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MAK

Full text : Jahrgang 1 (1898) (Heft 9)

UMfR  SACRUM.

Dcf  beste  Kritiker  ist  das  Gedächtnis.  Nur  die
grossen  Künstler,  nur  die  echten  Werke  fordern  es.
Es  ist  der  Wertmesser  der  Tiefe.  Alles  Manierierte,
und  sei  es  auch  eine  gewisse  „natürliche  Manier“,
alles  Virtuose,  es  lässt  keinen  Nachklang  zurück,  es
wird  vom  Gedächtnis  verloren.  Man  versuche  es  nur.
Wie  wenig  bleibt  von  der  Unmasse  des  Gebotenen!
Sei’s  Poesie  oder  Malerei,  Architektur  oder  Musik,
unerbittlich  scheidet  das  Gedächtnis  aus.  Ich  habe
gerühmte  Gemälde  oft  gesehen  und  doch  vergessen
manchen  Thoma  z.  B.  nur  einmal.  Und  ich  habe  ihn
nicht  wieder  verloren.  —
Der  Geniessende  muss  mit  Liebe  vor  das  Kunstwerk ­
  treten.  Er  muss  sich  ganz  hineinversenken,  ganz
darin  aufgehen  können.  Seine  Liebe  muss  so  stark
sein,  dass  sie  sich  durch  Schwierigkeiten  nicht  abschrecken
  lässt,  und  sie  muss  einen  so  tiefen  Ernst  in
sich  tragen,  dass  sie  nicht  oberflächlich  über  einWerk,
dessen  Gehalt  ihr  nicht  sofort  anklingt,  hingleitet.
Dann  findet  sie  das  Beste  des  Kunstwerkes  und  sein
Wichtigstes:  DIE  PERSÖNLICHKEIT.  Sie  trägt
neue  Schlüssel  in  Händen,  sie  macht  uns  den  Genuss
um  so  umfassender,  je  klarer  wir  sie  erkennen.  Sie
löst  die  letzten  Fragen.  Und  tritt  uns  da,  wo  uns
Kunst  entgegentritt,  nicht  die  Persönlichkeit  entgegen? ­
  Und  ebenso  umgekehrt?  Oder  gibt  es  eine
unpersönliche  Kunst,  von  Michel  Angelo  bis  Böcklin,
von  Dante  bis  Goethe  und  Liliencron,  von  Bach  bis
Beethoven  und  Wagner?  Und  trägt  nicht  ein  gut
Theil  der  Grösse  dieser  Künstler  gerade  ihre  Persönlichkeit ­
  und  nicht  auch  ein  gewaltiges  Mass  ihrer
Wirkung?!  ....
Zwar  sagt  Nietzsche  sehr  richtig  von  der  Wagnerischen ­

  Kunst:  „Man  denkt  bei  dem  Wagner'schen
Kunstwerk  weder  an  das  Interessante,  noch  das  Ergötzliche, ­
  noch  an  Wagner  selbst,  noch  an  die  Kunst
überhaupt,  man  fühlt  nur  das  Nothwendige“,  aber
fliesst  dieses  „Nothwendige“,  diese  wunderbare  Suggestionskraft ­
  nicht  gerade  erst  recht  und  nur  aus  dem
Persönlichen,  aus  der  Schöpferkraft  und  Gestaltungstiefe ­
  der  Persönlichkeit,  die  ich  überragend,  übermenschlich ­
  in  ihrem  Werke  bewusst  oder  unbewusst
fühle  und  der  ich  mich  beuge  —  in  Nothwendigkeit,
in  der  Fülle  meines  Genusses  aber  auch  zugleich!  Und
ist  die  viel  gerügte  und  bewunderte  „Objectivität“
Goethes,  soweit  sie  seine  Lyrik  insbesondere  angeht,
nicht  auch  nur  künstlerisch  erhöhte  und  damit  gemeisterte ­
  Subjectivität?  Und  tritt  nicht  diese  Subjectivität
  in  seinen  objectivsten,  objectiv  einem  Kunstprincip
  nachgeschaffenen  DRAMEN  in  den  wunderbaren, ­
  reichen  Sentenzen  wieder  und  wieder  hervor,
heute  noch  von  eigener  Wirkung  und  uns  die  Möglichkeit ­
  des  Geniessens  schaffend!  ...
Aus  dem  Lebensinhalte  des  Künstlers  fliesst  sein
Werk.  Aus  seinem  SCHICKSALE  heraus  ist  es  geschaffen, ­
  das  nach  Goethe  in  seinen  „Verdüsterungen
und  Erleuchtungen“  besteht.  Das  zu  erkennen,  ist
dem  Geniessenden  der  beste  Schlüssel.  Je  mehr  ER
ihm  aufschliesst,  umso  voller  strömt  es  ihm  entgegen...
Freilich  berühren  sich  gerade  in  der  Persönlichkeit ­
  Kunstgefühl  und  Kunstverständnis.  Auch  dies
dürfte  für  die  Wichtigkeit  derselben  in  Bezug  auf  das
Kunstwerk  selbst  sprechen,  vermindert  zugleich  aber
auch  nicht  ihren  besonderen  Wert  für  den  Kunstgenuss. ­
  Ich  möchte  denn  noch  betonen,  dass  —  wenigstens ­
  aus  dem  EINZELNEN  Werke  und  gerade

Buohschmuok
Y.J.Hoffmann.
            
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