mitleid  haben!...  Sie  lässt  sich  von  Thränen  entwaffnen...
Wir  wollen  ihr  alles  gewähren,  was  sie  begehrt;  vielleicht
wird  sie  lächeln,  und  sie  hat  die  Gewohnheit,  alle  zu  verschonen, ­
  die  niederknien...  Seit  Jahren  ist  siedort  in  ihrem
ungeheuren  Thurm  und  verschlingt  die  unseren,  ohne  dass
ein  einziger  gewagt  hätte,  ihr  ins  Angesicht  zu  schlagen.,.
Sie  lastet  auf  unserer  Seele  wie  ein  Grabstein,  und  keiner
wagt  es,  den  Arm  auszustrecken...  Zur  Zeit,  da  hier  noch
Männer  waren,  hatten  auch  sie  Furcht  und  fielen  platt  auf

III.  ACT.
Dasselbe  Gemach.  Ygraine  und  Aglovale.
Ygraine:  Ich  habe  die  Pforten  untersucht.  Es  sind
deren  drei.  Wir  werden  die  grosse  bewachen...  Diebeiden
anderen  sind  schwer  und  niedrig.  Sie  öffnen  sich  niemals.
Ihre  Schlüssel  sind  längst  verloren  und  die  Eisenstäbe  sind
in  die  Mauern  eingelassen.  Helft  mir  diese  zu  verschliessen,
sie  ist  schwerer  als  ein  Stadtthor...  Sie  ist  auch  fest  und
der  Blitz  selbst  könnte  nicht  herein  ...  Seid  Ihr  zu  allem
bereit  ?
Aglovale  (setzt  sich  auf  die  Schwelle):  Ich  will  mich
auf  die  Stufen  der  Schwelle  setzen,  den  Degen  auf  den
Knien...  Ich  glaube,  es  ist  nicht  das  erstemal,  dass  ich  hier
warte  und  wache,  mein  Kind;  und  es  gibt  Augenblicke,
wo  man  nicht  alles  begreift,  dessen  man  sich  erinnert...
Ich  that  all  das,  ich  weiss  nicht  wann...  aber  ich  habe  es
nie  gewagt,  den  Degen  zu  ziehen...  Heute  liegt  er  da  vor
mir,  obwohl  meine  Arme  keine  Kraft  mehr  haben;  aber
ich  will  versuchen...  Es  ist  vielleicht  an  derZeit,  sich  zur
Wehr  zu  setzen,  wenn  man  auch  nichts  begreift...
(Bellangere  trägt  Tintagiles  in  ihren  Armen  aus  dem  anstossenden
Gemach  herein.)

den  Bauch...  Heute  ist  die  Reihe  an  den  Frauen...  wir
werden  sehen...  Es  ist  schliesslich  Zeit,  sich  zu  erheben...
Man  weiss  nicht,  worauf  ihre  Macht  beruht,  und  ich
will  nicht  mehr  im  Schatten  ihres  Thurmes  leben  ...
Geht  fort,  geht  fort  alle  beide,  und  lasst  mich  noch  einsamer, ­
  wenn  auch  Ihr  zittert...  Ich  erwarte  sie...
Bellangere:  Ich  weiss  nicht,  was  zu  thun  ist,  aber
ich  bleibe  bei  dir...
Aglovale:  Ich  bleibe  auch,  meine  Tochter...  Es  ist
lange  her,  dass  meine  Seele  beunruhigt  ist...  Ihr  wollt  versuchen ­
  ...  wir  haben  mehr  denn  einmal  versucht...
Ygraine:Ihr  habt  versucht...  Auch  Ihr  ?
Agio  vale:  Alle  haben  es  versucht...  Aber  im  letzten
Augenblick  haben  sie  die  Kraft  verloren...  Ihr  auch,  Ihr
werdet  sehen...  Geböte  sie  mir  hinaufzusteigen  bis  zu  ihr
selbst,  diesen  Abend  noch,  ich  würde  meine  beiden  Hände
falten,  ohne  ein  Wort  zu  sagen,  und  meine  müden  Füsse
würden  die  Stufen  überschreiten,  ohne  Säumen,  ohne  Eile,
obwohl  ichweiss,  dass  man  nicht  mit  offenen  Augen  herabsteigt ­
  ...  Ich  habe  keinen  Muth  mehr  ihr  gegenüber  ...
unsere  Hände  nützen  zunichts  und  erreichen  niemanden.,.
Nicht  dieser  Hände  da  würde  man  bedürfen  —  und  alles
ist  nutzlos...  Aber  ich  will  Euch  beistehen,  da  Ihr  hofft...
Schliesset  die  Thüren,  mein  Kind...  Weckt  Tintagiles;
umschlingt  ihn  mit  Euern  nackten,  kleinen  Armen  und
nehmt  ihn  auf  Euren  Schoss...  wir  haben  keine  andere
Wehr  .  .  .

Bellangere:  Er  war  erwacht...
Ygraine:  Er  ist  blass...  was  hat  er  nur?
B  e  11  a  n  g  e  r  e:  Ich  weiss  nicht...  er  weinte  im  Stillen...
Ygraine:  Tintagiles...
Bellangere.  Er  blickt  nach  einer  anderen  Seite...
Ygraine:  Er  kennt  mich  nicht...  Tintagiles,  wo
bist  du  ?  —  Deine  Schwester  ist  's,  die  zu  dir  spricht  ...
Was  siehst  du  dort?—Wende  dich  um  ...  komm,  wir
wollen  spielen  ...
Tintagiles:  Nein...  nein...
Ygraine:  Du  willst  nicht  spielen?
Tintagiles:  Ich  kann  nicht  mehr  gehen,  Schwester
Ygraine...
Ygraine:  Du  kannst  nicht  mehr  gehen?...  Lass’
sehen,  lass'  sehen,  was  hast  du  denn?  Bist  du  ein  wenig
leidend?..
Tintagiles:  Ja...
Ygraine:  Wo  leidest  du?  —Sag'es  mir,Tintagiles,
und  ich  will  dich  heilen...
Tintagiles:  Ich  kann  es  nicht  sagen,  Schwester
Ygraine,  überall....
            
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