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®R SACRUM. 
charakterisieren, ist nicht nöthig; sie 
steht noch vor jedermanns Gedächtnis. 
Als Begleiterscheinung des Naturalis 
mus trat fast von vomeherein der Sym 
bolismus auf, der dann den ersteren 
völlig zu verdrängen schien. Auch für 
ihn blieb das Ideal der „Moderne“ be 
stehen; denn es bleibt sich im Grunde 
gleich, ob ich das Zeitgemässe, die Wirk 
lichkeit, unmittelbar darstelle oderseinen 
Gehalt durch Symbole auszuschöpfen 
suche. Die Begabung des Künstlers, die 
nach der einen oder nach der anderen 
Richtung gravitieren kann, wird ent 
scheiden, dann die Mode. 
So ist das Ideal der absoluten Kunst 
völlig dahingesunken, dafür aber hat 
sich der Glaube an das allein selig 
machende „Moderne“ ausgebildet. Ob er 
nicht ebensogut ein Aberglaube ist? So 
wäre es doch vielleicht gut, wenn man 
den Begriff des Modernen einfach fahren 
liesse und sich an den des,,Zeitgemässen“ 
hielte. Zeitgemäss muss, das hat die hi 
storische Kritik erwiesen, jede Kunst 
sein, zeitgemäss war jede echte Kunst. 
Was ist also zeitgemäss? 
Schon oben habe ich eine kurze Er 
klärung gegeben: Zeitgemäss ist das, 
worin man das eigenthümliche Schauen 
und Empfinden einer Zeit wiederfindet. 
Was einer Zeit eigenthümlich ist, lässt 
sich feststellen, nicht gerade leicht, aber 
doch ziemlich sicher, durch Vergleichung 
mit anderen Zeiten. Der eine hat mehr, 
der andere hat weniger Begabung, in 
cinemKunstwerke dasCharakteristische 
zu sehen, vergleichen aber muss jeder; 
man kann das Zeitgemässe zwar instinc- 
tiv schaffen, aber man kann es nicht in- 
stinctiv erkennen. In der That sehen 
wir auch, dass alle die, die sich jenes 
Gefühl für das Moderne vindicierten, 
den gröbsten Täuschungen unterlegen 
sind, ganz oberflächlichen Zeitschaum 
für wirklich Zeitgemässes gehalten ha 
ben. DaswirklichZeitgemässeabermuss 
herausgefunden werden, nur mit diesem 
hat es die Kunst, die ein treuer Spiegel 
jeder Zeit sein soll, zu thun. Da kom 
men nun freilich die Anhänger der abso 
luten Kunst und behaupten, der Mensch 
sei zu allen Zeiten gleich gewesen und 
STUDIEN AUS KUTTEN 
BERG IN BÖHMEN. GEZ. 
V. H. SCHWAIGER. 1886. 
die Zeitunterschiede seien gar nicht we 
sentlich. Glücklicherweise ist auch da die 
historische Forschung zu sehr merk 
würdigen Ergebnissen gelangt: Es steht 
ifst, dass das menschliche Ohr zu ver 
schiedenen Zeiten anders hörte, und 
schon daraus könnte man schliessen, 
dass der Mensch zu verschiedenen Zeiten 
anders empfand, wenn man es nicht 
auch sonst wüsste. Nach der Empfin 
dung richten sich dann weiter die Inter- 
essen. Um ein Beispiel durchzuführen: 
Der Mensch des Barockzeitalters hatte 
noch kein Auge für die Spitzen, jeden 
falls störten sie ihn; so stumpften alle 
Künstler der Zeit die Alpenspitzen ab, 
druckten die gothischen Spitzbogen zu 
sammen u. s. w. Die Grandiosität des 
Alpencharakters wurde denn damals 
auch nicht gefühlt, die grosse Ebene war 
die Idealgegend, dahin versetzten die 
Fürsten ihre Lustschlösser, und derMaler 
der Zeit wurde Claude Lorrain.* Selbst 
verständlich wird es nicht immer mög 
lich sein, das Charakteristische einer 
Zeit, in der man lebt, vollständig klar 
v* "keinen, denn jeder ist eben in seiner 
Zeit befangen, aber die Hauptsachen las 
sen sich durch sorgfältige Vergleichung 
mit früheren Zeiten am Ende doch fest 
stellen, allen grösseren Geistern ist eben 
auch ein grösseres Mass von Selbster 
kenntnis verliehen, und so werden doch 
immerhin wichtige Aufschlüsse darüber 
zu gewinnen sein, was eine Zeit ist und 
wohin sie strebt. 
Was die tiefere Ursache der Ver 
änderungen des Menschen, seines Schau 
ms» Fühlens, Denkens, Sterbens durch 
die Zeit ist, darüber wird sich erst dann 
etwas sagen lassen, wenn wir die Gesetze 
der menschlichen Entwickelung genau 
kennen, eine wirkliche Philosophie der 
Geschichte haben; einstweilen müssen 
wir uns an der Thatsache genügen lassen. 
Sehr viel erklärt die Einwirkung der 
verschieden gearteten Völker aufeinan 
der. So ist es bekannt, dass das Freiden 
kerthum zuerst in England im siebzehn 
ten Jahrhundert erwachte, sich dann in 
der ersten Hälfte des achtzehnten über 
* Vergl. Riehl, Culturstudien aus drei 
Jahrhunderten.
	        
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