SACRUM.
Ideen vergleichen, das,
wpa schuf. Die Aufklärung war zeitgemäss geworden.
Ahnhch wie die geistigen erklären sich auch die künstleri-
schen ßewegungen; man denke an die allmähliche Ver
breitung der Gothik, des Barock und Rococo. Es ist, wie
ÄVr T natiot J aI " Anfang da, das Zeitklima
Klfän'r Bewtr “ e -*■■■>
jedoch stets nur dann, wenn
sie wiedertief in dasNationale
eindringt und grosse Geister
erweckt und befruchtet. So
finden wir es auch bei allen
grossen Bewegungen unseres
J ahrhunderts. W ie geringfügig
erscheinen bespielsweise die
Anfänge der Romantik, die
von Deutschland ausgieng;
aber sie kam allen europäi
schen Völkern zur rechter Zeit
und brachte ihnen allen eine
neue Blüte der nationalen
Literatur. Jedenfalls, und das
möchte ich als ein Haupt
resultat meiner Ausführun
gen hingestellt wissen, sind
dasNationale und das Zeitge
mässe stets in inniger Verbin-
dung, wo eine grosse Kunst ist.
Es war ein verhängnisvoller
Irrthum der Dichter und
Künstler des verflossenen
Zeitraums, dass sie eine na
tionale Kunst ohne Berück
sichtigung des Zeitgemässen
schaffen zu können glaubten;
es ist vielleicht ein nicht min
der verhängnisvoller des uns-
rigen, dass das Ideal der Moderne vom Nationalen ganz
absieht.
Soviel ist sicher: der Bedingungen, unter denen eine
Kunst zur Blüte gelangen kann, sind mannigfache; man
muss nicht denken, dass eine Triebkraft genügt. Oft schon
ist die Kunst unter dem Bilde eines Baumes dargestellt
worden und man findet vielleicht kein besseres. Der Baum
muss fest in der Muttererde stehen, seine Wurzeln weit-
• m 4 tfC ^ cn ' Kraft und Saft entnehmen können — sie
«t das Nätionale, der grosse Volksuntergrund, ohne den
Kunst gedeiht. Aber der Baum braucht auch Regen
und Sonnenschein, Bestandteile der Luft — diesen möchte
Bleiern liegt Gewitterschwüle
Auf der nachtumhüllten Heide,
Heisser Brodem steigt zum Himmel
Als der Erde Qualgestöhne.
Nur ein Menschenpaar steht einsam
In der weiten, dumpfen Öde,
Küssend glutenvolle Küsse
Und gefoltert von Dämonen.
Alois Tluchor.
A i daS Z ?, tgemasse «scheint. Und dann endlich
muK der Baum selbst etwas in sich tragen, seine besondere
Art das ist das Individuelle, die künstlerische Einzel-
begäbung, die weder aus dem Volke noch der Zeit voll
ständig erklärt werden kann, etwas vollständig Neues und
das Entscheidende ist. Grosse künstlerische Individualitäten
sind immer zeitgemäss. So stellt sich die Antwort auf un
sere Frage: Was ist zeitge
mäss ? zuletzt so: Alles, was
keine frühere Zeit ebenso her
vorgebracht hat, wasimnatio-
nalen Boden feste Wurzeln
gewinnt und von bedeutenden
künstlerischen Persönlichkei
ten vertreten wird.
Demgegenüber verschwin
den die Fragen der Technik
u. s. w. fast vollständig. Jedes
einer Zeit eigenthümliche
Schauen und Empfinden
schafft sich seine eigene Tech-
nik, die von jedem Volke
übernommen werden kann,
aber nicht an und für sich
Wert hat, sondern erst durch
den nationalen Gebrauch, im
Dienste bedeutender Indivi
duen solchen erlangt. Rubens
hat seineTechnik zum grossen
Theil von den Italienern ge
lernt, aber er hat sie als
Flamänder gebraucht und ihr
durch seine künstlerische
Persönlichkeit Grösse ver
liehen. Ungefähr soweit, dies
einzusehen, ist man auch im
heutig en Deutschland,so wohl
m der Dichtkunst wie in der
Malerei, die alle beide namentlich bei den Franzosen
in die Schule gegangen sind, nun aber streben, mit Hilfe
des Erlernten dem heimischen Boden seine Schätze abzu
gewinnen. Das ist fast wörtlich zu nehmen; denn überall
sehen wir die Künstler bemüht, sich an einem bestimmten
Fleck der Heimaterde wahrhaft heimisch zu machen. So
kann die nationale Kunst nicht verflachen, so die zeit-
gemässe nicht Modekunst werden. Das grosse Ergebnis
der historischen Kritik, dass jede grosse Kunst sowohl
national wie zeitgemäss gewesen sei, beginnt damit prak
tische Bedeutung zu gewinnen.
ADOLF BARTELS.
Illustration von
Hans Sehwaigsr.
1898.