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Objekt: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

KINDERZEICHNUNGEN. 
D ie natürlichen Zeichentriebe des Menschen, vor allem 
des noch unverbildeten Kindes, sind ein organischer 
Vorgang des Mitteilungsbedürfnisses. Zeichnen ist 
für das Kind eine Sprache. Alles ist Anschauung und 
Vorstellung und daher ist der Ausdruck bildlich. Die Be^ 
griffsweit und das abstrakte Wort sind noch unentwickelt. 
Zeichnen ist aus diesem Grunde die primärste Form der 
Mitteilung. Und die natürlichste. Selbst die Schrift ist aus 
der Zeichnung hervorgegangen, wie die Bilderschriften alter 
Völker lehren. Auch die primitiven Völker, die alten Ägypter, 
Assyrer, Griechen u. a. teilen ihre Eindrücke in dieser kind^ 
liehen Sprache mit, in der Zeichnung. Anderseits legt der 
Mensch in seiner persönlichen Entwicklung die Entwicklungs 
phasen der Menschheit im kleinen zurück. Die Überein 
stimmung der Kinderzeichnung mit den bildlichen Dar 
stellungen primitiver Völker ist geradezu verblüffend. Die 
primitiven Seelen drücken in der Zeichnung mehr oder 
weniger schematisch das Bild aus, das sie von der Außen 
welt in ihrem Geiste empfangen haben. Nicht die formalen 
und räumlichen Verhältnisse sind das nächstliegende, sondern 
das Wissen einer Fülle von Einzelheiten, die in den kind 
lichen Bildern gewissenhaft eingezeichnet werden. Weil das 
Material, auf dem sie ihren Anschauungsinhalt darstellen, die 
Farbe oder der Stift, jedenfalls aber die Fläche ist, so ergibt sich 
eine materialgemäße flächige Darstellung, die um so natürlicher 
ist, als der optische Eindruck der Körper auf die Netzhaut 
ebenfalls nur ein flächiger ist und das Wissen einer plastischen, 
dreidimensionalen Räumlichkeit das Ergebnis einer anderen 
Erfahrung ist. Jede optische Erfahrung, d. h. jede Wahr 
nehmung des Auges, ist die Wahrnehmung von Flächen. 
Dieser Wahrnehmung entsprechen die Zeichnungen. Von 
den unbeholfensten Zeichenversuchen primitivster Völker 
und der Kinder aller Zeiten bis zu den vollendeten alt 
griechischen Vasenbildern und der japanischen Zeichenkunst, 
nicht minder als bis zu den alten Fresken und von da zu 
Puvis de Chavanne und zu Klimts Fries und Beardsleys 
Zeichnungen herrscht eine natürliche künstlerische Wahrheit. 
Die Konsequenz der optischen Wahrnehmung, die eine 
Wahrnehmung von Flächen ist, wird auf der ganzen Linie, 
die sich an natürliche organische und darin auch natürliche 
Voraussetzungen hält, nicht verleugnet. 
Daß die Naturalisten aller Zeiten die Fläche innerhalb ihres 
Bildrahmens nicht als Fläche, sondern als Welt für sich 
behandeln und einen plastischen, scheinbar körperlich greif 
baren Eindruck hervorbringen wollen, um an dieser Plastik 
die Brechungen des Lichtes und seiner Wunder zu offenbaren, 
kann gegen die oben erwiesene Wahrheit nichts ausrichten. 
Denn gerade die logische und folgerichtige Entwicklung des 
Naturalismus in der Malerei führt immer wieder zur strengeren 
Auffassung der Malerei als Flächenkunst zurück, wie der 
heutige Umschwung der Kunstanschauungen zu gunsten 
des Stils beweist. Wenn der Naturalismus die schwankenden 
Erscheinungen des Lichtes und Schattens und der Farben 
reagenzen aufeinander, die durch die plastischen Eigenschaften 
der Körper hervorgerufen werden, an denen das Licht nieder 
fließt, gebrochen und reflektiert wird, wieder revidiert und in 
dem malerischen Bewußtsein befestigt hat, wird das malerische 
Element wieder selbstherrlicher, seiner natürlichen Grund 
lage, der Fläche, stärker bewußt, dekorativer, flächiger, was 
man schlechthin stilistisch nennt. Von Natur wegen ist 
Malerei immer Flächenkunst, sowohl hinsichtlich der dar 
stellerischen Mittel als der organischen Bedingungen des 
Sehens. Der künstlerische Instinkt, der das Unbewußtsein 
b 
„Es gingen drei Jäger wohl auf die Pirsch.“ (2/3 Gr.) 
Spontane Kinderzeichnungen, 
a) Knabe von 10 Jahren, b) Knabe von ii Jahren. 
ebenso wie das höchste Bewußtsein leitet, hat in beiden 
Fällen die gleiche Wahrheit zutage gefördert. Der Naturalis 
mus, der bald in der Malerei plastische Wirkungen, bald in 
der Plastik malerische Wirkungen anstrebt, ist bloß ein 
wenn auch notwendiger Durchgangspunkt, niemals aber Ziel 
und Erfüllung der Kunst. 
I Die plastische und räumliche Ausdehnung der Körper, als 
ihrer dritten Dimension, ist keineswegs eine Erkenntnis, die 
durch das Auge gemacht wird, sondern eine Erkenntnis, die 
durch die Bewegung und den Tastsinn gemacht wird. Man 
lernt die Ausdehnung der Körper kennen, indem man an 
ihnen entlang geht. Die Grundlage des Maßes ist die Be 
wegung. Durch die Bewegung werden freilich bestimmte 
Erfahrungen über Größen und Breitenverhältnisse befestigt, 
die in der spezifisch flächigen Sehwahrnehmung eine gewisse 
Mitwirkung erlangen. Die plastische und räumliche Dar 
stellung jedoch gehört zufolge der natürlichen Grund 
bedingungen in das Gebiet der Plastik und der Architektur. 
In jeder organischen Kunst sind die natürlichen Grenzen 
streng beachtet; die stilistische Kunst erscheint durchaus 
natürlicher als die naturalistische.
	        
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