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MAK

Full text : Jahrgang 1 (1898) (Heft 5/6)

kommt  nicht  CARRIERE,  der
unendlich  sanft  Verdämmernde, ­
  vomMonde  herab  und  bringt
dessen  Mondschein  mit  sich?
Oder  steigt  nicht  FOWXER
aus  grünen  Meerestiefen  auf?
Bei  WALTON  ist  die  Weit  ein
Gobelin,  eine  halbe  Stunde  vor
Sonnenuntergang  gesehen.  Bei
RAFFAELLI  scheint  sie  von
einem  Sturm  durchbraust  zu
sein,  der  die  Dinge  zerzaust  und
nach  und  nach  von  der  Leinwand ­
  hinwegwehen  wird.  Und
alle  diese  verschiedenen  Wahrheiten ­
  sind  gleich  wahr;  denn
die  Augen,  die  sie  so  sehen,  sind
nicht  wegzuleugnen.  Man  sieht
heute  weit  mehr  und  mannigfaltiger, ­
  als  man  jemals  gesehen.
Man  begeistert  sich  für  Seiten
der  Erscheinung,  die  früher  gar
nicht  beachtet  wurden.
Man  ist  virtuos  geworden
im  Wahrnehmen  von  Unterschieden, ­
  selbst  solchen,  die
wirklich  bloss  in  der  Eigenheit
des  Beschauers  liegen.  Überhaupt ­
  ist  das  Wollen  an  Stelle
des  Dürfens  getreten.  Die  Phan  -
tasie  ist  wieder  zulässig.  Sie
führt  sogar  das  grosse  Wort,
selbst  in  Zolas  Naturalismus.
Heute  sind  sogar  Farbenphantasien ­
  möglich,  die  sich  nichts
weniger  als  an  die  Menge  wenden, ­
  vielmehr  bloss  Andeutungen ­
  machen  für  die  ganz  Wenigen, ­
  denen  es  gegeben  ist,  sie
weiterzuempfinden.  Luft,Licht,
das  sind  die  beiden  grossen  Anreger ­
  der  malerischen  Phantasie. ­
  Bei  allen  diesen  trefflichen
Stimmungsmalern,  Farbenforschern ­
  oder  auch  Adepten  des
Farbenexperiments  ist  diese
Phantasie  am  Werk.
Und  welche  Phantasie  gehörte ­
  dazu,  das  Darstellungsgebiet ­
  des  eigentlichen  Realismus ­
  so  zu  erweitern,  dass  ganze
grosse  Gebiete  des  modernen
Lebens  als  Kunststoff  erkannt

wurden.  Welche  Umdeutung
hat  sie  bewirkt,  welche  Umwertung ­
  der  ästhetischen  Begriffe, ­
  wie  durch  Hexenzauber
(„schön  ist  hässlich,  hässlich
schön“),  dass  man  heute  in  dem
Cabinet  voll  Arbeiter-Statuetten ­
  Constantin  MEUNIER S
steht,  als  stünde  man  in  einem
Antiken  -  Cabinet.  Phantasie
überall,  von  Eugen  GRAS-SET
 s Placaten  und  decorativen
Träumereien  bis  zu  BARTHOLOME ­
 3  merkwürdig  ersonnenem ­
  Grabmal  und  Auguste ­
  RODIN s  küssend,  ringend, ­
  spielend  verflochtenen
Gestalten.  Phantasie  in  dieser
ganzen  grösseren  und  kleineren
Plastik,  die  stofflich  und  technisch ­
  von  Erfindungskraft  übersprudelt. ­
  Ein  Jean  DAMPT,
ein  Alexandre  CHARPEN-TIER
  sind  das  Vielseitigste,
was  es  je  in  der  Bildnerei  gegeben. ­
  Charpentier  treibt  in
allen  Metallen,  aber  auch  in
Leder  und  Papier;  von  seinen
„gaufrierten“Zeichnungen  und
Farbendrucken  bis  zu  jenem
reizenden  Schränkchen  fürKinderwäsche
  mit  Zinnreliefs  liegt
einPanorama  von  technischem
Können.  Das  Ehepaar  VALL-GREN
  mit  seinen  mancherlei
Künsten,BAFFIER  mit  seinem
neuen  „Edelzinn“  als  Stellvertreter ­
  eines  ganzen  Völkchens
von  Zinnleuten,  VAN  DER
STAPPEN,  FRAMPTON
und  C  ARABIN  mit  seinen  proteusartigen ­
  Serpentinösen  —
überall  tummelt  sich  der  schöpferische ­
  Einfall.  Der  trockene
Realismus,  diese  richtige  Philisterkunst ­
  des  allezeit  Handgreiflichen, ­
  hat  gründlich  abgewirtschaftet. ­
  Das  war  Kunst  für
ein  stimmungsloses  Publicum.
Heute  sehen  wir  überall  ein
Tauchen  in  tiefere  Tiefen,  ein
Aufschwingen  in  höhere  Höhen; ­
  man  hat  erkannt,  dass  die
            
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