MAK
0 SACRUM. 
Freilich, man will nur 
eine „Ruh'“ haben. Wir 
packen vieles mit Begeiste 
rung an, um es den näch 
sten Tag spurlos zu ver 
gessen. Dazu kommt eben, 
dass uns nie die Augen vor 
lauter Schmeichelhaftig- 
keiten über unser Wesen 
auf gehen. Man hat das alte 
Sich-gehen-lassen in den 
neuen Formen nicht finden 
können und nach jedem 
Schritt nach vorwärts wird 
eine bedenkliche Umkehr 
gehalten, aus Mitleid mit 
den Typen, die sich in 
EINE Form nicht finden 
können. Darum hat das 
Mittelmass bei uns noch 
immer rauschende Um 
kehr gehalten. Es weiss sich 
an die Tradition heranzu 
schmeicheln, ein echter 
Streber, desErfolges sicher, 
und trägt sie mit sich weiter. 
Und wenn schon ein 
mal etwas abgebrochen 
werden soll, so lassen die Wiener dasFremde besorgen. Sie 
wollen nicht entschlossen Hand anlegen bei Dingen, deren 
Schäden sie selbst am besten kennen, da sind sie zu „weh 
leidig“. Und nun bekommen wir so fremde Formen, in 
die wir uns nicht hineinleben können, über die wir stolpern 
und die den Abbruch als etwas Schäd 
liches erscheinen lassen. Man sehe 
doch nur, wie unsere Stadt architekto 
nisch bestimmt wird. Diese Formen 
sind ja nicht aus unseremWesen wieder 
hervorgewachsen. Und was könnten 
die Wiener gerade in ihrer Mühelosig 
keit für Ausgangspunkte gewinnen, 
da sie noch dazu das gewisse Capital 
haben und der mannigfache Nationa 
litäteneinfluss von jeher eine feinere 
Differencierung hervorruft. Aber aus 
sich selbst können die Wiener keinen 
Anstoss wagen. Und dazu unterstützt 
eine Kritik der „Liberalität“ — man 
weiss, was das heisst — das kläglichste 
Lpigonenthum, um nur selbst das Wort 
zu behalten, wenn man dem Publicum 
seine Reaction noch einredet. 
Immer packt man dann den Wie 
ner bei seinem Gefühl, das 
mit den zersetzenden Ein 
flüssen im Widerspruch 
steht. Jede destructive Er 
scheinung ist ihm nicht 
wieder ein Ausgangspunkt, 
sondern ein wahrhaftes 
Ende, WO die Zukunft Entwurf von 
in Sack und Asche geht. J M ' olbTlch 
Die Lustbarkeiten liegen 
schon tief im Phäakenblut. 
Und so werden auch man 
che Feste noch einen aus 
der Ferne erborgten Glanz 
herleihen müssen, um die 
böse Wirklichkeit zu be 
mänteln. So aber merkt 
derW iener denRückschritt 
nicht, die Formen täuschen 
ihn, und sein Wesen fühlt 
nur eine Schädigung im 
tieferen Sinn eines Ab 
bruches, der mehr als ein 
paar alte Unterkünfte ver 
langt. 
Es muss noch immer 
sonntäglichzugehen, wenn 
auch die ganze Sache nur 
ein „Gschnas“ ist. In diesem culturlosen Wort scheinen 
sich dieWiener selbst persiflieren zu wollen. Der Geschmack 
unseres Publicums wurzelt eben im „Gschnas“, d. i. die 
Vereinigung aller Culturlosigkeit, die für je einen Typus 
bestimmend ist. Mit diesem zusammenhanglosen Ge 
schmack nun sollte man fertig werden. 
Nun sind ja Künstler daran, damit 
aufzuräumen, und es wäre nur zu 
hoffen, dass sie ihre erste sociale Auf 
gabe, C ultur zu bringen, vollauf erfüllen 
würden, indem sie sie darin bestärkten, 
dass sie weniger ihren Rückhalt im Pu 
blicum, als in sich selbst suchten. Denn 
nur so kann die Kunst bildend wirken, 
wenn sie dem Publicum die Wege vor 
schreibt undnamentlichdarauf bedacht 
ist, dem Publicum wieder Interesse in 
ihren Strömungen zu erregen und sich 
so eine wahrhaft sociale Stellung zu er 
obern. Freilich werden sich auch die 
Künstler dabei Zu modificieren haben, 
und zwar in dem culturellen Sinn, dass 
wohl das Treibende und Anregende in 
ihnen die grosse Gesellschaft bringt, 
aber die bestimmende Form erst von 
D^yHAv^^vr-DFALA^DSTaAss^ 
Decoratives G-efäss. Entwurf 
von Jos. M. Olbrich. 
>10
	        
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