CRfVER SACRUM.
AN DIE SECESSION.
Ein Brief von Hermann Bahr.
hr habt ein Recht, stolz zu sein. Ihr
habt ja Wunder gethan in unserem
Vaterland. Eine solche Ausstellung
haben wir noch nicht gesehen. Eine
Ausstellung, in der es kein schlechtes
Bild gibt! Eine Ausstellung in Wien,
die einResume aller modernen Malerei
ist! Eine Ausstellung, die Zeigt, dass wir,
wir armen Wiener, Leute haben, die
neben die besten Europäer treten und sich mit ihnen messen
dürfen! Wer hätte sich das träumen lassen ? Ihr dürft stolz
sein. Aber, Freunde, seid nicht bös: mitten in der herrlichen
und grandiosen Freude über Euch wird mir bange.
Ich will Euch sagen, was mir bange macht. Ich habe
Angst, dass Ihr Euch zu früh zufrieden gebt. Um Gottes
willen, das dürft Ihr nicht. Ihr dürft Euch nicht beruhigen,
Euch nicht beschwichtigen lassen. Ihr dürft nicht glauben,
dass jetzt schon alles geschehen ist. Ihr dürft nicht rasten.
Es ist noch gar nichts geschehen, sondern jetzt fängt es erst
an! Mit dieser ersten That habt Ihr uns ein Versprechen
gegeben. Löst es ein! Dieser erste Erfolg legt Euch Pflichten
auf, ungeheure Pflichten. Zeigt Euch würdig, erfüllt sie.
Mit dieser ersten Ausstellung ist noch gar nichts ge-
than, jetzt fängt es erst an! Diese erste Ausstellung von
Euch ist eine grosse Frage an das Publicum gewesen. Man
hatte Euch vorgelogen, Jahre lang: unser Publicum will
die Kunst nicht. Da habt Ihr es durch diese Ausstellung
gefragt: willst du die Kunst, Ja oder Nein? Und es hat Ja
gesagt, es hat Ja geschrien! Es rennt zu Euch, es jauchzt
Euch zu, es ist wie in einem heiligen Rausch. Es will die
Kunst, es will sie, es will sie! Nun ist es an Euch, sie ihm
zu geben.
Uns die Kunst geben, das ist aber mehr, als die
schönste Ausstellung der modernsten Bilder vermag. Ihr
müsst grosse Zauberer sein. Was wir Wiener an subtilen
Freuden, an innigen und delicaten Wünschen, an unruhigen
Hoffnungen in unseren Seelen haben, das müsst Ihr uns in
Linien und in Farben sehen lassen. Ihr müsst schaffen, was
noch nicht dagewesen ist: Ihr müsst uns eine österreichische
Kunst schaffen. Könnt Ihr das nicht, dann wäre es besser
gewesen, uns ruhig weiter schlafen zu lassen. Ihr habt
unsere Sehnsucht aufgeweckt. Nun erfüllt sie!
Eine österreichische Kunst! Jeder von Euch fühlt,
was ich meine. Wenn Ihr durch unsere milden, alten Stras
sen geht oder wenn Ihr die Sonne auf das Gitter vom
Volksgarten scheinen seht, während der Flieder riecht und
kleine Wienerinnen über die Schnur hopsen, oder wenn im
Vorbeigehen aus einem Hof ein Walzer klingt, dann wird
Euch so merkwürdig und keiner kann sagen, warum ihm
so zum Weinen froh im Herzen ist, sondern er lächelt nur:
Das ist halt Wien! Dieses: was halt Wien ist, müsst Ihr
malen. Die moderne Kunst hat ungeheure Mittel in Eure
Hand gegeben; nehmt sie, um durch sie die Seele unserer
Heimat auszudrücken. Ihr müsst Bilder malen, die weit
draussen in der Welt die fremden Leute, die nichts von uns
wissen, fühlen lassen, wie wir sind: Bilder, die wie die
Ouvertüre zum Don Juan oder die Volkshymne sind.
Und noch mehr. Mit dem Malen ist’s noch nicht ge-
than. Eine österreichische Kunst werden wir erst haben,
wenn sie unter uns allen in unserer täglichen Existenz
lebendig geworden ist. Seht! Indem ich dies schreibe, schaue
ichübermeinen Tisch weg durchs Fenster in den Liechten
steingarten hinab: da ruht der graue Palast in seiner ernsten
Eleganz, hinten wird der Kahlenberg schon grün; dies ist
eine Schönheit, die es auf der ganzen Welt nicht wieder
gibt. Ich bin so froh. Aber dann sehe ich auf den Tisch, an
dem ich schreibe, und dieser Tisch ärgert mich. Er könnte
auch in einem Berliner Haus stehen. Ich möchte aber einen
Tisch haben, der zu meinem Liechtensteingarten und zu
meinem Kahlenberg gehört, der als Tisch so wienerisch
ist, wie jener ein Wiener Garten und dieser ein Wiener
Berg ist, und so wienerisch sollte mein Tisch, so wienerisch
meine Lampe, so wienerisch mein Stuhl sein. Versteht Ihr,
was ich meine? Unter lauter Sachen einer Wiener Kunst
möchte ich leben, einer Kunst, die durch ihre Linien und
ihre Farben mir das sagt, was ich in seligen Stunden des
Wiener Frühlings bei mir empfunden habe. Diese müsst
Ihr uns geben, nicht mir, nicht diesem oder jenem Kenner,
sondern unserem ganzen Volke. Hüllt unser
Volk in eine österreichische Schönheit ein!
Früher dürft Ihr Euch nicht beruhigen, Euch
nicht beschwichtigen lassen. Ihr habt Grosses
gethan, Grösseres steht noch aus. Jetzt fängt es
erst an. Zögert nicht! Vorwärts!
Liebe Freunde!