MAK
Cf/ER SACRUM. 
Studie v.Max 
-Liebermann. 
gleich mit dem Zeugnis unseres ästhetischen Wohlgefal 
lens anzuhängen. Wer in das wahre Wesen schöpferischer 
Gestaltungskraft einzudringen vermag, der gelangt früher 
oder später zu der Einsicht, dass die Merkmale der Schule 
Zufälligkeiten und äussere Begleiterscheinungen sind, die 
uns allein niemals den treibenden Nerv künstlerischen 
Schaffens blosszulegen ver 
mögen. 
DieKunstpsychologie ist 
die höchste und vornehmste 
Wissenschaft des künftigen 
Historikers. Sie liegt jetzt 
noch in den Windeln, aber 
sie wird erstarken, wenn die 
heutigen Führer unter den 
Kunstgelehrten auf der be 
tretenen Bahn weiterschrei 
ten und die kleine Schar ihrer 
Anhänger mit dem gleich 
zeitigen V ordringen der 
neuen Ideen zur Herrschaft 
gelangt. 
Hier hat vor allem die 
heutige Kritik den Hebel an 
zusetzen. Wir alle wollen ja eine grosse, tiefe, befreiende 
Kunst und mit der Kunst zugleich fordert auch die Kritik das 
kommende Jahrhundert in die Schranken. Nur aus vor 
urteilsfreier Anschauung heraus, unabhängig von irgend 
einem „Fach“, kann der kritische Sinn sich bilden und 
klären. Die geistige Vorbedingung, die den berufenen 
Kritiker macht, ist in ihrer glücklichen Wechselwirkung 
zwischen Empfinden und Urtheilen, zwischen „Empfangen“ 
und „Wiedergeben“ ebenso unerklärbar wie die schöpfe 
rische Kraft selbst, denn sie ist im letzten Grunde wiederum 
selbstschöpferisch. Daher soll auch sie an ihren Früchten 
erkannt werden. Wo sind die Früchte kritischer Wirksam 
keit am deutlichsten wahrnehmbar? Beim Publicum. 
An dieses wendet sich der Kritiker, indem er ihm dient 
und hilft, als Interpret. 
„Bei den alten lieben Todten. 
Will man Erklärung, braucht man Noten. 
Die Neuen glaubt man blank zu verstehen: 
Ohne Dolmetsch wird's auch nicht geh'n.“ 
Bei den heutigen Lebensverhältnissen, in denen der 
Massenmensch unter unausgesetztem Hochdruck arbeitet, 
und wo die Zersplitterung eine ruhige Einkehr, ein „Ver 
weilen im Gefühl des Augenblickes“ (diese erste Vor 
bedingung des freien künstlerischen Geniessens) unmöglich 
macht, ist es gar kein Wunder, dass die Welt sich „anders 
als sonst in Menschenköpfen“ im Kopf des Künstlers malt! 
In gesunden Zeiten war es nicht so. Da gab es eine natür 
liche Brücke des Verständnisses zwischen beiden Theilen, 
denn beide hatten Müsse und Gelegenheit, „beschaulich“ 
zu sein. Heute aber brauchen die meisten wirklich ihre 
Augen ganz nothwendig, wie Morelli ironisch meint, um 
nicht gegen die Wand zu rennen! Das ist ein herbes, 
aber wahres Wort. Weil das innere Auge nicht Zeit hat, 
von den Wundern der Natur etwas zu erfassen, gehen 
Tausende wie Blinde an 
ihren Schönheiten vorüber. 
Diese Wunder und Herrlich 
keiten in sich aufzunehmen 
und den Mitmenschen zum 
Bewusstsein zu bringen, ist 
Künstlers Beruf; ihm beim 
Publicum an die Hand zu 
gehen, der des Kritikers. 
Die bildende Kunst ist 
eine Sprache, die erlernt wer 
den muss, denn auch die Er 
kenntnis des Grossen und 
Ewigen in der Kunst wie im 
Leben will erworben sein, 
damit man sie besitze. 
Der Weg ist weit, aber 
nicht hoffnungslos! Es gilt, 
zunächst die Aufnahmefähigkeit für echte Kunst zu wecken, 
das Empfinden, nicht den „Verstand“. Das ist der wesent 
liche Punkt. Alfred Lichtwark, dem wir bisher die meiste 
Anregung in Fragen der Kunsterziehung verdanken und 
dessen Schriften („Wege und Ziele des Dilettantismus“, 
„Makartbouquet und Blumenstrauss“ etc.) allgemein ver 
ständlich sind und daher von Kunstfreunden nicht häufig 
genug gelesen werden können, sagt: „Wie wenig die Ein 
sicht vorhanden ist, dass beim Schaffen und Geniessen (das 
ja wesentlich Nachschaffen ist) die Kraft der Empfindung 
den Ausschlag gibt und nicht die des Verstandes, geht aus 
unserer Sprachgewohnheit deutlich genug hervor. Wir 
nennen Kunstverständnis, was eigentlich Kunstempfindung 
heissen sollte, und es ist bezeichnend, dass die Verurtheilung 
irgend einer neuen Erscheinung in der bildenden Kunst 
am liebsten mit der Formel eingeleitet wird: Ich verstehe 
nicht, ich kann nicht begreifen . . .“ 
„Begreifen!“ — Die Kunst ist nicht greifbar mit dem 
Verstand, nur mit den inneren Sinnen, mit dem Gefühl. 
Dieses bedarf umsomehr noch der Ausbildung, als wir in 
der Sprache der bildenden Kunst nicht einmal ein Äqui 
valent für das W ort „unmusikalisch“ haben! „Unmalerisch“ 
drückt etwas ganz anderes aus, bezieht sich auf einen äus 
seren Eindruck, nicht auf eine mangelnde innere Anlage, 
die weit häufiger in der Unempfänglichkeit für Form und 
Farbe, als für musikalische Eindrücke bemerkbar ist. 
Mehr als zuvor wird es künftig der Beruf des Kritikers 
sein,das grosse Publicum für die Ereignisse der künstlerischen 
Zeitgeschichte zu interessieren und mit ihren bedeutendsten
	        
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