UMfR SACRUM.
Dcf beste Kritiker ist das Gedächtnis. Nur die
grossen Künstler, nur die echten Werke fordern es.
Es ist der Wertmesser der Tiefe. Alles Manierierte,
und sei es auch eine gewisse „natürliche Manier“,
alles Virtuose, es lässt keinen Nachklang zurück, es
wird vom Gedächtnis verloren. Man versuche es nur.
Wie wenig bleibt von der Unmasse des Gebotenen!
Sei’s Poesie oder Malerei, Architektur oder Musik,
unerbittlich scheidet das Gedächtnis aus. Ich habe
gerühmte Gemälde oft gesehen und doch vergessen
manchen Thoma z. B. nur einmal. Und ich habe ihn
nicht wieder verloren. —
Der Geniessende muss mit Liebe vor das Kunstwerk
treten. Er muss sich ganz hineinversenken, ganz
darin aufgehen können. Seine Liebe muss so stark
sein, dass sie sich durch Schwierigkeiten nicht abschrecken
lässt, und sie muss einen so tiefen Ernst in
sich tragen, dass sie nicht oberflächlich über einWerk,
dessen Gehalt ihr nicht sofort anklingt, hingleitet.
Dann findet sie das Beste des Kunstwerkes und sein
Wichtigstes: DIE PERSÖNLICHKEIT. Sie trägt
neue Schlüssel in Händen, sie macht uns den Genuss
um so umfassender, je klarer wir sie erkennen. Sie
löst die letzten Fragen. Und tritt uns da, wo uns
Kunst entgegentritt, nicht die Persönlichkeit entgegen?
Und ebenso umgekehrt? Oder gibt es eine
unpersönliche Kunst, von Michel Angelo bis Böcklin,
von Dante bis Goethe und Liliencron, von Bach bis
Beethoven und Wagner? Und trägt nicht ein gut
Theil der Grösse dieser Künstler gerade ihre Persönlichkeit
und nicht auch ein gewaltiges Mass ihrer
Wirkung?! ....
Zwar sagt Nietzsche sehr richtig von der Wagnerischen
Kunst: „Man denkt bei dem Wagner'schen
Kunstwerk weder an das Interessante, noch das Ergötzliche,
noch an Wagner selbst, noch an die Kunst
überhaupt, man fühlt nur das Nothwendige“, aber
fliesst dieses „Nothwendige“, diese wunderbare Suggestionskraft
nicht gerade erst recht und nur aus dem
Persönlichen, aus der Schöpferkraft und Gestaltungstiefe
der Persönlichkeit, die ich überragend, übermenschlich
in ihrem Werke bewusst oder unbewusst
fühle und der ich mich beuge — in Nothwendigkeit,
in der Fülle meines Genusses aber auch zugleich! Und
ist die viel gerügte und bewunderte „Objectivität“
Goethes, soweit sie seine Lyrik insbesondere angeht,
nicht auch nur künstlerisch erhöhte und damit gemeisterte
Subjectivität? Und tritt nicht diese Subjectivität
in seinen objectivsten, objectiv einem Kunstprincip
nachgeschaffenen DRAMEN in den wunderbaren,
reichen Sentenzen wieder und wieder hervor,
heute noch von eigener Wirkung und uns die Möglichkeit
des Geniessens schaffend! ...
Aus dem Lebensinhalte des Künstlers fliesst sein
Werk. Aus seinem SCHICKSALE heraus ist es geschaffen,
das nach Goethe in seinen „Verdüsterungen
und Erleuchtungen“ besteht. Das zu erkennen, ist
dem Geniessenden der beste Schlüssel. Je mehr ER
ihm aufschliesst, umso voller strömt es ihm entgegen...
Freilich berühren sich gerade in der Persönlichkeit
Kunstgefühl und Kunstverständnis. Auch dies
dürfte für die Wichtigkeit derselben in Bezug auf das
Kunstwerk selbst sprechen, vermindert zugleich aber
auch nicht ihren besonderen Wert für den Kunstgenuss.
Ich möchte denn noch betonen, dass — wenigstens
aus dem EINZELNEN Werke und gerade
Buohschmuok
Y.J.Hoffmann.