VER SACRUM.
Buchschmuck
für V. S. gez.
v. Solo Moser.
ABBRUCH.
Über Wiener Cultur. Von G. Gugitz»
IEN steht im Zeichen
des Abbruches. Staub
wolken verhüllen uns
die gerühmte Schön
heit der Stadt und zu
gleich auch den unend
lich traurigen Anblick
einer gefallenen Ver
gangenheit. Aber alles
das, was da abgebro-
, , , , . , was d-Dgeoro-
chen wird, sind die Dinge allein, eine leere Form, der Geist da-
von, cer gleichfalls in der Vergangenheit wurzelt, ist nicht
abgebrochen und noch mehr ist in diesem als in den Dingen
etwas Baufälliges, daran er krankt. Und immer wieder sieht
die alte Vergangenheit unter dem neuen Gewand hervor.
Es ist wahr, wir alle können es nicht verwinden, wenn
uns Dinge geraubt werden, die für uns einmal eine Ent
wickelung bedeutet haben, die mit unserer Cultur Zusam
menhängen oder in unserem Wesen einen zärtlich gehegten
atz ausfüllen. Und wir Wiener, Gefühlsmenschen par
excellence, erst recht nicht. Und so begleitet das Demolieren
eines Barackenhauses immer ein heimliches Weinen, und
wenn die Form auch verschwunden ist, jetzt erst scheint
mr hinn dem Wiener in seinem Trotz lebendig zu werden.
Aber es ist auch ein wahrhaft inneres Bedürfnis da; wir
e f° cn ein Stück Cultur schwinden, für das augen-
blicklich kein Ersatz da ist. Und dass wir eine Cultur ge
nabt haben, steht wohl ausser Zweifel.
Wien ist keine Parvenustadt, die Stadt hat sich ihren
u m, ihre Schönheit auf weiten Wegen erworben und
as ann sie auch nicht vergessen. In einer glanzarmen
egenwart soll sie aufwachen, die rauschenden Feste und
ie arbigen Maifahrten soll sie aus ihren Sinnen treiben,
as ist freilich alles verschwunden, aber das Blut ist nicht
avon gereinigt worden, nur dicker und sinnlicher wurde
es nach diesen Leckerbissen. Und so baut eine schmerzlich
ermisste Vergangenheit an allem Neuen heimlich mit.
. < . n ,. n } an ma ? zum Theil recht haben, wenn man
. ^ ner llch gegen den Abbruch wehrt, der, nehmen wir
wiH Z m- an2 Y ört ^ c k' den Localcharakter der Stadt zerstören
Wie schön war das Wienufer und seine Anlagen, wo
sich die stillen Tragikomödien der Unbekannten abspielten,
und sich noch wundersam in die neue Zeit verlorene Com-
plexe von alten Häuserchen hinstrecken, die von Berg zu
Thal gehen, mit geheimen Gängen, vergitterten Fenstern,
Heiligenbildern und barocken Zieren, und man sagt, dass
einige Dichter bei diesen Abbrüchen am Ende bankerott
würden. Nun breiten sich graue Schutthaufen, die Parvenu
stadt ist im Zug. So will scheinbar alles gehen und je mehr
die Demolierung um sich greift, umsomehr sucht man nach
der Vergangenheit, eine Sentimentalität, die zu falschen
Tönen greift, und mit ihr eine schlimme Reaction macht
sich da geltend. Jedes „Werkel“ kann da Wunder ver
richten mit seinen Strauss- und Lanner-Walzern. Alles,
was dieser Ruhe, die der linde Hauch vom Süden bringt,
gefährlich zu werden scheint, wird mit einer rührenden
Consequenz angefeindet.
Nun ist es freilich sehr merkwürdig, warum man
sich so gegen diese Einflüsse wehrt, die eine alte, lebens
schwache Cultur zerstören und eine frische, jüngere an
bahnen wollen, denn, was die Wiener machen, machen sie
mühelos wie im Tanz und immer liegt ein gewisses Timbre
über jedem Ding, die kostbare Erbschaft
einer jahrhundertelangen Cultur, die uns
unzerstörbar im Blut liegt. Was liesse sich
auf solchen Fundamenten nicht wieder
bauen! Nun haben wir den Gürtel, der um
unsere Stadt lag, zersprengt, den Linien
wall, wie vormals die Basteien, und es ist
nur verwunderlich, dass sich nicht wieder
eine Schar Wiener Dichter wie ehemals
Bauernfeld bei den Basteien an den Kaiser
bittlich gewendet hat, da die Zeiten immer
schwieriger würden und der Erwerb ge
ring, diesen Ort so köstlicher Anregung
stehen zu lassen. Nun sollten wir doch über
die „Linie“ kommen. Nun ist an die Stelle
des Linienwalles die Stadtbahn getreten;
man hat jetzt und früher nicht darüber ge
sehen, nun freilich empfinden alle, als
ob da draussen wo etwas Feindliches
wider die Stadt geplant würde. Freilich,
Buchschmuck
für V. S. gez.
V. J.Hoffznann.
Blumengestell.
Entwurf von
Jos. Hofönann.